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Klaus-Heiner Röhl IW-Kurzbericht Nr. 31 28. Mai 2018 Social Entrepreneurship: Startups mit sozialem Ansatz

Deutschland hinkt bei innovativen Gründungen, die die Lösung gesellschaftlicher Probleme mit Ideen aus der Sharing Economy und der Nutzung von Onlineangeboten verbinden, den angelsächsischen oder skandinavischen Ländern bislang hinterher. Dabei können Sozialunternehmer als Testfeld für neue Ideen fungieren und gesellschaftliche Innovationen vorantreiben.

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Startups mit sozialem Ansatz
Klaus-Heiner Röhl IW-Kurzbericht Nr. 31 28. Mai 2018

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Deutschland hinkt bei innovativen Gründungen, die die Lösung gesellschaftlicher Probleme mit Ideen aus der Sharing Economy und der Nutzung von Onlineangeboten verbinden, den angelsächsischen oder skandinavischen Ländern bislang hinterher. Dabei können Sozialunternehmer als Testfeld für neue Ideen fungieren und gesellschaftliche Innovationen vorantreiben.

Sozial orientiertes Unternehmertum ist in Deutschland an sich nicht neu. Genossenschaften wurden schon im 19. Jahrhundert mit einem gesellschaftsorientierten Ansatz gegründet, der über die reine Gewinnerzielungsabsicht hinausging. Damals war das Land ein Zentrum sozialer unternehmerischer Innovation (SEND/Bundesverband Deutsche Startups, 2017, 2). Doch im 20. Jahrhundert wurde mit dem Ausbau staatlicher Sicherungssysteme die Privatinitiative im gesellschaftlichen Bereich zunehmend ins Ehrenamt abgedrängt oder gemeinnützigen Organisationen überantwortet.

Im 21. Jahrhundert haben sich die Bedingungen für Innovationen mit gesellschaftlichem Nutzen durch das Internet und die darauf aufbauende Plattform Economy und Sharing Economy aber grundlegend geändert (vgl. Demary, 2016; 2017). Neue, oft internetbasierte Technologien bilden die Basis, auf der soziale Innovationen entwickelt und umgesetzt werden können. Staatliche Stellen und große gemeinnützige Organisationen sind jedoch zumeist keine guten Innovatoren (Funke, 2014), so dass engagierte Entrepreneure einen Mehrwert schaffen können. Diese haben sich 2017 im Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) zusammengeschlossen, um sich besser zu vernetzen und als Ansprechpartner für die Politik zu dienen, die sich zunehmend für Innovationen im Sozialbereich interessiert. Inzwischen gibt es 214 Mitgliedsunternehmen vorwiegend in den Großstädten, wo die Umsetzung sozial oder ökologisch inspirierter Ideen durch Gründung eines eigenen Unternehmens offenbar bei vielen jungen Menschen einen Nerv getroffen hat. Hier entwickelt sich eine spezifische Gründerkultur, die auch Social Entrepreneurship begünstigt (Röhl, 2016).

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Generell handelt es sich bei Startups um innovative Gründungen, die neue Technologien nutzen oder entwickeln (Röhl, 2016). Social Entrepreneurship erweitert diesen Aspekt auf soziale Innovationen. Das Spektrum der Ideen, die in die neuen Unternehmen einfließen, reicht von der Jugend- oder Flüchtlingshilfe über den Gesundheitssektor und die Entwicklungszusammenarbeit bis zur Vermeidung von Ressourcenverschwendung in der Lebensmittelwirtschaft oder neuen Wegen im Energiebereich. Dabei werden nicht selten Elemente der Sharing Economy integriert oder Internetplattformen genutzt.

Die zumeist jungen Initiatoren der Startups möchten sich nicht auf staatliche Institutionen als soziale Problemlöser verlassen, sondern finden oft ganz neue Lösungsansätze. Sie halten die private Initiative eher als das staatliche soziale Netz für die entscheidende Triebfeder zur Steigerung der Wohlfahrt in der sozialen Marktwirtschaft, zumal sie sich so auch um Bereiche kümmern können, die außerhalb des Blickfelds der „klassischen“ Sozialpolitik liegen. Die sozialen Startups können neue Verfahren in der Hilfe für benachteiligte oder kranke Menschen austesten, die dem staatlichen System aufgrund bestehender gesetzlicher Regelungen verwehrt sind (SEND/Bundesverband Deutsche Startups, 2017). So können Innovationspotenziale erschlossen werden, die den öffentlichen Sektor in den Feldern großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie dem demografischen Wandel oder der Integration von Flüchtlingen unterstützen. Die Sozialunternehmen können aber auch neue Verfahren und Maßnahmen austesten, die später in die staatliche Sozialpolitik Eingang finden.

