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Christian Rusche in Makronom Gastbeitrag 30. April 2021

Digitalisierung: Zwei Szenarien zur Entwicklung des Online-Handels

Die Pandemie hat wenig überraschend für einen weiter wachsenden Internethandel gesorgt. Aus Sicht des stationären Handels ergeben sich daraus zwei Szenarien – ein positives und ein negatives, erläutert IW-Ökonom Christian Rusche in seiner Analyse in „Makronom“.

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Die Corona-Pandemie hat sich seit Beginn im Frühjahr 2020 von einem symmetrischen zu einem asymmetrischen Schock für die deutsche Wirtschaft entwickelt. Während im ersten Lockdown ab Mitte März 2020 noch nahezu die gesamte deutsche Wirtschaft beeinträchtigt wurde, waren es ab Ende 2020 lediglich ausgewählte Wirtschaftsbereiche.

Dabei wirkte sich die Pandemie von Anfang an asymmetrisch auf den Handel aus. Der Online-Handel sowie stationäre Einzelhändler in geöffneten Bereichen konnten profitieren. Mit Einbußen konfrontiert waren jedoch diejenigen Händler, die ihre stationären Geschäfte schließen mussten. Insgesamt konnte trotz eines preisbereinigten Rückgangs der Konsumausgaben um fünf Prozent der Einzelhandel in Deutschland den Umsatz 2020 nominal um geschätzt 5,3 Prozent steigern. Diese 5,3 Prozent entsprechen im Einzelhandel – ohne den Handel mit Kraftfahrzeugen – einem zusätzlichen Umsatz von rund 32 Milliarden Euro.

Auf Basis der Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts kann der zusätzliche Umsatz im Online-Handel zumindest abgeschätzt werden. Es wird deutlich, dass von den rund 32 Milliarden Euro zusätzlichen nominalen Umsatz mindestens 17 Milliarden auf den E-Commerce entfallen. Dabei sind die fortgesetzten Auswirkungen auf den Handel im Lockdown des Jahres 2021 noch nicht einmal enthalten.

Rolle des E-Commerce in Deutschland

Bereits vor der Pandemie nutzten die Deutschen im EU-Vergleich die Möglichkeit, über das Internet einzukaufen, vergleichsweise häufig. Entsprechend hoch war die Bedeutung des Online-Handels für den Einzelhandel bereits vor der Pandemie. Nahezu kontinuierlich stieg der Anteil des Online-Handels am gesamten Umsatz im Einzelhandel von 1,3 Prozent im Jahr 2005 auf geschätzt 12,7 Prozent im Jahr 2019. Im Pandemie-Jahr 2020 nahm der Anteil nochmals deutlich auf geschätzte 14,7 Prozent zu. Somit stieg der Anteil des E-Commerce durch die Pandemie nochmals um circa zwei Prozentpunkte. Damit war der Zuwachs rund viermal so hoch wie im Jahr 2019.

Inhaltselement mit der ID 9268 Inhaltselement mit der ID 9269

Und diese Entwicklung hat sich zu Beginn des Jahres 2021 sogar noch beschleunigt. So gab das Statistische Bundesamt das Wachstum im Internet- und Versandhandel (WZ08-4791) im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr mit real 31,7 und nominal 32,6 Prozent an. Die reine Betrachtung der WZ-Klasse WZ08-4791 „Internet- und Versandhandel“ unterschätzt dabei die Bedeutung des Online-Handels, da inzwischen in allen Einzelhandelsbranchen E-Commerce-Umsätze auftreten. Auch hier hat die Pandemie zu einer weiteren Beschleunigung geführt. So gaben in einer Befragung des Handelsverband Deutschland (HDE) aus dem März 2021 84 Prozent der befragten Händler an, digital aktiv zu sein. Für rund 40 Prozent der Befragten gaben dabei die Pandemie und die damit verbundenen Geschäftsschließungen den Ausschlag für die Nutzung zusätzlicher Absatzkanäle. Die Pandemie sorgte somit für ein weiter verstärktes Angebot im Internethandel.

