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Anika Jansen / Paula Risius IW-Kurzbericht Nr. 60 11. Juli 2022 Sorgenkind Gastro?: Berufswechsel in der Corona-Pandemie

Durch die Lockdowns der Wirtschaft im Zuge der Corona-Pandemie sind in einigen Branchen starke Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt entstanden. Der Bereich Tourismus, Hotel und Gaststätten ist davon besonders betroffen: knapp 216.000 Personen verließen dieses Berufsfeld im Jahr 2020. Viele fanden eine neue Beschäftigung im Verkauf.

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Berufswechsel in der Corona-Pandemie
Anika Jansen / Paula Risius IW-Kurzbericht Nr. 60 11. Juli 2022

Sorgenkind Gastro?: Berufswechsel in der Corona-Pandemie

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Durch die Lockdowns der Wirtschaft im Zuge der Corona-Pandemie sind in einigen Branchen starke Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt entstanden. Der Bereich Tourismus, Hotel und Gaststätten ist davon besonders betroffen: knapp 216.000 Personen verließen dieses Berufsfeld im Jahr 2020. Viele fanden eine neue Beschäftigung im Verkauf.

Die Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie hatten massive Auswirkungen auf viele Bereiche der Wirtschaft. In einigen Branchen konnten Beschäftigte ihre gewohnte Tätigkeit vorübergehend nicht mehr ausüben. In der Folge meldeten Betriebe Kurzarbeit an oder kündigten Angestellten. Dies hat in einigen Branchen zu Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geführt, die bis heute anhalten.

Hierdurch wurden zweierlei Prozesse in Gang gesetzt: Einerseits stieg die Arbeitslosigkeit zeitweise an, von 2,3 Millionen im Jahresdurchschnitt 2019 auf 2,7 Millionen im Jahresdurchschnitt 2020. Andererseits haben viele Beschäftigte den Job gewechselt und eine neue Beschäftigung gefunden. Insgesamt gab es im Jahr 2020 bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 9,2 Millionen Jobwechsel (BA – Bundesagentur für Arbeit, 2022). Davon brachten 3,2 Millionen Jobwechsel auch einen Berufswechsel mit sich. Insgesamt fällt die Fluktuation dennoch etwas geringer aus als vor der Pandemie (Schmidt, 2021).

Der Tourismus und die Gastronomie waren von Beginn an besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Von insgesamt 788.604 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahresdurchschnitt 2020 entschieden sich 215.889 Personen, die vorher in einem Tourismus-, Hotel- oder Gaststättenberuf gearbeitet hatten – freiwillig oder nicht – für einen neuen Beruf (BA, 2022). Das ist mehr als jeder Vierte (27,4 Prozent). Kein anderer Berufsbereich hat relativ gesehen so viele Beschäftigte verloren. Andersherum wurden lediglich 116.770 Wechsel von außerhalb dieser Berufe hinein verzeichnet. Dadurch ergibt sich ein sogenannter Saldo von fast 100.000 Beschäftigten zwischen denen, die den Beruf verlassen und denen, die diesen neu aufgenommen haben. Dieser Saldo in den Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen ist im Vergleich der insgesamt 37 Berufsbereiche mit Abstand am höchsten.

Wechsel in oder aus einem anderen Lebensumstand, beispielsweise aus einem Studium, aus der Arbeitslosigkeit, in eine geringfügige Beschäftigung oder in die Rente, sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Branchenspezifische Daten zu Abgängen in die Arbeitslosigkeit zeigen jedoch, dass allein im Gastgewerbe 2020 205.571 Personen arbeitslos wurden. Das sind etwa 30.000 Abgänge in Arbeitslosigkeit mehr als noch 2019. Und auch hier ist das Gastgewerbe über alle Branchen hinweg trauriger Spitzenreiter mit dem größten Zuwachs an Abgängen in die Arbeitslosigkeit 2020 (BA, 2021).

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Auch mit Blick auf die Gesamtzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter zeigen sich deutliche Entwicklungen während der Corona-Pandemie. In keinem anderen Berufsbereich ist die Zahl der qualifizierten Beschäftigten so stark gesunken wie in den Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen. Die Zahl sank von Juni 2020 bis Juni 2021 um 59.290 Personen, ein Rückgang um 10,3 Pro-zent (Berechnungen auf Basis der IW-Fachkräftedatenbank). In keinem anderen Berufsbereich fällt der Rückgang so stark aus, weder absolut noch prozentual. Den zweitstärksten Beschäftigungsrückgang gab es im Berufsfeld „Metallerzeugung und -bearbeitung, Metallbauberufe“ mit einem Rückgang von 37.595 Beschäftigten. Auf Platz 3 befanden sich die Verkaufsberufe mit einem Rückgang von 19.955 Beschäftigten.

Dabei fällt der Anstieg der bei der Bundesagentur registrierten an- und ungelernten Arbeitslosen im selben Zeitraum in den Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen geringer aus als der Beschäftigungsrückgang (Anstieg um 30.607). Die Zahl der qualifizierten Arbeitslosen ist in diesen Berufen sogar um 8.171 gesunken, was einem Rückgang von 19,6 Prozent entspricht. Es stellt sich also die Frage, insbesondere vor dem Hintergrund der derzeit wieder steigenden Fachkräfteengpässe, wo die Beschäftigten verblieben sind. Um diese Frage zu beantworten, wurden Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zu Jobwechseln analysiert (BA, 2022).

