Einkommen und Vermögen

Einkommen und Vermögen

Seit Mitte der 1990er Jahre schien die Ungleichheit in Deutschland unaufhaltsam zuzunehmen. Mittlerweile schließt sich die Einkommensschere aber wieder etwas.

Die Unternehmen suchen ständig nach qualifizierten Mitarbeitern und zahlen ihnen gute Löhne. Gleichzeitig stehen Geringqualifizierte im Konkurrenzkampf mit Arbeitern aus Billiglohnländern und mit Computern, die immer mehr Aufgaben erledigen können. Wegen dieser Trends hat sich die Einkommensschere in Deutschland – wie in allen Industriestaaten – in den vergangenen beiden Jahrzehnten geöffnet. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern konnte Deutschland die Einkommensdrift zuletzt aber bremsen – und sogar ein Stück weit zurückdrehen. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und der beispiellose Abbau der Arbeitslosigkeit haben die Lebenssituation von Millionen Menschen verbessert.

Zudem greift der Staat in Deutschland tiefer in die Einkommensverteilung ein als viele andere Staaten, so dass sich die Extreme ein gutes Stück näher kommen. So verworren die Umverteilungseffekte im Einzelnen sind, das Ergebnis ist eindeutig: Mit steigendem Markteinkommen schmelzen die staatlichen Bezüge, während die Abgabenlast kontinuierlich wächst. Umgekehrt bekommen die Bürger umso mehr Zahlungen vom Staat, je weniger sie verdienen.

Unterm Strich bleibt aber eine beachtliche Konzentration der finanziellen Mittel: Die oberen 10 Prozent beziehen 30 Prozent der Einkommen. Noch ungleicher sind die Vermögen verteilt: Die vermögendsten 10 Prozent der Bevölkerung vereinigen 60 Prozent des Besitzes auf sich. Ganz so abgehoben, wie diese Zahlen nahe legen, ist die Oberschicht aber nicht, denn ein großer Teil der Vermögen ist in Betrieben gebunden. Viele Reiche legen ihr Geld also auch in Arbeitsplätzen an.

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Armut wird relativ gemessen, denn es wird berechnet, wie jemand im Verhältnis zu anderen steht. Eine Person gilt dann als arm, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt.

Daraus folgt: Wenn alle Einkommen steigen, die der Reichen jedoch stärker als die der Armen, dann nimmt die Armut zu, obwohl die Armen mehr haben als zuvor. Armut ist auch in anderer Hinsicht relativ: Jemand, der in einem Land als arm gilt, zählt in einem anderen Land womöglich zu den Wohlhabenden. Obwohl das Wohlstandsniveau in Deutschland höher liegt als in den meisten anderen Staaten Europas, liegt der Anteil der Armen unter dem europäischen Durchschnitt. Der Grund findet sich in den staatlichen Transferleistungen: Mit der Sozialhilfe, der Grundsicherung im Alter und dem Arbeitslosengeld II hat Deutschland wirksame Instrumente, um materielle Armut zu vermeiden.

Der soziale Aufstieg kann jedoch nur gelingen, wenn die Betroffenen einen Job finden. Dies fällt in Deutschland vor allem Alleinerziehenden und Migranten schwer. Damit mehr Menschen ohne staatliche Hilfe auskommen, muss sich zum einen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, und zum anderen muss die Aufnahme einer Beschäftigung lohnender werden. Geringverdiener, die ergänzend Arbeitslosengeld II beziehen, sollten deshalb mehr von ihrem Hinzuverdienst behalten dürfen.

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Die Einkommensungleichheit nimmt in Deutschland wie auch in vielen anderen Industrienationen tendenziell zu. Allerdings greift der Staat so stark in die Verteilung ein, dass von einem Auseinanderdriften der Gesellschaft keine Rede sein kann.

Im Gegensatz zu den Markteinkommen ist der Unterschied zwischen den Nettoeinkommen zuletzt nahezu konstant geblieben. Denn einerseits zahlt der Staat Sozialleistungen wie Kindergeld, Renten, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Andererseits erhebt die öffentliche Hand Steuern und Sozialabgaben – je höher das Einkommen, desto mehr muss der Bürger an den Fiskus bezahlen. Das oberste Zehntel der Einkommensbezieher schultert mehr als die Hälfte der Einkommenssteuerlast. Das untere Fünftel zahlt so gut wie gar keine Einkommenssteuer, bezieht aber einen Großteil der staatlichen Transfers.

Zu viel Umverteilung hat jedoch einen unerwünschten Nebeneffekt: Die Leistungsträger werden sich kaum ins Zeug legen, wenn der Staat sie um die Früchte ihrer Arbeit bringt. Nur wenn harte Arbeit, Wissen und Fähigkeiten belohnt werden, entsteht ein Anreiz, in die eigene Bildung und die der Kinder zu investieren. Letztlich ist auch den Einkommensschwächeren gedient, wenn die Leistungsbereitschaft der Starken erhalten bleibt. Denn in einer wachsenden Volkswirtschaft verbessern sich in der Regel auch die Einkommen der unteren Schichten. Das gilt auch dann, wenn die Einkommen der Besserverdiener schneller wachsen und die Einkommensverteilung im Ergebnis ungleicher wird.

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Die Vermögen sind in Deutschland stark konzentriert: Je höher die Bildung, desto mehr haben die Menschen in der Regel gespart. Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn haben die Deutschen insgesamt aber recht wenig auf der hohen Kante.

Das Vermögen der Deutschen beträgt laut Europäischer Zentralbank rund 8 Billionen Euro – etwa das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das Vermögen besteht aus Immobilien, Aktien, Autos, Kunstwerken und natürlich Geld, das auf Konten und unter Kopfkissen schlummert. Jeder Bundesbürger verfügt abzüglich der Schulden über ein Vermögen von 95.700 Euro – im Durchschnitt jedenfalls. Zu einem etwas anderen Ergebnis kommt man, wenn man alle Bürger nach dem Wert ihres Besitzes aufreiht und den sogenannten Median feststellt – das ist Wert, der die Bürger in zwei Hälften teilt: Die eine hat mehr, die andere weniger Vermögen. In Deutschland verfügt dieser mittlere Bürger über 25.200 Euro – das ist nur gut ein Viertel des durchschnittlichen Vermögens.

Verglichen mit den anderen Euro-Staaten ist der Unterschied zwischen Median und Durchschnitt in Deutschland auffällig groß – ein Hinweis darauf, dass die Vermögen hierzulande ziemlich ungleich verteilt sind. Frankreich, Italien und Spanien haben eine ausgeglichenere Vermögensverteilung. Zudem ist etwa das Vermögen des mittleren Franzosen gut doppelt so hoch wie das des mittleren Deutschen. Der Hauptgrund für das schlechte Abschneiden der Deutschen ist der geringe Immobilienbesitz. Mehr als die Hälfte des Vermögens in der Eurozone besteht aus Immobilien – und gerade hier haben die Deutschen wenig zu bieten.

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