Der aggregierte Anteil am gesamten Einzelhandelsumsatz in der obigen Abbildung verdeckt, dass die einzelnen Warengruppen stark unterschiedlich über das Internet gehandelt werden. Im stationären Einzelhandel spielen die Fast Moving Consumer Goods (FMCG), wie beispielsweise Nahrungsmittel, Shampoo oder Hundefutter, die weitaus größte Rolle. Die Corona-Pandemie hat auch hier zu Veränderungen geführt und die Rolle des E-Commerce gestärkt, dennoch war und ist seine Bedeutung in diesem Bereich eher überschaubar. Diese geringe Bedeutung des Online-Handels bei FMCG verdeckt jedoch, dass der Online-Handel bei anderen Warengruppen wie beispielsweise Elektronik, Möbel oder Textilien deutlich stärker vertreten ist. Die Geschäftsschließungen in diesen Bereichen und das entsprechend höhere Angebot über digitale Kanäle der betroffenen Händler dürfte die Position des Internets bei diesen Warengruppen weiter gestärkt haben.

Zwei Szenarien der Entwicklung

Die Pandemie hat somit einerseits die Nachfrage nach Waren über digitale Kanäle erhöht und gleichzeitig für ein verstärktes Angebot gesorgt. Dadurch ist insgesamt die Bedeutung digitaler Kanäle für den gesamten Einzelhandel stark gestiegen. Während diese Entwicklung eindeutig anhand vorliegender Zahlen nachgezeichnet werden kann, sind die Konsequenzen nicht so eindeutig abzuschätzen. Aus Sicht des stationären Handels ergeben sich zwei Szenarien – ein positives und ein negatives. Diese Szenarien bilden die möglichen Extreme der Entwicklung ab und dienen der Veranschaulichung und als Diskussionsgrundlage im Anschluss an diesen Beitrag. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die tatsächliche Entwicklung zwischen den Szenarien liegen.

Das positive Szenario setzt auf eine rasche Erholung des Konsums in Deutschland nach dem Ende des Lockdowns. Die Konsumenten in Deutschland haben während der Pandemie ihre Sparquote auf mehr als 16 Prozent erhöht. Entsprechend befindet sich viel Geld auf den Konten der Verbraucher, das auch für konsumtive Zwecke zur Verfügung steht. Gleichzeitig kann der stationäre Handel durch die Haptik und einen zeitlichen Vorteil punkten, da die Ware direkt ausprobiert bzw. angefasst sowie mitgenommen werden kann. Durch Kapazitätsgrenzen in der stark beanspruchten Logistik wird die Entwicklung im Online-Handel verlangsamt, wodurch der stationäre Handel profitieren kann. Durch die Geschäftsschließungen mussten die Verbraucher auch das Einkaufserlebnis entbehren und haben es schätzen gelernt.

Somit entsteht ein Nachholbedarf, der in Verbindung mit dem Wunsch, die lokalen Händler zu unterstützen, dafür sorgt, dass sich viele stationäre Händler halten und auch durch die Pandemie entstandene Lücken in den Einkaufsstraßen schnell wieder geschlossen werden können. Da die Händler gleichzeitig die erhöhte Reichweite durch digitale Kanäle nutzen, wird auch auf diesem Weg ihr Geschäft stabilisiert. Dadurch wachsen digitaler und analoger Handel zwar zusammen, aber der lokale Handel und der Wettbewerb im E-Commerce können aufrechterhalten werden.

Im negativen Szenario müssen zahlreiche Geschäfte im stationären Einzelhandel geschlossen werden und die großen Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel bauen ihr Angebot aus. Laut HDE sind beispielsweise mehr als 60 Prozent der Innenstadthändler ohne weitere staatliche Hilfe von der Insolvenz bedroht. Wenn die Auswahl in den Einkaufsstraßen durch Geschäftsschließungen – auch im Gastronomie- und Kulturbereich – eingeschränkt ist und sie die Waren in Verbrauchermärkten erwerben können, nimmt die Attraktivität der Innenstadt für Kunden ab. Dadurch sinkt die Anzahl an Kunden, wodurch weitere Geschäfte schließen müssen.

