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Christina Anger / Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 89 4. Dezember 2023 Erfolgreiche Bildung für alle braucht gute Rahmenbedingungen

Das deutsche Bildungssystem steht vor vielfältigen Herausforderungen. Insbesondere benötigt eine zunehmende Anzahl an Kindern aus zugewanderten Familien eine intensivere Sprachförderung.

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Erfolgreiche Bildung für alle braucht gute Rahmenbedingungen
Christina Anger / Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 89 4. Dezember 2023

Erfolgreiche Bildung für alle braucht gute Rahmenbedingungen

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Das deutsche Bildungssystem steht vor vielfältigen Herausforderungen. Insbesondere benötigt eine zunehmende Anzahl an Kindern aus zugewanderten Familien eine intensivere Sprachförderung.

Allerdings bestehen derzeit Lücken von rund 300.000 Betreuungsplätzen für unter Dreijährige und 530.000 Ganztagsplätzen für Grundschulkinder. Auch werden bis zum Jahr 2030 voraussichtlich 80.000 Lehrkräfte an den Schulen fehlen.

Verschiedene Kompetenzerhebungen kommen zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Leistung der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren abgenommen und der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg zugenommen hat (z. B. Stanat et al., 2022). Diese Entwicklung hat verschiedene Ursachen.

Unterschiedliche häusliche Unterstützung

Eine erste Quelle der Ungleichheit beim Bildungserfolg der Kinder stellt die Unterstützung durch das Elternhaus dar. So sind die Mütter und Väter in manchen Familienkonstellationen nicht immer in der Lage, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Etwa gilt das bezüglich der verfügbaren Zeit für einen Teil der Alleinerziehenden, deren Anteil an den Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland in den letzten Jahren rückläufig war, und im Jahr 2022 einen Wert von 15,4 Prozent hat. Gleiches gilt in einigen großen Familien mit drei und mehr Kindern, die bei steigender Tendenz im Jahr 2022 auf einen Anteil von 20,3 Prozent kamen (Statistisches Bundesamt, 2023a, eigene Berechnungen). Zugenommen hat auch die Zahl der Kinder unter 15 Jahren im Bezug von Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch von 1,64 Millionen im Juni 2013 auf 1,66 Millionen im Juni 2023, obschon sich die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher in dieser Zeit deutlich verringert hat (Bundesagentur für Arbeit, 2023).

Gleichzeitig verbringen die Eltern insgesamt heute mehr Zeit mit der Kinderbetreuung, sie verbringen die Zeit intensiver mit den Kindern oder sie investieren mehr finanzielle Ressourcen in die Kinder (BMFSFJ, 2021, 148). So haben viele Eltern ihre Investitionen in gute Startbedingungen und Zukunftschancen für die Kinder gesteigert. Allerdings sind die Zeit- und Bildungsressourcen bei besser gebildeten Eltern stärker vorhanden und Eltern mit einem akademischen Hintergrund unterstützen ihre Kinder beispielsweise öfter bei den Schulaufgaben (Anger/Plünnecke, 2021).

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Kinder aus zugewanderten Familien

Eine weitere Gruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf sind zugewanderte Kinder. Nicht nur haben sie häufig größere Probleme dem Unterricht zu folgen. Auch können ihre Eltern sie vielfach kaum unterstützen, da diese vor dem Hintergrund unzureichender Deutschkenntnisse selbst weder die Lerninhalte nachvollziehen noch mit den Lehrkräften besprechen können. Allein im Jahr 2022 sind per Saldo 381.000 Kinder im Alter unter 16 Jahren nach Deutschland zugewandert (Statistisches Bundesamt, 2023a, eigene Berechnungen). So hat auch der Anteil der im Ausland geborenen Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit an den unter 16-Jährigen im Jahr 2022 mit 9,2 Prozent einen Spitzenwert erreicht. Im Jahr 2012 waren es nur 2,0 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2023a; eigene Berechnungen). Besonderen Unterstützungsbedarf in der Schule benötigen zudem häufig auch die in Deutschland geborenen Kinder der zweiten Zuwanderergeneration. Nimmt man alle Kinder mit nicht mindestens einem in Deutschland geborenen Elternteil in den Blick, kommt man für das Jahr 2022 sogar auf einen Anteil von 27,1 Prozent unter 16-Jähriger mit beidseitiger Einwanderungsgeschichte (Statistisches Bundesamt, 2023b; eigene Berechnungen).

