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Holger Schäfer / Stefanie Seele IW-Kurzbericht Nr. 23 26. April 2024 Arbeitsmarkt 2024: Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit?

Während sich der Arbeitsmarkt in Deutschland im vergangenen Jahr trotz Rezession als erstaunlich stabil erwies, werden sich im laufenden Jahr zunehmend die Folgen der konjunkturellen Schwäche zeigen. Die Arbeitslosigkeit steigt auf den höchsten Stand seit 2015, bleibt hinter den historischen Höchstständen aber weit zurück.

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Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit?
Holger Schäfer / Stefanie Seele IW-Kurzbericht Nr. 23 26. April 2024

Arbeitsmarkt 2024: Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit?

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Während sich der Arbeitsmarkt in Deutschland im vergangenen Jahr trotz Rezession als erstaunlich stabil erwies, werden sich im laufenden Jahr zunehmend die Folgen der konjunkturellen Schwäche zeigen. Die Arbeitslosigkeit steigt auf den höchsten Stand seit 2015, bleibt hinter den historischen Höchstständen aber weit zurück.

Der Arbeitsmarkt blieb im vergangenen Jahr trotz eines Rückgangs des Bruttoinlandsproduktes von -0,3 Prozent erstaunlich stabil. Obwohl weniger Güter und Dienstleistungen produziert wurden, stieg die Anzahl der Erwerbstätigen um 340.000 oder 0,7 Prozent an und auch das Arbeitsvolumen – die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden – stieg um 250 Millionen Stunden bzw. 0,4 Prozent.

Ein Erklärungsansatz für die expansive Entwicklung von Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen ohne entsprechende Produktionszunahme kann im Überhang aus dem Jahr 2022 gesehen werden, in dem die Erwerbstätigkeit kräftig anstieg. Zu Jahresbeginn 2023 lag die Erwerbstätigkeit daher saisonbereinigt bereits 0,5 Prozent über dem Jahresdurchschnitt 2022. Für diesen nennenswerten Zuwachs hätte es somit im Jahresverlauf 2023 gar keines weiteren Anstiegs bedurft. Im weiteren Jahresverlauf kam aber ein geringer ausfallender Zuwachs hinzu, der im Sommer in eine Seitwärtsbewegung mündete. Im Herbst und Winter war dann aber erneut ein leichter Anstieg zu beobachten.

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Ein zweiter Erklärungsansatz ist die Neigung der Unternehmen, Fachkräfte im Hinblick auf die demografisch zu erwartende Verknappung des Arbeitskräfteangebotes zu halten, auch wenn sie gegenwärtig nicht vollständig ausgelastet werden können. Dieses Verhalten wäre aber voraussichtlich nur bei kurzen konjunkturellen Schwächephasen durchzuhalten. Bei fortschreitender Dauer der Schwächephase ist mit zunehmender Wahrscheinlichkeit mit einer Anpassung des Personalbestandes zu rechnen, weil dauerhafte Produktivitätsrückgänge die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen untergraben. Ein dritter Erklärungsansatz ist, dass der Arbeitsmarkt mit Verzögerung auf konjunkturelle Auf- und Abschwünge reagiert.

Die Schaffung einer nennenswerten Anzahl neuer Arbeitsplätze reichte im letzten Jahr nicht aus, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Im Gegenteil nahm die Anzahl der Arbeitslosen leicht um 190.000 zu. Der Grund dafür ist vor allem in einer hohen Nettozuwanderung zu sehen. Bereits im Jahr 2022 lag der Wanderungssaldo bei 1,5 Millionen Personen, darunter rund eine Million Geflüchtete aus der Ukraine. Im Jahr 2023 sind in den ersten 11 Monaten des Jahres weitere 650.000 Personen netto zugewandert. Für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit war die Entscheidung von Bedeutung, die ukrainischen Geflüchteten ab Juni 2022 in den Rechtskreis SGB 2 („Bürgergeld“) zu überführen. Weil sie dort im Grundsatz dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, werden sie gegebenenfalls als arbeitslos registriert.

In diesem Jahr wird der deutsche Arbeitsmarkt die Folgen der konjunkturellen Schwäche deutlicher zu spüren bekommen. Die Erwerbstätigkeit profitiert zwar auch in diesem Jahr von einem Überhangeffekt, doch fällt dieser mit 0,3 Prozent geringer aus als im Vorjahr. Die Beschäftigungspläne der Unternehmen lassen für den weiteren Jahresverlauf kein Wachstum erwarten (Grömling, 2024). Auch Frühindikatoren geben wenig Anlass zum Optimismus. So fiel die Anzahl der neu gemeldeten offenen Stellen im März auf den niedrigsten Stand der letzten fünf Jahre. Selbst bei einem günstigen Konjunkturverlauf ist für dieses Jahr bestenfalls mit einem geringen Anstieg der Erwerbstätigkeit zu rechnen.  Weil geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen, besteht aber Ersatzbedarf und die Fachkräftelücke schließt sich kaum (Tiedemann et al., 2024). Eine erlahmende Arbeitskräftenachfrage der Betriebe und fortgesetzter Fachkräftemangel schließen sich also nicht aus.

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