Gleichzeitig haben sich zahlreiche Kunden an die Nutzung digitaler Kanäle gewöhnt und entsprechend Nutzerkonten eröffnet. Dadurch steigt auch in Zukunft die Nutzung digitaler Kanäle. Von der Verlagerung in das Internet profitieren jedoch vor allem digitale Plattformen. Einerseits können diese Plattformen eigene Verkäufe (z.B. Amazon und Zalando) steigern. Andererseits steigen die Umsätze der Plattformen, weil zunehmend Händler über diese Plattformen verkaufen (müssen) und die Plattformen (z.B. Amazon und eBay) an den Gebühren verdienen. Beispielsweise entfielen 2019 bereits 48 Prozent aller Umsätze im Online-Handel in Deutschland auf Verkäufe über Amazon.de.

Und durch die Pandemie hat sich diese Machtposition nochmals verfestigt und wurde weiter ausgebaut. Zur Steigerung der Attraktivität kann Amazon die Einnahmen nutzen, um in die Logistik und stationäre Geschäfte zu investieren. Gleichzeitig haben die Belastungen der Lockdowns die Investitionsmöglichkeiten der etablierten Händler eingeschränkt, wodurch sie in der digitalen Transformation keine eigenen Impulse setzen können. Auch in diesem Szenario kommt es tendenziell zu einer Verschmelzung von analogem und digitalem Handel. Diese Entwicklung wird jedoch von wenigen internationalen Konzernen maßgeblich bestimmt, die davon stark profitieren. Die Attraktivität der Innenstädte und der Wettbewerb gehen insgesamt stark zurück.

Fazit

Die Verschmelzung von Online-Handel und stationärem Handel zeichnete sich bereits vor der Pandemie ab. Durch die Pandemie wurde diese Entwicklung jedoch nochmals beschleunigt. Die Bedeutung des E-Commerce stieg bereits vor der Corona-Krise kontinuierlich. Auch hier hat die Pandemie lediglich für eine Beschleunigung gesorgt. Diese kann jedoch insbesondere für den stationären Handel eine Gefahr darstellen. Die Beschleunigung der Entwicklung und das Ausbleiben von Einnahmen durch die Krise erschweren entsprechende Investitionen niedergelassener Händler und bevorzugen die Onlinehändler.

Staatliche Stützungsmaßnahmen sind in der Pandemie und durch die erzwungenen Geschäftsschließungen durchaus gerechtfertigt. Sie sorgen dafür, dass der Wettbewerb und Investitionsspielräume erhalten bleiben können. Dass der Handel bereits auf die digitale Transformation reagiert und seine Prozesse entsprechend angepasst hat, wurde in einer Analyse für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie deutlich. Zudem ist staatliche Hilfe ebenfalls gerechtfertigt, weil die ergriffenen Corona-Maßnahmen selektiv wirken. Beispielsweise kann eine Hose von einem Supermarkt oder einer Plattform verkauft werden, während der Modeeinzelhändler trotz Investitionen in ein Hygienekonzept die gleiche Hose in seinem Geschäft nicht verkaufen darf.

Durch die wachsende Bedeutung von Plattformen entsteht Marktmacht, die im Endeffekt sogar dazu führen kann, einer Plattform den Rang einer kritischen Infrastruktur zuzuerkennen. Entsprechend muss auch die Regulierung dieser Marktposition konsequent weiterverfolgt werden. In der 10. GWB-Novelle in Deutschland und im vorgeschlagenen Digital Markets Act der EU wurden Kompetenzen geschaffen, um den fairen Wettbewerb unter anderem im Online-Handel erhalten zu können. Diese müssen jedoch auch genutzt werden. Wird der Wettbewerb fair gestaltet und die Existenz zahlreicher Händler gesichert, kann die Wahrscheinlichkeit für das positive Szenario erhöht werden. Ohne diese Maßnahmen dürfte die Wahrscheinlichkeit für das negative Szenario hingegen weiter steigen.

Hier geht es zum Gastbeitrag in „Makronom“.

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