Mangel an Kita- und Ganztagsplätzen

Gerade für die Kinder aus zugewanderten Familien ist eine frühe Förderung sehr wichtig, um Rückstände bei der Entwicklung der deutschen Sprache zu vermeiden, die auch den Kompetenzerwerb in anderen Bereichen stark hemmen können. Allerdings stehen trotz des deutlichen Ausbaus der Kindertagesbetreuung in den letzten Jahren noch immer nicht genügend Betreuungsangebote zu Verfügung, um die Bedarfe aller Eltern zu decken. So ergibt sich für das Jahr 2023 eine Lücke von 299.000 Plätzen für unter Dreijährige (Geis-Thöne, 2023a). Gründe hierfür sind auch die gestiegenen Kinderzahlen und das veränderte Nutzungsverhalten der Eltern. Dabei besteht die Herausforderung nicht nur darin, genügend Plätze zu schaffen, sondern auch die Familien, deren Kinder besonders profitieren könnten, dafür zu gewinnen, diese früh und in ausreichendem Umfang in Anspruch zu nehmen. Ähnliches gilt auch für die Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, von der ebenfalls bildungsbenachteiligte Kinder besonders profierten können. Hier bestand im Schuljahr 2021/2022 eine Lücke von 529.000 Plätzen (Geis-Thöne, 2023b).

2030 fehlen 80.000 Lehrkräfte

Um die Kinder und Jugendlichen im Bildungssystem optimal fördern zu können, ist ein ausreichendes und gut qualifiziertes Betreuungs- und Lehrpersonal erforderlich. So stellen schon die derzeitigen Lehrkräfteengpässe eine große Herausforderung für das deutsche Bildungssystem dar. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Deutsche Schulbarometer. Im Oktober/November 2022 wurden über 1.000 Schulleitungen zu den derzeitigen Herausforderungen von Schulen befragt. Mit einer Zustimmung von zwei Dritteln der befragten Schulleitungen gilt der Personalmangel als derzeit größte Herausforderung für Schulen (Robert Bosch Stiftung, 2023, 5). Die Lehrkräfteengpässe werden jedoch zukünftig noch steigen. Eigene Berechnungen haben ergeben, dass vor dem Hintergrund steigender Kinderzahlen bis zum Schuljahr 2030/2031 an sich insgesamt 987.000 Lehrkräfte gebraucht würden, ohne Quereinstiege aber voraussichtlich nur 907.000 zur Verfügung stehen werden (Anger et al., 2023).

Handlungsempfehlungen

Um diesen Herausforderungen angemessen zu begegnen, sind weitere umfangreiche Investitionen in das Bildungssystem erforderlich. Wichtig sind insbesondere Maßnahmen, die die Integration fördern. Dazu zählen insbesondere ein Ausbau der Sprachförderung, eine Stärkung von Ganztagsangeboten an Grundschulen und Kita-Teilnahme sowie eine Ausweitung von Elternpartnerschaften und Familienzentren. Ebenso muss auf eine Reduktion des Zusammenhangs zwischen Ressourcenhintergrund der Eltern und Bildungserfolg hingewirkt werden. Dies ist insbesondere durch eine Stärkung der Qualität der Angebote von Kindertageseinrichtungen und der Ganztagsbetreuung, den verstärkten Einsatz multiprofessioneller Teams, zusätzliche nach einem Sozialindex finanzierte Bildungsangebote, Lehrmittelzuschüsse und Förderprogramme, um die Corona-Lücken zu schließen, möglich. Zudem sollten hochwertige Programme für den Quer- und Seiteneinstieg geschaffen, Zulagen für schwer zu besetzenden Stellen, wie MINT-Lehrkräfte gewährt, die Unterstützung durch Schulverwaltungsassistenzen und anderes multiprofessionelles Personal ausgeweitet und die Bedeutung und Wertschätzung der Lehramtsausbildung an Hochschulen erhöht werden, um mehr Lehrkräfte zu gewinnen.

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