In den letzten Jahren ist das Thema Resilienz mit Wucht in die politische Arena zurückgekommen. Nach der Zeitenwende durch den russischen Angriff auf die Ukraine wurden hohe Abhängigkeiten von möglichen geopolitischen Widersachern auf den Prüfstand gestellt.
Resilienz der deutschen Lieferketten nach der Zeitenwende
Studie des EPICO KlimaInnovation e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
In den letzten Jahren ist das Thema Resilienz mit Wucht in die politische Arena zurückgekommen. Nach der Zeitenwende durch den russischen Angriff auf die Ukraine wurden hohe Abhängigkeiten von möglichen geopolitischen Widersachern auf den Prüfstand gestellt.
Zudem zeichnen sich mehr Handelsstreitigkeiten mit China und unter Donald Trump auch mit den USA ab. Zuvor haben bereits die Erfahrungen mit den Lieferengpässen während der Corona-Pandemie den Fokus auf das Thema Resilienz gelegt.
Hohe Importabhängigkeiten geraten also zunehmend in den Fokus. Viele deutsche Unternehmen sind auf Vorleistungen aus dem Ausland angewiesen. China spielt hier eine wichtige Rolle als Lieferant von Vorprodukten. Rund 40 Prozent der Unternehmen, die auf Vorprodukte aus dem Ausland angewiesen sind, sehen sich in einer Abhängigkeit zu China. Das zeigen die in diesem Bericht dargestellten Ergebnisse einer Befragung, die im Rahmen des IW-Zukunftspanels im Auftrag von EPICO KlimaInnovation durchgeführt wurde. Die Problemlage ist bei der Energiewende hin zu erneuerbaren Energien besonders drängend. China dominiert in einigen Bereichen, die für die Klimatransformation essenziell sind, zunehmend die Angebotsseite mit günstigen und oft subventionierten Produkten. Es ergibt sich ein Trilemma: Die drei Ziele, Unternehmen möglichst frei marktwirtschaftlich agieren zu lassen, die in der Produktion entstehenden Treibhausgasemissionen kurzfristig effizient zu reduzieren und China-Abhängigkeiten zu mindern, lassen sich kaum zugleich erfüllen. Gleichzeitig planen oder betreiben nur gut 23 Prozent der befragten Unternehmen, die auf Vorleistungen aus dem Ausland angewiesen sind, eine bewusste Diversifizierung weg von chinesischen Vorprodukten.
Es ist vorrangig Aufgabe der Unternehmen, ihre Lieferketten resilienter zu machen. Dazu gehört, ihre Lieferanten zu überwachen, Risiken einzuschätzen und alternative Routen für ihre Vorleistungen zu entwickeln. Die Umfrage zeigt: Mehr als zwei von fünf deutschen Unternehmen haben Maßnahmen entlang der Lieferkette ergriffen (oder planen solche), um in Krisensituationen ihre Geschäftsprozesse ununterbrochen fortsetzen zu können oder um nach potenziellen krisenbedingten Unterbrechungen zügig ihre Geschäftsprozesse wieder aufnehmen zu können. Doch die Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz von Wertschöpfungsketten sind kostspielig und stellen viele Unternehmen vor nicht zu unterschätzende finanzielle Belastungen – in einer Zeit, in der die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland Jahr für Jahr zurückgeht.
Vor diesem Hintergrund zeigt die Studie auch, dass die Wirtschaftspolitik eine Rolle spielen kann. Insbesondere sollte es darum gehen, Diversifizierung und Flexibilität zu erhöhen und die Umsetzung unternehmerischer Resilienzstrategien zu ermöglichen. Weitergehende Eingriffe, um kritische Abhängigkeiten zu mindern oder unfairen Wettbewerb bestmöglich auszugleichen, sind genau abzuwägen. Die europäische Politik sollte dabei neben der deutschen Politik immer mitgedacht werden, weil der Binnenmarkt für viele deutsche Unternehmen mittlerweile ihr eigentlicher Heimatmarkt ist und weil auch viele infrage kommende Instrumente, beispielsweise Antisubventionsuntersuchungen, auf europäischer Ebene angesiedelt sind.
- Einige Schritte können als „no regret“ zur Steigerung von Resilienz empfohlen werden, vor allem als Flankierung unternehmerischer Resilienzstrategien. Dazu gehört prioritär die allgemeine Stärkung der Rahmenbedingungen, etwa im Bereich Infrastruktur. Ein weiteres Beispiel: Der Abbau von Hürden für die Diversifizierung der Lieferanten, etwa durch Freihandelsabkommen oder durch Hilfestellungen bei der Umsetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes, sowie andere Entlastungen von Bürokratie. Aktuell zeichnet sich auf europäischer Ebene wie auch auf nationaler Ebene ein Zeitfenster für einen entschiedenen Bürokratieabbau ab. Dieses sollte genutzt werden.
