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Auf der Suche nach Nähe: Emmanuel Macron und Olaf Scholz. (© Foto: GettyImages / Sean Gallup)
Wido Geis-Thöne / Dirk Werner IW-Nachricht 1. Juli 2023

Deutsch-französische Freundschaft: Nur wenig Austausch

Aller Freundschaftsbekundungen und Austauschprogramme zum Trotz arbeiteten 2022 gerade einmal 83.000 Franzosen in Deutschland. Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, wo sie arbeiteten – und warum die Arbeitskräftemobilität auch 60 Jahren nach dem Élysée-Vertrag noch immer recht gering ausfällt.

Erstmals seit 23 Jahren kommt mit Emmanuel Macron am Sonntag wieder ein französischer Präsident zum Staatsbesuch nach Deutschland. Der Besuch soll neuen Schwung in die Beziehungen der beiden Nachbarländer bringen, die zuletzt immer öfter uneins waren. Eine neue IW-Auswertung zeigt nun: Die deutsch-französische Freundschaft ist noch immer eine in den Köpfen, nicht in den Beinen. So lebten 2022 laut Eurostat-Zahlen lediglich 119.000 französische Staatsbürger in Deutschland – und nur 87.000 Deutsche in Frankreich. 83.000 Franzosen waren in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 

Wo die meisten Franzosen arbeiten

Die meisten von ihnen finden sich im grenznahen Raum, insbesondere am Oberrhein sowie im Saarland. Die anteilig meisten Franzosen arbeiten im baden-württembergischen Rastatt: Hier kommt einer von 23 Beschäftigten aus Frankreich. Auch Großstädte wie Berlin und München ziehen überdurchschnittlich viele Franzosen an – allerdings hat auch hier nur etwa einer von 200 Beschäftigten die französische Staatsbürgerschaft. In manchen ostdeutschen Kreisen wie Sonneberg oder dem Weimarer Land arbeitete zum Stichtag 1. Januar 2022 kein einziger Franzose.

Vor allem drei Gründe bremsen die Arbeitsmobilität:

  • Vielen potenziellen Auswanderern steht die Sprache im Weg. Weil Englisch in der globalen Wirtschaft immer wichtiger wird, ziehen viele junge Menschen einen Auslandsaufenthalt in einem angelsächsischen Land vor. Hinzu kommt: Immer weniger deutsche Schüler lernen Französisch, 2021 waren es nur noch 15 Prozent. Wenn die Politik es mit der Freundschaft ernst meint, müsste sie den Spracherwerb mehr fördern – in beiden Ländern. Sie ist nach wie vor der Schlüssel zur Verständigung. 
  • Die Bildungssysteme sind immer noch sehr unterschiedlich. Während in Deutschland dual ausgebildet wird, bildet Frankreich in beruflichen Schulen und mehr als hierzulande an Hochschulen aus. Seit 1977 sind die Berufsausbildungen beider Länder zwar formal gleichgestellt, doch seitdem hat sich die Berufswelt stark verändert – oft fehlt hier die konkrete grenzüberschreitende Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte wie ProTandem. Das IW stellt mit dem BQ-Portal Informationen zur beruflichen Anerkennung und zum französischen Berufsbildungssystem bereit unter: Frankreich | BQ-Portal.
  • Hinzu kommt, dass es für die meisten Deutschen und Franzosen ökonomisch wenig Anlass gibt, umzuziehen. Einkommenshöhe und -verteilung sind in beiden Ländern ähnlich, im Zweifelsfall dürften sich Menschen ob der Hürden beim Umzug im eigenen Land orientieren.

Damit die deutsch-französischen Beziehungen auch stärker die Arbeitsmärkte beflügeln, bräuchte es politischen Anschub. Helfen könnte etwa ein attraktives Work-and-Travel-Programm, bei dem junge Menschen eine Zeit lang im Nachbarland leben und arbeiten können, und dabei Kultur und Menschen sowie den Arbeitsmarkt kennenlernen. Dies könnte die Angebote des Deutsch-Französischen Jugendwerks, die Schüleraustausch-Programme, Erasmus+ und die deutsch-französische Hochschule ergänzen und stärker auf Arbeitsmarkterfahrungen fokussieren. Es würde sich lohnen – Deutschland und Frankreich könnten auch im Arbeitsleben viel voneinander profitieren. Der deutsch-französische Freundschaftspass, der innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, ist ein erster Anfang.

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