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Diermeier, Matthias / Mertens, Armin / Niehues, Judith / Schüler, Ruth Maria IW-Kurzbericht Nr. 45 7. April 2020 Corona-Krise trifft auf besorgtes Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet ist bekannt für seine starke lokale Verankerung und dafür, dass seine Bewohner in schwierigen Zeiten füreinander einstehen. Mit Blick auf die Sorgen und das allgemeine Vertrauen zeichnet diese Untersuchung für die Zeit vor der Corona-Krise allerdings ein gegensätzliches Bild: Die Bevölkerung des Ruhrgebiets ist in vielerlei Hinsicht verunsichert und beurteilt das Verhalten ihrer Mitmenschen auffallend pessimistisch. Der Befund bleibt auch dann signifikant, wenn man berücksichtigt, dass im Ruhrgebiet mehr Menschen mit geringem Einkommen leben.

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Corona-Krise trifft auf besorgtes Ruhrgebiet
Diermeier, Matthias / Mertens, Armin / Niehues, Judith / Schüler, Ruth Maria IW-Kurzbericht Nr. 45 7. April 2020

Corona-Krise trifft auf besorgtes Ruhrgebiet

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Das Ruhrgebiet ist bekannt für seine starke lokale Verankerung und dafür, dass seine Bewohner in schwierigen Zeiten füreinander einstehen. Mit Blick auf die Sorgen und das allgemeine Vertrauen zeichnet diese Untersuchung für die Zeit vor der Corona-Krise allerdings ein gegensätzliches Bild: Die Bevölkerung des Ruhrgebiets ist in vielerlei Hinsicht verunsichert und beurteilt das Verhalten ihrer Mitmenschen auffallend pessimistisch. Der Befund bleibt auch dann signifikant, wenn man berücksichtigt, dass im Ruhrgebiet mehr Menschen mit geringem Einkommen leben.

„Wenn der Oberbürgermeister seine Rede an die Bürger*innen zum Corona-Virus mit "Glück auf!" beendet, weisse, datte im Ruhrpott bis“, heißt es in einem populären Tweet zur Corona-Krise, der auf das häufig bescheinigte besondere „Wir“-Gefühl im Ruhrgebiet hindeutet. Dass das Corona-Virus auch die Menschen im Ruhrgebiet bewegt, zeigt sich bei der Twitter-Kommunikation mit identifizierbarem Ruhrgebiets-Bezug, die im März 2020 um mehr als 20 Prozent höher ausfiel als im Vorjahresmonat. Viele der Ruhrgebiets-Tweets drehen sich um das Thema Corona.

Auch angesichts der aus der Corona-Krise resultierenden Auswirkungen wird dieses „Wir“-Gefühl nun wieder einmal auf die Probe gestellt. Aufgrund seiner anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten steht das Ruhrgebiet seit jeher im Zentrum vieler Regionalstudien (Hüther et al., 2019; Arndt et al., 2015). Seltener als die gut messbaren gesamtwirtschaftlichen Schwierigkeiten werden aufgrund der eingeschränkten Datenverfügbarkeit die subjektiven Empfindungen der Menschen im Ruhrgebiet analysiert. Die vorliegende Untersuchung adressiert diese Schwachstelle, indem sie auf Regionaldaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zurückgreift.

Eine rein deskriptive Auswertung der im SOEP verfügbaren Sorgen-Fragen deutet darauf hin, dass sich die Menschen im Ruhrgebiet in nahezu allen Kategorien bereits vor der Corona-Pandemie häufiger große Sorgen machen als der Gesamtdurchschnitt der Bundesbürger, aber auch gegenüber dem Durchschnitt der übrigen NRW-Bürger. Besonders ausgeprägt sind die Sorgen beim Thema Kriminalität: Machen sich im Bundesdurchschnitt knapp 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung, sind es im Ruhrgebiet beinahe 47 Prozent (NRW ohne Ruhrgebiet: 37,6 Prozent). Große Besorgnis um die Zuwanderung nach Deutschland zeigen im Ruhrgebiet 35,8 Prozent der Menschen, im übrigen NRW 27,4 Prozent. Auch die Verunsicherung bezüglich des sozialen Zusammenhalts, der eigenen Altersversorgung und der eigenen wirtschaftlichen Situation fallen im Jahr 2018 im Ruhrgebiet höher aus. Von den abgefragten Sorgen zeigen sich einzig bei den Themen Umwelt und Klima kaum Unterschiede zwischen dem Ruhrgebiet und dem übrigen NRW, wobei die Menschen sich in NRW im Jahr 2018 merkbar größere Sorgen um das Klima machten als der Bundesdurchschnitt.

Eine Betrachtung der zeitlichen Entwicklung öffnet nochmals eine weitere Perspektive (Abbildung): Die Besorgnis um die eigene wirtschaftliche Entwicklung, die das Ruhrgebiet bis vor der Finanzkrise noch deutlicher geprägt hatte, fällt im letzten Jahrzehnt nicht mehr systematisch höher aus als im übrigen NRW. Bei den Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung zeigt sich hingegen ein eher persistenter Unterschied. Insbesondere während der letzten Jahre ist dies dadurch bedingt, dass der Rückgang der Sorgen nach einem temporären Höhepunkt im Jahr 2016 im Ruhrgebiet schwächer ausfällt. Ähnliches zeigt sich bei den Sorgen um den sozialen Zusammenhalt, die allerdings erst ab 2015 im SOEP abgefragt werden.