- Ein ähnliches Zeitfenster könnte sich für Maßnahmen ergeben, die die Elektrifizierung voranbringen. So hat die neue Europäische Kommission einen Action Plan for Affordable Energy Prices wie auch einen Electrification Action Plan – letzterer nach aktueller Planung allerdings erst in 2026 – angekündigt, und die politischen Parteien in Deutschland machen in ihren Wahlprogrammen zahlreiche Vorschläge, wie beispielsweise die Netzentgelte unter Kontrolle gebracht werden sollen. Fortschritte scheinen dringend geboten, denn im Spektrum der unternehmerischen Strategien zur Steigerung der Resilienz wird der Elektrifizierung in den Umfrageergebnissen – als besonders effiziente Maßnahme zur Dekarbonisierung – nur eine sehr nachrangige Rolle in der Praxis zugemessen. Insgesamt gehört die Verbesserung der Energieinfrastruktur und die Senkung der Energiepreise aus Unternehmenssicht zu den wichtigsten politischen Aufgaben, um ihre Resilienzstrategien zu flankieren.
- Vor staatlichen Markteingriffen zur Stärkung der Resilienz ist zu fragen, ob wirklich kritische Abhängigkeiten bestehen, ob in betreffenden Produktionsbereichen langfristige komparative Vorteile zu erwarten sind und ob ein diversifiziertes Friendshoring sinnvoll und möglich ist. Gemeint ist damit der Bezug von Vorleistungen von mehreren hinreichend verlässlichen Lieferländern. So ist es sinnvoll, Solarmodule weiterhin aus China zu beziehen, da die Abhängigkeit nur wenig kritisch ist und hierzulande keine komparativen Vorteile bestehen. Bei technologisch anspruchsvolleren Produkten wie E-Autos, Windkraftanlagen und Elektrolyseuren zur Erzeugung grünen Wasserstoffs ist das Erhalten oder Schaffen einer wettbewerbsfähigen Produktionsbasis in der EU dagegen sinnvoll.
- Auch ist zu prüfen, ob ein De-Risking, also die Verringerung kritischer Abhängigkeiten von möglichen geopolitischen Widersachern, den Unternehmen überlassen bleiben kann oder ob eine Art Marktversagen vorliegt. Betriebswirtschaftlich mag es optimal sein, weiterhin kostengünstig gute Vorleistungen aus China zu beziehen, geopolitisch und gesamtwirtschaftlich aber nicht, wenn dadurch Erpressungspotenziale erhalten bleiben. Auch hier ist möglicherweise ein Staatseingriff gerechtfertigt – nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Generell sollten staatliche Interventionen im europäischen Kontext und nicht nationalstaatlich abgewogen werden. Bei der Frage, ob sogenannte strategische Sektoren industriepolitisch und möglicherweise auch finanziell mit Subventionen gefördert werden sollten, ist grundsätzlich Zurückhaltung geboten.
- Mit Blick auf die Resilienz von für die Klima-Transformation wichtige Branchen (Netto-Null-Industrien) spielt der von der Europäische Union (EU) erlassene Net Zero Industry Act (NZIA) eine Rolle. Unter anderem sieht er vor, für Netto-Null-Industrien öffentliche Vergaben auch unter dem Gesichtspunkt der Resilienz zu bewerten, womit eine Diversifizierung der Bezugsquellen unterstützt werden soll. Hier braucht es in Zukunft ein enges Monitoring, welche Effekte die Vorgaben des NZIA haben. Einer Fragmentierung des Binnenmarkts infolge von Resilienzmaßnahmen sollte entgegengewirkt werden.
In diese Diskussion gehört auch der Umgang mit dem Renewables Pull. Damit gemeint ist, dass mehr und mehr Industriebranchen, etwa im Grundstoffbereich (z. B. Metalle, chemische Produkte und Stahl), in Länder und Regionen abwandern könnten, die bei erneuerbaren Energien günstigere (natürlichere) Gegebenheiten, und damit niedrigere Energiepreise bieten als Deutschland. Diese Frage Zusammenfassung 3 besonders für solche Länder mit besseren natürlichen Gegebenheiten für erneuerbare Energien als Deutschland. Klimaschutz, im Sinne einer klimafreundlichen Herstellung von Grundstoffen, ließe sich also dort günstiger realisieren als in Deutschland. Gleichzeitig würden solche Verlagerungen allerdings auch die daran hängende Wertschöpfung hierzulande bedrohen und die Resilienz im Hinblick auf die Versorgung mit Grundstoffen schwächen. Verlagerungen innerhalb der EU könnten sowohl unter dem Gesichtspunkt günstigerer Preise für erneuerbare Energien als auch unter dem Gesichtspunkt der Resilienz tolerierbarer sein als eine Verlagerung in Länder außerhalb der EU. Grundsätzlich braucht es aber eine offene und transparente Analyse, wie viel Verlagerung im Rahmen von diversifiziertem Friendshoring und Renewables Pull in strategischen Bereichen zugelassen oder verhindert werden soll, beispielsweise über industriepolitische Eingriffe. Eine solche Analyse würde bereits einen erheblichen Fortschritt für die öffentliche Debatte darstellen.
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