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Severin Klein / Roschan Monsef IW-Kurzbericht Nr. 2 9. Januar 2023 Höhere Löhne durch die ökologische Transformation?

Der ökologische Wandel rückt bestimmte Branchen in den Fokus, deren Beschäftigte bei der Transformation der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität eine wichtige Rolle einnehmen. Ein Vergleich der Löhne von Vollzeitbeschäftigten zeigt: Beschäftigte in EU-Taxonomie-relevanten Branchen verdienen monatlich etwa 500 Euro mehr als Arbeitnehmer in anderen Wirtschaftszweigen.

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der ökologische Wandel rückt bestimmte Branchen in den Fokus, deren Beschäftigte bei der Transformation der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität eine wichtige Rolle einnehmen. Ein Vergleich der Löhne von Vollzeitbeschäftigten zeigt: Beschäftigte in EU-Taxonomie-relevanten Branchen verdienen monatlich etwa 500 Euro mehr als Arbeitnehmer in anderen Wirtschaftszweigen.

Deutschland verfolgt das Ziel, den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen bis 2045 auf netto-null zu reduzieren. Auch die EU-Kommission hat die Vision eines klimaneutralen Kontinents bis zum Jahr 2050 verkündet und die dafür notwendigen Maßnahmen im Europäischen Grünen Deal und weiteren begleitenden Aktionsplänen manifestiert. Komplementär hat sie Mitte des Jahres 2021 mit der EU-Taxonomie den ersten delegierten Rechtsakt zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel verabschiedet, um ein einheitliches Verständnis auf dem Kapitalmarkt zu etablieren, welche Wirtschaftsaktivitäten bei der Umsetzung des Europäischen Grünen Deals mittelfristig einen wesentlichen Beitrag leisten können (Friedrich/Wendland, 2021). Die 94 Aktivitäten beschreiben direkte und indirekte Beiträge sowie übergangsweise nicht ersetzbare Aktivitäten mit höchsten Effizienzstandards zur Minderung der Treibhausgase. Konkret bedeutet dies, dass neben dem Sektor der erneuerbaren Energien beispielsweise auch Aktivitäten wie die Abwasserentsorgung oder die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid berücksichtigt werden, weil sie die umweltschädlichen Auswirkungen anderer Bereiche reduzieren.

Im Zuge zunehmender Maßnahmen und Regulierungen zur Eindämmung der Klimakrise werden Diskussionen über mögliche Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt intensiviert. Durch die verstärkte Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen ist ein Aufbau an Arbeitsplätzen in nachhaltigen Branchen zu erwarten. Darüber hinaus ist mit Veränderungen in bestehenden Beschäftigungsverhältnissen zu rechnen (Valero et al., 2021). Damit stellt sich die Frage, welche Eigenschaften die zusätzlichen bzw. veränderten Arbeitsplätze aufweisen. Sie bezieht sich zum einen auf die Identifikation von Kompetenzen und Tätigkeiten der Beschäftigten, um Fachkräfte- und daran anschließend Aus- und Weiterbildungsbedarfe frühzeitig zu erkennen (Koneberg et al., 2022; Monsef/Wendland, 2022). Zum anderen steht die Qualität der Arbeit in den betroffenen Beschäftigungsfeldern im Fokus. Für die International Labour Organization (ILO, 2016) ist die Beurteilung als „decent job“ gar eine notwendige Voraussetzung für die Einstufung als grünen Beruf. Dabei ist allerdings zu beachten, dass dieses ILO-Konzept nur eingeschränkt in der Lage ist, die Qualität der Arbeit zu vermessen (Schäfer et al., 2013, 11).

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Stärkeres Beschäftigungswachstum in taxonomiefähigen Branchen

Der Rückgriff auf die EU-Taxonomie ermöglicht die Identifikation der für die Durchführung nachhaltig klassifizierter Aktivitäten bedeutsamen Wirtschaftszweige (WZ 2008 2-, 3- und 4-Steller Ebene) (Europäische Kommission, 2022). Dadurch können Beschäftigte in diesen besonders transformationsrelevanten Bereichen beobachtet und mit Beschäftigten der übrigen Wirtschaft verglichen werden. Im Jahr 2014 waren etwa 42 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in taxonomierelevanten Wirtschaftszweigen tätig. Ein Blick auf die Beschäftigungsentwicklung von 2014 bis 2021 zeigt, dass mit rund 11 Prozent das Wachstum für diese Beschäftigtengruppe überproportional groß war (knapp 7 Prozent in der übrigen Wirtschaft). Dies hat zur Folge, dass sich die Arbeitsmarktstruktur um etwa 1 Prozentpunkt in Richtung der transformationsrelevanten Wirtschaftszweige verschiebt. Beispielhaft dafür sind Entwicklungen in nicht zukunftsfähige CO2-intensive Branchen wie der „Kohlenbergbau (06)“, bei dem ein Beschäftigungsrückgang um etwa 60,5 Prozent zu beobachten ist. Im Gegensatz dazu ist die Beschäftigung in den für die klimafreundliche Modernisierung der Infrastruktur mitverantwortlichen Branchen „Tiefbau (42)“ und „Vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe (43)“ mit fast 20 Prozent überdurchschnittlich stark gewachsen.