Neben den vielfältigen Sorgen ist für das Identitätsgefühl der Region auch das gegenseitige Vertrauen in Mitmenschen von Bedeutung. Mit Blick auf die eigene Region gibt eine überwältigende Mehrheit von 75,7 Prozent der Befragten bei Korte/Dinter an, „den meisten Menschen im Ruhrgebiet kann man trauen“ (2019, 9). Der SOEP-Frage, ob man den Menschen im Allgemeinen vertrauen könne, stimmen im Ruhrgebiet gleichwohl mit rund 61 Prozent erkennbar weniger Menschen zu als im Bundesdurchschnitt (68 Prozent). Mit Blick auf die zu erwartende Solidarität ist die Einschätzung besonders pessimistisch: Im Ruhrgebiet haben nur 39,5 Prozent der Menschen das Gefühl, dass „die Leute die meiste Zeit versuchen, hilfsbereit zu sein“. Die übrigen 61 Prozent teilen eher die Einschätzung, dass „die Leute die meiste Zeit nur ihre eigenen Interessen verfolgen“. Im übrigen NRW teilt sich die Bevölkerung hälftig auf beide Aussagen auf. Im Bundesdurchschnitt haben immerhin 46,9 Prozent der Menschen das Gefühl, die meisten verhielten sich eher hilfsbereit. Ähnlich groß fällt der Unterschied bei der Einschätzung aus, ob die meisten Menschen einen eher ausnutzen würden, als sich fair zu verhalten, falls sie die Möglichkeit dazu hätten.

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Es zeigt sich: Die Menschen im Ruhrgebiet sind vergleichsweise besorgt und eher misstrauisch. Das muss nicht zwangsläufig einer stark regional verwurzelten Identität widersprechen und mag vor allem den schwierigen Verhältnissen vor Ort geschuldet sein. Neben der höheren Arbeitslosigkeit ist auch der Anteil der Menschen mit geringem Einkommen im Ruhrgebiet höher als im übrigen NRW. Neben den deskriptiven Betrachtungen wurden daher in einem zweiten Schritt Regressionsanalysen durchgeführt, die den Einfluss unterschiedlicher individueller Charakteristika im Ruhrgebiet berücksichtigen. Neben dem individuellen Einkommen wurden ebenfalls Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Erwerbsstatus, Haushaltstyp, Migrationshintergrund, Wohneigentum, Gemeindegrößenklasse und Bundesland-Dummies als Kontrollvariablen in einem logistischen Regressionsmodell ergänzt.

Selbst bei Berücksichtigung dieser individuellen Unterschiede weisen die Befragten im Ruhrgebiet eine 59 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit auf, sich große Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung zu machen als die übrigen Befragten. Bei den Sorgen um den Arbeitsplatz, die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und die Zuwanderung fallen die Effekte ähnlich hoch aus. Große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation und den sozialen Zusammenhalt kommen im Ruhrgebiet rund 1,25 Mal häufiger vor. Bei den Sorgen um Umwelt und Klima zeigen sich hingegen bei Berücksichtigung der individuellen Eigenschaften keine statistisch signifikanten Unterschiede. Die Einschätzungen, dass Menschen eher im Eigeninteresse handeln und dazu tendieren, andere Menschen auszunutzen, liegen im Ruhrgebiet etwa um den Faktor 1,3 höher. Regressionsanalysen zeigen somit, dass die individuelle Einkommens- und Erwerbssituation das hohe Maß an Besorgnis innerhalb der Ruhrgebietsbevölkerung nicht erklären kann.

Das überdurchschnittlich besorgte und misstrauische Ruhrgebiet geht der aktuellen Corona-Krise unter schwierigen Voraussetzungen entgegen. Gleichwohl resultiert aus den ausgedrückten subjektiven Empfindungen nicht zwangsläufig unsolidarisches Handeln. Schließlich unterscheidet sich das Ruhrgebiet trotz aller Besorgnis mit Blick auf freiwillige Engagement-Quoten praktisch nicht vom übrigen Bundesdurchschnitt (Heinze et al., 2015, 14). Auch könnte gerade in schweren Zeiten das besondere „Wir“-Gefühl zutage treten, denn: „Viele haben das Gefühl, dass, wenn es hart auf hart kommt, Politiker und Bürger im Ruhrgebiet zusammenhalten“ (Korte/Dinter, 2019, 37).

Ob die Ruhrgebietsbewohner in Angesicht der besonderen Herausforderungen tatsächlich zusammenrücken oder das vorhandene Misstrauen die Gesellschaft spaltet, untersucht ein interdisziplinäres Team der Ruhr-Universität Bochum und des Instituts der deutschen Wirtschaft im Rahmen des von der Brost-Stiftung geförderten Kooperations- und Gestaltungsprojekts „Ein neuer Gesellschaftsvertrag in Zeiten sozialer Fragmentierung – Gestaltungsoptionen für das Ruhrgebiet“.

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