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IW-Direktor Michael Hüther
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Michael Hüther bei Focus Online Interview 28. Juli 2022

„Wenn die Rezession kommt, drohen 3 Millionen mehr Arbeitslose“

Die Gefahren einer Rezession in Deutschland steigen immer weiter - mittlerweile liege die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent, sagt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit Focus Online. Dabei gehe es nicht um eine rein technische Wirtschaftsflaute, sondern um eine „tiefe Anpassung“.

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Herr Hüther, rutscht Deutschland in eine Rezession?

Wir sind ja geübt darin, das mit Wahrscheinlichkeiten zu versehen. Meiner Einschätzung nach liegt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession sicherlich bei 50 Prozent. Dabei geht es nicht um eine technische Rezession, also zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftskraft, sondern um eine tiefe Anpassung. Das muss man deutlich auseinanderhalten.

Die entscheidende Sorge dabei ist die Gas-Verfügbarkeit. Am Ende könnte ein Gas-Mangel Produktionsstillstände in vielen Bereichen und Kaskadeneffekte entlang der Produktionsketten auslösen. Wir würden in eine schwere Anpassungssituation kommen, denn wir haben keine Chance, das nicht verfügbare Gas in dieser Menge und kurzfristig in diesem Jahr von den Weltmärkten zu beziehen. Das ist schlicht und ergreifend unmöglich. Darum hängt alles am seidenen Faden, an diesem Risiko des Gas-Embargos.

Darüber hinaus haben wir eine weltwirtschaftliche Situation, die grundsätzlich Sorgen macht. Wir haben Schwierigkeiten in den USA, wirtschaftliche Ungleichgewichte, hohe Inflation, eine Notenbank, die einiges tun muss, und wir haben Ungleichgewichte in China durch die strikte Lockdown-Politik. Das heißt, es gibt durch die beiden Ankerökonomien der Welt eher belastende Perspektiven. Insofern ist das hohe Rezessionsrisiko nicht mehr wegzureden.

Sie sagen, es gehe nicht um eine definitionsgemäße Rezession, sondern um eine „tiefe Anpassung“. Das klingt dramatisch. Was genau ist damit gemeint?

Die Sorge ist, dass ein Gas-Embargo dazu führt, dass wir am Arbeitsmarkt nicht bloß mit Blessuren davonkommen. So haben wir es in der großen Finanzkrise und auch in der Pandemie erlebt. Doch nun droht tatsächlich ein erheblicher Anstieg der Arbeitslosigkeit. 2,5 bis 3,0 Millionen zusätzliche Arbeitslose halte ich für durchaus denkbar.

Dieses Risiko macht deutlich, dass wir dann in einer anderen Welt sind. Wir haben in den letzten 10 bis 15 Jahren steigende und in Krisen stabile Beschäftigung gesehen. Auch aktuell stellen wir fest, dass die deutsche Wirtschaft durch den Arbeitsmarkt noch sehr gut gehalten wird. Der Prognosekonsens sieht in diesem Jahr 1,6 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt, nächstes Jahr ebenfalls 1,6 Prozent, und das ist noch das stabilste Szenario. Aber: Die Arbeitslosenquote liegt solide bei 5 Prozent, die Beschäftigung steigt an, und wir haben unverändert einen Arbeitskräftemangel.

Das könnte sich dann ändern. Das ist der Hebel, wenn wir über einen so massiven Produktionsausfall oder -stillstand reden, der auch absehbar nicht mehr aufgeholt werden kann, beispielsweise bei einer Kokerei oder in der Glasindustrie. Da reden wir über Ausfälle von einem Jahr, wenn die Anlagen wegen eines Gas-Embargos nicht brauchbar sind. Was dann Entlassungen unvermeidbar werden lässt, zunächst in den direkt betroffenen Bereichen, dann entlang der Wertschöpfungskette.

Das meine ich, wenn ich von einer „tiefen Anpassung“ rede. Da ist die Frage in der Tat, ob das deutsche Geschäftsmodell - industriebasiert, zu passablen Energiekosten, exportorientiert - insgesamt auf dem Prüfstand steht.

Teilweise klingt das dennoch so, als stünde Deutschland – zumindest aktuell - noch ganz gut da?