Unter den 389.797 Beschäftigten, die im Jahr 2020 von einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis im Bereich der Hotel-, Gastronomie- und Tourismusberufe in ein anderes gewechselt haben, sind wie oben genannt nur 173.908 (44,6 Prozent) im ursprünglichen Berufsfeld geblieben. 215.889 (55,4 Prozent) sind in ein anderes Berufsfeld gegangen. Von den Personen, die das Berufsfeld verlassen haben, sind mit 34.820 die meisten neuen Verträge im Verkauf geschlossen worden (siehe Abbildung). Dazu zählen zum Beispiel Kassierer in Supermärkten. Danach kommt der Bereich Verkehr / Logistik, in dem beispielsweise Lagerlogistiker und Paketboten arbeiten, mit 27.157 neuen Verträgen. Auch zu den Berufen der Unternehmensführung und -organisation, zum Beispiel im Sekretariat, sind viele abgewandert. Zu dem Bereich Lebensmittelherstellung und -verarbeitung wanderten 20.532 Beschäftigte ab. Auch in die Reinigung sind 16.877 Beschäftigte gegangen. Welcher Anteil der Abwanderung auf qualifizierte Tätigkeiten oder auf Helfertätigkeiten entfällt, lässt sich anhand der Daten nicht sagen. Auch nicht, auf welchem Anforderungsniveau die neuen Tätigkeiten sind.

Während manche Berufsbereiche Beschäftigte verloren haben, gibt es aber auch Bereiche, die während der Corona-Pandemie deutlich mehr Wechsler für sich gewinnen konnten, als dass sie diese abgeben mussten. Dazu gehört unter anderem der Bereich Recht und Verwaltung, in dem Behörden wie beispielsweise auch die Gesundheitsämter angesiedelt sind. In diesem lässt sich der größte positive Saldo finden: Es sind insgesamt 42.192 mehr Beschäftigte zugewandert als abgewandert. Insgesamt wechselten 2020 92.310 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus einem anderen Beruf in den Berufsbereich „Recht und Verwaltung“. Etwa ein Drittel dieser Beschäftigten kommt aus Berufen der Unternehmensführung und -organisation, zu denen beispielsweise Bürokaufleute zählen. Mit deutlichem Abstand folgen Beschäftigte aus medizinischen Gesundheitsberufen wie etwa der Alten- und Krankenpflege, aber auch aus Berufen der Finanzdienstleistungen, dem Rechnungswesen und der Steuerberatung.

Die politischen Maßnahmen während der Pandemie dürften die Fluktuation am Arbeitsmarkt restringiert haben: Die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes beispielsweise hat es Betrieben erleichtert, Beschäftigte auch dann im Beschäftigungsverhältnis zu halten, wenn dies aufgrund eines geringeren Arbeitsaufkommens temporär nicht rentabel gewesen wäre. Dennoch erreichen die Möglichkeiten dieser politischen Maßnahmen ihre Grenze, wenn die wirtschaftlichen Aussichten in einer Branche über einen längeren Zeitraum hinweg schlecht sind, sodass eine geringe Jobsicherheit signalisiert wird – wie es in den Lockdowns der Fall war. Viele Beschäftigte haben diese Branchen verlassen. Diese Personalabwanderung während der langen Lockdowns erschwert die Sicherstellung der Betriebsabläufe gerade im Gastgewerbe, aber auch am Flughafen erheblich.

Es ist davon auszugehen, dass das Sicherheitsbedürfnis der Beschäftigten in der Krisenzeit stark zugenommen hat, und dass Berufe, die eine hohe Stabilität signalisieren, deswegen an Beliebtheit gewonnen haben. Gleichzeitig haben sich viele Menschen (zunächst vorübergehend) alternative Beschäftigungen gesucht und die Arbeitsbedingungen in anderen Berufen kennen- und schätzen gelernt. So kann sich u. a. die Abwanderung von Beschäftigten aus den Tourismus, Hotel- und Gastronomieberufen in die Verkaufsberufe erklären, in denen sich beispielsweise die Arbeitszeiten besser mit dem Privatleben vereinbaren lassen. Deswegen sollten Unternehmen auch in krisengeplagten Branchen deutlich machen, welche langfristigen Perspektiven sie bieten können sowie weiter an der Vereinbarkeit der Tätigkeiten und ihrer Arbeitgeberattraktivität arbeiten. Zu diesem Zweck kann beispielsweise geprüft werden, ob sich flexible Arbeitszeitregelungen durch persönliche Arbeitszeitkonten eignen oder Unterstützung für die Randzeitenbetreuung in der Kita geleistet werden kann. Langfristig ist der Fachkräftemangel aber nicht allein durch personalpolitische Maßnahmen zu beseitigen, sondern muss auch weiterhin durch politische Initiativen wie etwa Regelungen zur Fachkräfteeinwanderung flankiert werden.

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