Deutliche Lohnaufschläge in transformationsrelevanten Bereichen

Da das Arbeitsentgelt bzw. die Zufriedenheit mit dem Lohn ein zentraler Einflussfaktor für das Ausmaß der Arbeitszufriedenheit als individuellen Gradmesser für die Qualität der Arbeit ist (Hammermann/Stettes, 2017, 15 ff.), wird im Folgenden dieser Parameter in den Fokus gerückt. Eine Sonderauswertung der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit gibt einen Einblick in die mittleren Entgelte der Vollzeitbeschäftigten in taxonomierelevanten und nicht-taxonomierelevanten Branchen (BA, 2022).

Die durchschnittlichen Medianlöhne von Vollzeitbeschäftigten in taxonomierelevanten Branchen lagen im Jahr 2021 bei 3.900 Euro, jene in nicht-taxonomierelevanten Wirtschaftszweigen bei 3.400 Euro. Die Abbildung zeigt die Entwicklung der gemittelten Medianlöhne seit 2014. Der Gleichlauf spiegelt die gute Arbeitsmarktlage der vergangenen Jahre für beide Beschäftigtengruppen wider. In absoluten Beträgen blieb der mittlere monatliche Lohnaufschlag für Taxonomie-Beschäftigte bis zum Jahr 2019 in etwa konstant und ist seitdem leicht rückläufig. Bei den Ergebnissen am aktuellen Rand bleibt die branchenübergreifende Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld seit März 2020 zu berücksichtigen, die in die Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit einfließt und sich spürbar auf die Medianlöhne auswirkt. Es bleibt daher abzuwarten, ob die Lohnunterschiede in einer Phase der wirtschaftlichen Erholung wieder anwachsen.

Die Lohnprämien sind nicht nur auf eine unterschiedliche Struktur der Beschäftigtengruppen zurückzuführen; z. B. sind Anforderungsniveaus in taxonomierelevanten Bereichen im Durchschnitt höher. Sie existieren aber auch innerhalb der Anforderungsniveaus. Den größten relativen Mehrverdienst haben Taxonomie-Beschäftigte in Helfertätigkeiten, die 2021 etwa 21 Prozent (483 Euro) mehr verdienten. Bei Fachkräften mit einer abgeschlossen Berufsausbildung betragen die Lohnunterschiede etwa 10 Prozent (294 Euro), während sie bei Spezialistentätigkeiten mit 12,5 Prozent und etwa 542 Euro im Jahr 2021 in absoluten Beträgen am höchsten waren. Da die Medianlöhne bei Expertentätigkeiten für manche Jahre in über 50 Prozent der Fälle an der Beitragsbemessungsgrenze liegen, ist hier keine verlässliche Aussage möglich. Vereinzelt wurde für Spezialisten der Wert der Beitragsbemessungsgrenze als Medianlohn angenommen.

Die Ergebnisse ergänzen und bestätigen die Befunde anderer Studien: Antoni et al. (2014) finden innerhalb von Sektoren Aufschläge auf die Medianlöhne von Beschäftigten in Betrieben, die im Bereich erneuerbarer Energien arbeiten. Für manche Wirtschaftszweige bleiben diese Lohnprämien sogar bestehen, wenn für personen- und betriebsspezifische Merkmale kontrolliert wird.  Untersuchungen auf Basis von Stellenanzeigen zeigen für andere Länder, dass Lohnprämien insbesondere für Jobs mit geringeren Anforderungsniveaus zu beobachten sind (Vona et al., 2019; Valero et al., 2021). Die Auswertungen können im Hinblick auf das Lohnniveau als optimistische Botschaft verstanden werden, wenngleich weitere Untersuchungen notwendig sind, um die Konsequenzen der ökologischen Transformation für den Arbeitsmarkt zu benennen.

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