Es kamen ja jüngst die Steuereinnahmen für das erste Halbjahr – 17,5 Prozent Plus gegenüber dem Vorjahr. Und letztes Jahr war ja auch gar nicht mal schlecht. Allein bei der Umsatzsteuer gab es einen Zuwachs von 55 Prozent. Bezogen auf die Nachwirkungen der Pandemie und in Reaktion auf den Krieg ist das eine relativ robuste Situation. Das spiegelt sich übrigens ebenso in den Gewinnen der Unternehmen im ersten Halbjahr wider.

Das muss man auch sehen. Deswegen sage ich nicht, dass wir vor einer Rezession stehen, sondern dass die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist. Das kann schnell kippen. Aber die Ausgangssituation ist nicht so strukturell schlecht, wie wir denken sollten.

Sie schlugen vor einiger Zeit vor, Deutsche sollten länger arbeiten – pro Woche, aber auch auf die gesamte Karriere bezogen. Würde das helfen, eine etwaige Rezession abzufedern?

Die Diskussion führen wir schon seit geraumer Zeit und sie ist nicht als Antwort auf die Rezession zu verstehen. Es geht um das schrumpfende Erwerbspersonenpotenzial ab 2025. Zwischen 2025 und 2030 verschwinden altersbedingt unterm Strich 3 Millionen Arbeitskräfte, selbst, wenn man mit 200.000 Netto-Zuwanderungen jährlich kalkuliert.

Das entspricht 4,2 Milliarden Arbeitsstunden, die wegbrechen. Unabhängig von Krieg und Pandemie stehen wir vor strukturellen Herausforderungen wie der digitale Transformation und der Klimaneutralität von Energie und Produktion. Wenn wir das schaffen wollen, aber ein schrumpfendes Erwerbspersonenpotenzial haben und die Produktivität nun mal nicht plausibel hochgeschraubt werden kann, bleibt als Hebel nur noch das Beschäftigungsvolumen.

Wenn die Zuwanderung also zu gering ist, bleibt als Frage dann, ob nicht die mehr arbeiten können, die schon da sind. In Schweden und in der Schweiz wird im Wochenschnitt eine beziehungsweise zwei Stunden länger gearbeitet. Hierzulande könnten wir das Beschäftigungsvolumen nun über die Wochenarbeitszeit und geringere Urlaubstage regeln.

Der Anstoß sollte schlicht zeigen, dass wir eben Stellschrauben außerhalb des Rentenzutrittsalters haben, um Wohlstand zu sichern und die Ziele im Strukturwandel zu erreichen.

Bleiben wir bei den Arbeitnehmern. Momentan schwelt die Debatte, wie stark die Löhne nun steigen dürfen, ohne die Inflation weiter zu befeuern. Verlangen die Gewerkschaften zu viel?

Man muss sich klarmachen, dass die Lohnpolitik auch einen Stabilisierungsauftrag hat. Das macht die Notenbank nicht allein, sondern es gibt ein makroökonomisches Zusammenspiel – der Staat verantwortet die Verwendung öffentlicher Gelder, die Lohnpolitik regelt die Lohnentwicklung und die Notenbank schneidert den geldpolitischen Rahmen.

Wir haben nun einen Inflationsimport, der die Notenbank in ein Dilemma bringt, denn dieser Preisauftrieb ist nicht so zu behandeln wie eine „endogene Inflation“. Importierte Inflation kann ich nur runterprügeln zum Preis einer Stabilisierungsrezession – das können wir nicht wollen. Dementsprechend ist die Frage, was die Lohnpolitik nun beitragen kann. Auch in deflationären Zeiten, also mit einem Preissteigerungsniveau bei null, wurde argumentiert, die Preisnorm der EZB mit zwei Prozent als Preiskomponente einzufügen.

Das Messer schneidet aber in beide Richtungen. Wird mit dem EZB-Preisziel in deflationären Phasen argumentiert, sollte das auch in Phasen höherer Inflation so sein. Forderungen von 8,0 Prozent bedeuten auf das Jahr bezogen aber Erhöhungen weit oberhalb der Norm und auch der tatsächlichen Inflation, denn der Jahresschnitt dürfte so bei 6,0 Prozent liegen. Es kann nicht allein die Aufgabe der Lohnpolitik sein, die Kaufkraft abzusichern. Das hat IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann sogar selbst gesagt.

