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Hubertus Bardt IW-Kurzbericht Nr. 76 26. Juni 2020 Abbau im Aufschwung: Energieintensive Branchen reduzieren ihren Kapitalstock

Die Corona-Krise stellt zahlreiche Investitionen infrage. Angesichts der unklaren Lage müssen zumindest die mittel- und langfristigen Erwartungen stabil und positiv sein, um Investitionsentscheidungen zu begründen. Bei energieintensiven Branchen ist dies besonders schwierig, drohen durch die anspruchsvoller werdenden Klimaziele Europas doch zunehmende Kostennachteile im internationalen Wettbewerb. Schon vor der Krise nahm der Kapitalstock dieser Branchen stetig ab, während andere Industrieunternehmen expandierten.

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Energieintensive Branchen reduzieren ihren Kapitalstock
Hubertus Bardt IW-Kurzbericht Nr. 76 26. Juni 2020

Abbau im Aufschwung: Energieintensive Branchen reduzieren ihren Kapitalstock

IW-Kurzbericht

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Corona-Krise stellt zahlreiche Investitionen infrage. Angesichts der unklaren Lage müssen zumindest die mittel- und langfristigen Erwartungen stabil und positiv sein, um Investitionsentscheidungen zu begründen. Bei energieintensiven Branchen ist dies besonders schwierig, drohen durch die anspruchsvoller werdenden Klimaziele Europas doch zunehmende Kostennachteile im internationalen Wettbewerb. Schon vor der Krise nahm der Kapitalstock dieser Branchen stetig ab, während andere Industrieunternehmen expandierten.

Die dramatische Wirtschaftskrise infolge der weltweiten Corona-Epidemie wird auch in Deutschland zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Investitionen führen. Für 2020 rechnet die IW-Konjunkturprognose mit einem Einbruch der Anlageinvestitionen um etwa 9 Prozent, bei den Ausrüstungsinvestitionen wird der Rückgang doppelt so stark sein. Im kommenden Jahr ist mit einem leichten Nachholeffekt zu rechnen, sodass die Investitionen um 6 und 12 Prozent ansteigen werden (IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2020). Besonders für die Industrie ist mit einem massiven Minus zu rechnen.

Zur Beurteilung der Entwicklung der Produktionspotenziale der Industrie kann auf die Entwicklung des Kapitalstocks zurückgegriffen werden, die als Veränderung des Bruttoanlagevermögens gemessen wird. Statt der Abschreibungen werden hier die Abgänge berücksichtigt, sodass auch abgeschriebene Investitionsgüter als produktionswirksam angesehen werden (Grömling et al., 2019). In der Krise 2009 kam es auch zu einem außergewöhnlichen Investitionsrückgang, sodass der Kapitalstock des Verarbeitenden Gewerbes 2009 und 2010 um 0,7 und 0,8 Prozent gefallen war. Nur langsam nahm danach das Investitionsverhalten Fahrt auf, 2016 wurden Wachstumsraten von 0,8 und 1,0 Prozent erreicht.

Unabhängig von der damaligen Wirtschaftskrise haben die energieintensiven Branchen seit Jahren systematisch schlechter abgeschnitten als andere Industriebereiche (Bardt/Schaefer, 2017). Selbst während der investitionsstarken Jahre mit ansteigendem Kapitalstock der Industrie insgesamt, nahmen die energieintensiven Branchen weiter ab. 2017 stieg der Kapitalstock des Verarbeitenden Gewerbes um 1,0 Prozent an, die energieintensiven Branchen gingen um 0,9 Prozent zurück. Selbst ein weiterer Anstieg der Investitionen vor Eintritt der Corona-bedingten Industrierezession wird nicht zu einem wachsenden Kapitalstock der Branchen mit hohem Energieverbrauch geführt haben.

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Seit 2010 ist das Bruttoanlagevermögen der hier betrachteten Branchen (Papier, Glas/Keramik, Chemie, Metallerzeugung und -verarbeitung) um 8,7 Prozent oder 28,2 Milliarden Euro gefallen, verglichen mit 2000 gingen sogar 65 Milliarden Euro (18 Prozent) verloren.

Für die weitere Entwicklung lässt diese Zwischenbilanz nicht viel Gutes erwarten. Bei insgesamt stark fallenden Investitionen ist mit einem deutlichen Rückgang des Kapitalstocks energieintensiver Industrien zu rechnen. Gerade diese stehen angesichts der strikter werdenden klimapolitischen Vorgaben inmitten eines sich beschleunigenden Transformationsprozesses. Strengere europäische Vorgaben können zu höheren CO2-Preisen führen und den Abstand zu anderen Industrieländern vergrößern. Auch Investitionen in klima­freundliche Anlagen sind nur dann möglich, wenn diese preislich langfristig wettbewerbsfähig genutzt werden können. Sind die Voraussetzungen hierfür nicht gesichert, weil etwa Ausnahmen von Kostenbelastungen infrage stehen und der Aufbau von Klimaschutz­infrastrukturen wie Strom- und Wasserstoffnetzen nicht vorankommt, werden die erhofften Investitionen nicht in dem notwendigen Maß getätigt. Eine Verzögerung der Modernisierung stellt aber ganze Produktionsnetzwerke in Deutschland infrage. Damit energieintensive Branchen in klima­freundliche Verfahren und die Nutzbarkeit emissionsarmer Energieträger investieren können, müssen schnell Klarheit über die zukünftigen Perspektiven und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Anderenfalls droht ein Verlust dieser Unternehmen für den Standort Deutschland (und Europa), der die Treibhausgasemissionen nicht reduziert, sondern nur verlagert.

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