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Christina Anger / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 19 27. März 2021 Bildung: Verschärfung der Ungleichheit durch Schulschließungen vermeiden

Die coronabedingten Schulschließungen führen bei vielen Schülerinnen und Schülern zu Lernverlusten. Um diese adäquat beheben zu können, sollten bei Wiederaufnahme des Schulunterrichts zügig Lernstandserhebungen durchgeführt werden. Auf dieser Basis könnten zielgerichtete Fördermaßnahmen konzipiert werden. Dafür sind rund 1,5 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen.

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Verschärfung der Ungleichheit durch Schulschließungen vermeiden
Christina Anger / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 19 27. März 2021

Bildung: Verschärfung der Ungleichheit durch Schulschließungen vermeiden

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Die coronabedingten Schulschließungen führen bei vielen Schülerinnen und Schülern zu Lernverlusten. Um diese adäquat beheben zu können, sollten bei Wiederaufnahme des Schulunterrichts zügig Lernstandserhebungen durchgeführt werden. Auf dieser Basis könnten zielgerichtete Fördermaßnahmen konzipiert werden. Dafür sind rund 1,5 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen.

In den vergangenen Jahren konnten im deutschen Bildungssystem Fortschritte bei den Bildungschancen und der Durchlässigkeit des Bildungssystems verzeichnet werden. Einige Jahre lang nahm der Einfluss der sozialen Herkunft auf die PISA-Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler ab. In den PISA-Erhebungen aus den Jahren 2015 und 2018 zeigte sich jedoch wieder eine Verschlechterung dieses Zusammenhangs (Anger/Plünnecke, 2021a). Auch ein Blick auf die Schulabbrecherzahlen zeigt eine unterschiedliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Während die Schulabbrecherquote unter allen Schülerinnen und Schülern und unter ausländischen Schulabsolventinnen und Schulabsolventen von 9,2 bzw. 19,9 Prozent im Jahr 2000 auf 5,5 bzw. 11,9 Prozent bis zum Jahr 2014 gesunken ist, nahmen danach die Abbrecherquoten wieder deutlich zu (Grafik).

Ein Grund für diese Entwicklung ist auch darin zu finden, dass unter den Kindern und Jugendlichen ein steigender Anteil aus bildungsfernen Haushalten stammt, in denen häufiger nicht deutsch gesprochen wird. Die Herausforderungen bei der Vermeidung von Bildungsarmut und der Bildungsintegration haben somit schon vor der Corona-Krise wieder zugenommen.

Die Corona-Krise verschärft diese Entwicklung noch einmal. Erste Studien aus Belgien und den Niederlanden zu den Auswirkungen der Schulschließungen zeigen, dass durch den Distanzunterricht die negativen Effekte der Schulschließungen nur zu einem Teil kompensiert werden konnten (Maldonado/De Witte, 2020; Engzell et al., 2020). In Deutschland kommt noch hinzu, dass die Ausgangslage für digitalen Fernunterricht ungünstiger war als in vielen anderen OECD-Ländern (Anger/Plünnecke, 2020). Daher wundert es nicht, dass in einer Befragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer im Dezember 2020 rund 38 Prozent der Lehrkräfte angaben, dass es durch die Schulschließungen Lernrückstände bei mehr als der Hälfte bzw. fast allen Schülerinnen und Schülern gibt (Deutsches Schulportal, 2021).

Die negativen Auswirkungen der Schulschließungen sind umso größer, je jünger die betroffenen Schülerinnen und Schüler sind. Darüber hinaus erleiden vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten und Kinder mit Migrationshintergrund größere Lerneinbußen. In diesen Haushalten ist die Lerninfrastruktur häufig ungünstiger – es fehlen digitale Endgeräte und ein ruhiger Platz zum Arbeiten (Geis-Thöne, 2020). Ferner können Eltern weniger gut den Unterricht zu Hause unterstützen und haben weniger Erfahrungen bei der Unterstützung bei den Hausaufgaben (Anger/Plünnecke, 2021a). Untersuchungen zur Lernzeit der Kinder im Fernunterricht kommen zu dem Schluss, dass leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler mehr Zeit für das Lernen aufwenden als leistungsschwächere (Wößmann et al., 2020). Darüber hinaus zeigt sich, dass Gymnasien im Durchschnitt besser auf den digitalen Fernunterricht vorbereitet sind als andere weiterführende Schulen (Huebener et al., 2020). Schätzungen zu den Folgekosten der Schulschließungen beziffern einen gewaltigen ökonomischen Schaden (Wößmann, 2020).

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Um diese Folgen zu vermeiden, benötigen die Schülerinnen und Schüler in den nächsten Monaten besondere Unterstützung. Hierbei werden verschiedene Vorschläge diskutiert – so die Verlängerung des Schuljahres bis zum Dezember oder eine generelle Wiederholung des Schuljahres. Im ersten Fall wären damit Probleme bei den Zeitstrukturen der aufnehmenden Bildungssysteme verbunden, bei letzterem wären hohe ökonomische Folgekosten durch eine Verlängerung der Schulzeit um ein Jahr zu verzeichnen. Dabei zeigen erste empirische Studien, dass die Lernverluste sehr unterschiedlich sind. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler kann durch den digitalen Fernunterricht Lernverluste vermeiden, andere Teile – zumeist aus bildungsfernen Haushalten oder Schuldestrikten weisen sehr hohe Einbußen auf (Maldonado/De Witte, 2020; Kuhfeld/Tarasawa, 2020).

Um eine verlorene Corona-Generation an den Schulen zu vermeiden, sollten zunächst die Potenziale der Digitalisierung besser gehoben werden (Plünnecke, 2020). Eine bessere digitale Lerninfrastruktur, WLAN an den Schulen durch eine schnelle Umsetzung des Digitalpakts, zusätzlich 20.000 IT-Kräfte an Schulen, mehr Weiterbildung der Lehrkräfte und die Entwicklung intelligenter Lernsoftware können einen wichtigen Beitrag leisten, Lernverluste im Falle künftiger (temporärer) Schulschließungen zu vermeiden.

Als weiteres sind zusätzliche Fördermaßnahmen für die Schülerinnen und Schüler mit Lernverlusten durchzuführen. Hierzu sollten zunächst mit Beginn des Wechselunterrichts an allen Schulen und Jahrgängen Vergleichsarbeiten durchgeführt werden, um den Umfang des Lernverlustes systematisch zu ermitteln. Auf dieser Grundlage könnten dann Nachqualifizierungsprogramme entwickelt werden. Diese könnten aus zusätzlicher Unterstützung durch Lehrmaterialien oder zusätzlichem Förderunterricht am Nachmittag oder an Samstagen bestehen. Auch Mentoring-Programme könnten hier eine Rolle spielen. Neben diesen Angeboten sollten auch systematische Lernangebote für die Ferien entwickelt werden.

Um alle Schüler mit größeren Lernrückständen zu unterstützen, sind entsprechende finanzielle Mittel bereitzustellen. Auf Basis der Einschätzungen der Lehrkräfte im Deutschen Schulbarometer, dürfte bei etwa 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern ein größerer Förderbedarf entstanden sein. Zur Förderung dieser Personengruppe wäre bei einem durchschnittlichen Zeitumfang von 100 Stunden pro Person mit Kosten in Höhe von rund 1,5 Mrd. Euro zu rechnen (Anger/Plünnecke, 2021b). Gut angelegtes Geld, um die Verschärfung der Ungleichheit der Bildungschancen und deutlich größere Folgekosten zu vermeiden.

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Verschärfung der Ungleichheit durch Schulschließungen vermeiden
Christina Anger / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 19 27. März 2021

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