Deswegen muss man fragen, was der Spielraum aufgrund der Produktivität in den einzelnen Sektoren ist. Zudem führt der gerade erst angesprochene Fachkräftemangel zu Lohnprämien. Die Tariflohnpolitik bildet verantwortlich also ohnehin nur noch eine Untergrenze der Lohnkostenentwicklung. Durch einen positiven Lohndrift liegen die Bruttolöhne- und -gehälter schon jetzt im Durchschnitt über dem Tarifniveau. Angesichts dieser Umstände kann man nicht sinnvollerweise über Abschlüsse in Höhe der Inflation reden.

Was wären die Alternativen zu derart hohen Tarifabschlüssen?

Eine Option wäre, eine geringere tabellenwirksame Erhöhung, wie sie etwa die Stahlindustrie mit 6,2 Prozent für 18 Monate vereinbart hat, mit einer Einmalzahlung zu kombinieren, etwa im zweiten Halbjahr 2022. Eine solche Einmalzahlung geht nicht dauerhaft in die Tariftabelle ein, der Staat könnte sie sogar steuer- und beitragsfrei stellen, wie bei der Corona-Prämie. So würden die höheren Kosten der privaten Haushalte direkt kompensiert werden, brutto für netto. Nach Ende der Laufzeit der Tarifverträge könnten die Karten dann neu gemischt werden.

Was könnte die Politik denn im Kampf gegen die Inflation noch beitragen? Der Tankrabatt hat ja nur kurzzeitig gewirkt, die Kritik an der Maßnahme ist groß.

Zunächst einmal finde ich es gut, dass die Politik mit der konzertierten Aktion einen Gesprächsraum geschaffen hat, welcher die wechselseitigen Bedingungen von Geld-, Finanz- und Lohnpolitik thematisiert. Die Tarifautonomie der Lohnpolitik beispielsweise ist richtig, sollte aber nicht den Blick auf die Bedingungen und Schwierigkeiten der Geldpolitik verstellen, worauf dann die Finanzpolitik wiederum reagieren könnte. Das scheint mir für eine „gemeinsame Anamnese“ der Lage wichtig.

Ganz konkret hat die Bundesregierung den Bürger ja schon mit 30 Milliarden Euro entlastet - über die Heizkostenpauschale, die Energiepreispauschale, Abschaffung EEG-Umlage, den Kinderbonus und den Tankrabatt. Den Tankrabatt halte ich auch nicht für die sinnvollste aller Lösungen. Politisch mag das indes klug sein, wenn der Verbraucher den Rückgang der Preise an der Zapfsäule in der Urlaubszeit sieht und sich so die Stimmung hebt. Ökonomisch ist das nicht zu empfehlen, politisch kann da eine Logik drinstecken.

Was die Regierung noch tun könnte, wäre die Steuerbeitragsfreiheit bei Einmalzahlungen, und, sollten die Haushalte doch stärker in die Bredouille kommen, eine erneute Energiepreispauschale. Die wird nämlich versteuert und bringt so nach oben hin eine regressive Entlastung, was unserem Verteilungsbild entspricht.

Allerdings braucht es da keine Hektik. Jetzt im Sommer kommen erst die Heizkostenabrechnungen, und erst danach sieht man realen Effekte. Also könnte im Herbst nochmal über dieses Instrument nachgedacht werden.

Welcher Minister hat derzeit die besten Möglichkeiten, Deutschlands Wirtschaft zukunftsfähiger zu machen?

Natürlich ist das Christian Lindner und das Finanzministerium. Aber wir sind in der Klemme der Schuldenbremse und große, strukturelle Steuerentlastungen lassen sich deshalb nicht einfach organisieren. Denken Sie da beispielsweise an den Abbau der kalten Progression, oder die Wiederherstellung eines linear-progressiven Steuertarifs, da reden wir locker über 30 Milliarden Euro pro Jahr, die den Gebietskörperschaften fehlen.

Zwar hätte man dadurch Wachstumseffekte und mittelfristig zusätzliche Steuereinnahmen, aber die kommen nicht so schnell, dass es im selben Jahr der Entlastung auch schon einen entsprechenden Effekt gäbe. So komme ich also aus der Bredouille der Schuldenbremse nicht heraus. Die Schuldenbremse hat damit leider auch den Effekt einer Steuersenkungsbremse.

