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IW-Kurzbericht Nr. 64 22. Juli 2025 Matthias Diermeier / Susanne Seyda Trotz Herausforderungen: Unternehmen und Bevölkerung optimistisch

Die vier großen Megatrends – Digitalisierung, Dekarbonisierung, Deglobalisierung und der demografische Wandel stellen Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen vor große Herausforderungen (Demary et al., 2021). Dennoch sehen Bevölkerung und Unternehmen bei allen Trends bzw. den möglichen politischen Lösungsansätzen mehr Chancen als Risiken.

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Unternehmen und Bevölkerung optimistisch
IW-Kurzbericht Nr. 64 22. Juli 2025 Matthias Diermeier / Susanne Seyda

Trotz Herausforderungen: Unternehmen und Bevölkerung optimistisch

Matthias Diermeier / Susanne Seyda Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die vier großen Megatrends – Digitalisierung, Dekarbonisierung, Deglobalisierung und der demografische Wandel stellen Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen vor große Herausforderungen (Demary et al., 2021). Dennoch sehen Bevölkerung und Unternehmen bei allen Trends bzw. den möglichen politischen Lösungsansätzen mehr Chancen als Risiken.

Sowohl Unternehmen als auch die Bevölkerung haben der Politik zuletzt klar signalisiert, dass die Umbrüche sie bis an die Grenzen des Zumutbaren bringen (Bundeskanzleramt, 2024). Zwei IW-Befragungen deuten nun daraufhin, dass beide Gruppen – trotz aller ökonomischer Schwierigkeiten und gesellschaftlicher Spannungen – in den einzelnen Treibern der Veränderungen vorrangig Chancen erkennen (siehe Kasten Datengrundlagen).

Digitaler Wandel

Die Digitalisierung prägt unsere Wirtschaft und Gesellschaft schon seit vielen Jahren. Seit einiger Zeit haben sich die Veränderungen durch Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz nochmals beschleunigt. Für einige Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze stellt die Digitalisierung eine ganz konkrete Bedrohung dar. An anderer Stelle ergeben sich hingegen Chancen auf enorme Produktivitätszuwächse. Im digitalen Wandel werden besonders große Chancen gesehen. Eine breite Mehrheit sowohl der Unternehmen (71,7 Prozent) als auch der Bevölkerung (65,9 Prozent) sehen ihn als Chance. Bei gerade einmal 13 Prozent der Unternehmen und 11,1 Prozent der befragten Personen überwiegt die Wahrnehmung als Risiko. Bei der Bewertung bestehen in der Bevölkerung nur geringe Unterschiede zwischen den Einkommens- oder Bildungsschichten. Sozio-ökonomisch schlechter gestellte Menschen haben nur eine etwas höhere Risikowahrnehmung. Hier sticht einzig die AfD-Anhängerschaft heraus: Für mehr als jeden fünften AfD-Anhänger überwiegen beim Thema Digitalisierung die Risiken.

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Demografischer Wandel

Der demografiebedingte Fachkräftemangel erschwert die Personalrekrutierung vielerorts. So gaben 56 Prozent der Unternehmen an, dass sie im Jahr 2024 Schwierigkeiten hatten, Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung zu finden (IW-Zukunftspanel 2025, Welle 50). Die Zuwanderung von Fachkräften ist dabei einer der zentralen Kanäle, Personal zu gewinnen. Im Jahr 2022 gab knapp jedes dritte Unternehmen an, Erfahrungen mit internationalen Fachkräften zu haben, die für die Arbeitsaufnahme eingewandert sind (Pierenkemper et al., 2023). 84 Prozent der Unternehmen waren der Meinung, dass ausländische Fachkräfte die Unternehmen bereichern. Auch wenn weiterhin Hürden bei den rechtlichen Regelungen und den komplexen Anerkennungsverfahren bestehen, sieht die große Mehrheit der Unternehmen in der Fachkräftezuwanderung Chancen (59,3 Prozent) – als Risiko wird sie von 17,5 Prozent eingeschätzt.

Dem polarisierten Diskurs um die Migration nach Deutschland entsprechend sind die Einschätzungen in der Bevölkerung etwas zurückhaltender. Jede zweite befragte Person sieht in der Fachkräftezuwanderung eine Chance, 23,3 Prozent ein Risiko. Bei diesen Bewertungen bestehen relevante Unterschiede zwischen den Bildungsschichten. So empfinden 29,9 Prozent der Menschen mit einem Hauptschulabschluss die qualifizierte Zuwanderung als Risiko, aber nur 18,6 Prozent der Befragten mit Abitur. Noch deutlicher zeigt sich die politische Spaltungslinie: 58,6 Prozent der AfD-Anhän-ger teilen die Risikoeinschätzung – unter Parteigängern der Grünen sind es gerade einmal 3,3 Prozent.