Beispiele für die Vielfalt sozialer Startups sind Social Bee aus München, das Flüchtlinge mit beruflichen Vorkenntnissen weiter qualifiziert und – zunächst über Zeitarbeit – in Unternehmen vermittelt, Africa GreenTec aus Hainburg bei Frankfurt, das solaren Technologien in Afrika zum Durchbruch verhelfen möchte und zugleich Dörfer auf dem Kontinent erstmals mit Energie versorgt, Retrobrain, eine Ausgründung der Berliner Charité, die therapeutische Spiele für Geriatriepatienten entwickelt, oder die Berliner Firma Diversicon, das Fachkräfte mit Autismus unterstützt und coacht.

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Diese Sozialunternehmen – wobei „sozial“ relativ breit als gesellschaftsbezogen definiert ist – können einerseits sehr nah an der Gemeinnützigkeit operieren und auf die Einwerbung von Spenden oder öffentlichen Mitteln angewiesen sein, andererseits können sie aber auch kommerzielle Unternehmen sein, die ihr Handeln sozial verantwortlich ausrichten. Die Übergänge sind oft fließend. Unternehmen, deren sozialer Aspekt sich auf die Erstellung eines CSR-Reports beschränkt, zählen jedoch nicht dazu (SEND/Bundesverband Deutsche Startups, 2017, 3).

Hotspot der heimischen Social Entrepreneurship-Szene ist Berlin. Mit 67 Unternehmen sind hier 31 Prozent der Netzwerkmitglieder beheimatet. Die Hauptstadt ist zum einen die Startup-Hochburg des Landes (Röhl, 2016), zum anderen gibt es hier jedoch auch trotz des Wirtschaftsaufschwungs der letzten Jahre viele soziale Probleme und darüber hinaus viele Hochschulabsolventen, die nach ihrem Abschluss nicht nur Geld verdienen, sondern etwas gesellschaftlich Relevantes tun möchten. An zweiter Stelle steht unter den Bundesländern Bayern mit einem Fünftel der SEND-Mitglieder, allein 28 sind in München beheimatet. An vierter Stelle hinter Nordrhein-Westfalen liegt mit 17 Unternehmen bereits der Stadtstaat Hamburg, was verdeutlicht, dass es sich bei sozialen Startups um ein stark auf die großen urbanen Zentren ausgerichtetes Phänomen handelt.

Zu den drängenden Problemen sozialer Startups gehört die Finanzierung. Als eine Art Hybrid aus Unternehmensgründung und gemeinnütziger Organisation fallen Sozialentrepreneure oft durch das Raster öffentlicher und privater Finanzierungsinstrumente in Form von Fördermitteln, Fremdkapital oder Private Equity, die auf klassische Gründungen fokussiert sind oder eine Finanzierung bei reiner Gemeinnützigkeit vorsehen. Zur Verbesserung der Finanzierungsbedingungen käme eine Ausweitung bestehender Programme der Gründungsfinanzierung wie z. B. des KfW-Startgelds auf Sozialunternehmen in Frage; zudem könnte ein eigenes Crowdfunding-Segment für Social Entrepreneurship oder eine Fondslösung geschaffen werden. Die rechtlichen Voraussetzungen für Fonds, die sich auf Beteiligungen an Sozialunternehmen fokussieren, hat die EU mit der Verordnung 346/2013 zu Europäischen Fonds für soziales Unternehmertum (EuSEF) bereits vor 5 Jahren geschaffen. Diese können bis zu 500 Millionen Euro umfassen, die zu mindestens 70 Prozent in Eigenkapitalbeteiligungen an Sozialunternehmen investiert werden (Europäische Union, 2013).

In Großbritannien, wo Social Entrepreneurship bereits stärker verbreitet ist als in Deutschland, gibt es mit „Big Society Capital“ einen öffentlichen Fonds, der Investitionen in Sozialunternehmen tätigt. Gemeinsam mit Koinvestoren wurde bereits über eine Milliarde Pfund in Sozial-Startups investiert (Big Society Capital, 2018). Kern der Finanzierung sollten aber private Quellen bilden, die über die etablierten Instrumente der Gründungsfinanzierung vor allem in Form von Beteiligungskapital erschlossen werden können (vgl. Röhl, 2014), sofern eine anteilige öffentliche Ko-Finanzierung zum Ausgleich des jeweiligen sozialen Engagements dargestellt werden kann. Genau dies wäre die Aufgabe eines öffentlichen Fonds, der analog zum britischen Beispiel den gesellschaftlichen Mehrwert fördert.

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