Ich würde mir das zwar sehr wünschen, denn eine Steuertarifreform der Einkommenssteuer ist lange überfällig. Ebenso sollte der Soli komplett wegfallen. Aber auch das wären über 10 Milliarden, die fehlen. Doch dafür ist die Luft zu eng, denn die Möglichkeit der Verschuldung ist eigentlich überausgeschöpft.
 
Weil das nicht geht, wäre es alternativ sinnvoll, zu deregulieren, zu liberalisieren, den Markt zu öffnen – das, was Wirtschaftsminister Habeck an vielen Stellen versucht. Effiziente Planungsgenehmigungsverfahren, eine Beschleunigung von Investitionsprojekten, oder eine Erleichterung der bürokratischen Bürden für Unternehmen etwa.

Zuletzt wäre auch noch Arbeitsminister Heil im Boot, der ja fleißig dabei ist, die Sachen nicht unbedingt flexibler zu machen, etwa beim Arbeitsrecht. Hier könnte die Politik andere Anreize setzen, eben, was die vorhin angesprochene Wochenarbeitszeit angeht. Als Andrea Nahles noch Arbeitsministerin war, gab es viele Überlegungen für Experimentierräume, andere Arbeitszeitkonfigurationen in der digitalen Welt beispielsweise, und das ist im Grunde alles vom Tisch, was wirklich schade ist.

Deutschland hat jahrelang gut gewirtschaftet. Sollten wir dann nicht genau jetzt, in der Krise, unsere Bonität nutzen, um sinnvoll über Schulden zu investieren?

Im Augenblick steigen die Zinsen an und die Zinsausgaben sind für die Bundesregierung schon deutlich unkomfortabler als in den Vorjahren. Man muss sich fragen, was der Sinn von Kreditfinanzierung ist. Abgesehen von der konjunkturellen Begründung würden wir klassischerweise Investitionen darüber finanzieren. Früher wurde auch argumentiert, dass Entlastungen auf der Steuerseite sich irgendwann refinanzieren, und man dann eben eine Zeit mit höherer Kreditaufnahme durchstehen muss. Den Spielraum haben wir aber einfach nicht mehr.

Kommen wir zu einer anderen großen Baustelle Deutschlands – das Rentensystem. Kann die geplante Aktienrente das Umlagesystem langfristig ersetzen?

Die Idee ist gut. Aber das hätte die Bundesregierung noch während der Niedrigzinsphase angehen sollen. Bei einer finanziellen Transaktion wäre die Schuldenbremse grundsätzlich kein Problem gewesen. Der Bund hätte das gewünschte Volumen an Aktien ganz einfach mit Bundesanleihen finanzieren können – praktisch ein Finanztausch.

Man hätte damals 500 Milliarden Euro aufnehmen und in Aktien anlegen müssen, global, mit einem klugen Management. Dann hätte es für eine Zeit, ab 2040, eine Auszahlungsperspektive für die gesetzliche Rentenversicherung gegeben, um das demografisch bedingte Finanzierungsproblem abzufedern. Ein schwedisches Modell mit staatlich zertifizierten Fonds, in welche Bürger zusätzlich einzahlen könnten, wäre ebenso denkbar. Die zehn Milliarden Euro, die als Startkapital geplant sind, da habe ich keine Idee, was die wirklich bewegen sollen. Wenn man wirklich das gesamte System stabilisieren will, muss man über ganz andere Volumina reden.

Wenn die Aktienrente in der jetzigen Form nicht ausreicht, sollten Bürger dann weiter selbst investieren, um fürs Alter vorzusorgen?

Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert. Das sollte jeder tun, aber nicht unbedingt mit Rentenverträgen wie Riester, die den permanenten Kapitalerhalt sichern, sondern auch über eine gewisse Zeit mit Risiken, die vor der Auszahlphase dann ausgesteuert werden.

Es sind zwar noch keine Kaufzeiten an den Märkten, aber die kommen wieder. Insofern sollten Sparer Liquidität sichern und in eine kapitalgedeckte Altersvorsorge investieren – umso mehr, je stärker sich das demografische Profil zugunsten der Rentner und zu Ungunsten der Beitragszahler verschiebt und deshalb die Renten entweder schwächer steigen oder die Beitragssätze stärker steigen müssen.

Zum Interview auf focus.de.

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