Abschluss neuer Freihandelsabkommen

Am größten ist die Differenz zwischen Bevölkerung und Unternehmen bei den Einschätzungen zum Freihandel. Nicht zuletzt mit den protektionistischen Tendenzen, die seit der ersten Wahl Donald Trumps vor knapp zehn Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen haben, steht gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft vor großen Schwierigkeiten. Entsprechend sehen 64,5 Prozent der Unternehmen im Abschluss neuer Freihandelsabkommen eine Chance. Ähnlich wie mit Blick auf die Fachkräftezuwanderung sehen große Firmen auch mit Blick auf Freihandelsabkommen noch größere Chancen als kleine und mittelgroße Unternehmen. In der Bevölkerung ist die Stimmung hingegen weniger optimistisch. Knapp die Hälfte sieht hier eine Chance, 13,6 Prozent sehen Risiken. Eine besonders starke Risikowahrnehmung gibt es bei Anhängern der AfD (24,9 Prozent) und des BSW (18,3 Prozent). Noch vor einigen Jahren gab es in der Bevölkerung gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA enorme Widerstände. Die aktuelle Situation großer zollpolitischer Unsicherheiten hat die Unterstützung des Freihandels nun offenbar gestärkt. 

Klimapolitische Transformation

Die größten Risiken und die geringsten Chancen werden bei der klimapolitischen Transformation gesehen. Wirtschaft und Gesellschaft müssen bis zum Jahr 2045 einen gesetzlich verankerten Strukturwandel umsetzen. In Deutschland sollen dann netto keine Emissionen mehr ausgestoßen werden, um Klimaschäden zu vermeiden bzw. ihre Kosten einzudämmen. Für die deutsche Wirtschaft bedeutet dies einen tiefgreifenden Umbau, gerade in den energieintensiven Branchen. Für die Bevölkerung werden Maßnahmen wie CO2-Preise in den Sektoren Wohnen und Verkehr zunehmend spürbar werden. Schon heute lässt sich jedoch ein wachsender Widerstand gegen die Transformationspolitik dort beobachten, wo entsprechende gut bezahlte Industriearbeitsplätze als bedroht empfunden werden (Bergmann et al., 2023). Zugleich wird die globale Klimaerwärmung als Damoklesschwert erlebt, was sich zumindest auf der abstrakten Ebene in einer hohen Zustimmung einer umfassenden Klimapolitik der Bundesregierung spiegelt. 

Diese Abwägungen zeigen sich in der Einschätzung der Chancen und Risiken der klimapolitischen Transformation: Knapp 42,6 Prozent der Bevölkerung sehen hierin Chancen, für ein Viertel überwiegen die Risiken. Auch wenn die klimapolitische Transformation damit am kritischsten gesehen wird, überwiegen allerdings auch hier die Chancen die Risiken – und das in vergleichbarem Maße über Alters-, Einkommens- und Bildungsgrenzen hinweg. Große Unterschiede finden sich hingegen abermals mit Blick auf die Rechtsaußen-Anhänger: Nur in der AfD-Anhängerschaft findet die Risikowahrnehmung eine Mehrheit (55 Prozent). Unter allen anderen Parteigängern überwiegt die Chancenperspektive. Die Unternehmen nehmen demgegenüber eine ambivalente Perspektive ein: Mit 38,3 Prozent überwiegt die Chancenwahrnehmung nur knapp den Blick auf die Risiken (36,2 Prozent). Mittelgroße und große Unternehmen sehen sogar etwas mehr Risiken als Chancen. Nur bei der klimapolitischen Transformation nimmt die Wirtschaft eine pessimistischere Perspektive ein als die Bevölkerung.

In der Gesamtschau zeigt sich, dass Unternehmen und Gesellschaft in den komplexen Brüchen unserer Zeit eine positive Zukunftsperspektive einnehmen. Um mit der Unsicherheit durch diese Veränderungen umgehen zu können, braucht es jedoch einen offenen Diskurs über Chancen und Risiken. Hierzu zählt auch die Klarheit darüber, dass Klimaschutz mit Kosten verbunden ist, die regional und sozial verträglich verteilt werden sollten. Ebenfalls enorm wichtig sind verlässliche politische Rahmenbedingungen, die Investitionen erleichtern und die Transformation planbar machen (Küper et al., 2025).

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