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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 85 23. Dezember 2019 Grundschulen: In den Städten wird es eng

Bei der Entwicklung der Grundschülerzahlen zeigt sich in den letzten Jahren im Westen ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Die Unterschiede dürften sich auf absehbare Zeit noch weiter verstärken und auch im Osten zu finden sein. Um vor diesem Hintergrund den Ausbau der Ganztagsangebote für Grundschüler zu meistern, brauchen die Städte besonders viel Unterstützung.

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In den Städten wird es eng
Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 85 23. Dezember 2019

Grundschulen: In den Städten wird es eng

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Bei der Entwicklung der Grundschülerzahlen zeigt sich in den letzten Jahren im Westen ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Die Unterschiede dürften sich auf absehbare Zeit noch weiter verstärken und auch im Osten zu finden sein. Um vor diesem Hintergrund den Ausbau der Ganztagsangebote für Grundschüler zu meistern, brauchen die Städte besonders viel Unterstützung.

In den letzten Jahren leben wieder mehr Kinder in Deutschland. Hatte die Geburtenzahl im Jahr 2011 mit 663.000 ihren Tiefstand erreicht, waren es im Jahr 2018 wieder 788.000. Gleichzeitig sind in den fünf Jahren von 2014 bis einschließlich 2018 insgesamt 846.000 Minderjährige zugewandert, von denen 476.000 weniger als 10 Jahre alt waren. (Statistisches Bundesamt, 2019; eigene Berechnungen). Dies macht sich langsam auch an den Grundschulen bemerkbar. Hatte die Schülerzahl im Schuljahr 1997/1998 mit 3,70 Millionen einen Höchststand erreicht, war sie in den folgenden 16 Jahren fast kontinuierlich auf nur noch 2,71 Millionen in den Schuljahren 2013/2014 und 2014/2015 zurückgegangen. Seitdem ist sie wieder bis auf 2,80 Millionen im Schuljahr 2018/2019 gestiegen (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.) . Dabei ist anzumerken, dass diese Zahlen nur die ersten bis vierten Klassen enthalten. Die fünften und sechsten an den Berliner und Brandenburger Grundschulen werden in der Schulstatistik als schulartunabhängige Orientierungsstufe verbucht.

Betrachtet man nicht nur die Grundschüler, sondern alle Schüler in den Jahrgangsstufen eins bis vier, ist ihre Zahl zwischen den Schuljahren 2014/2015 und 2018/2019 sogar noch stärker von 2,88 Millionen auf 3,00 Millionen gestiegen. Dies erklärt sich vor allem mit dem starken Ausbau der Primarstufen an den integrierten Gesamtschulen in Baden-Württemberg, die dort inzwischen 12,5 Prozent und bundesweit 2,6 Prozent der Erst- bis Viertklässler ausmachen. Hingegen ist die Zahl der Förderschüler, die mit einem Anteil von 3,0 Prozent nach den Grundschülern mit 93,5 Prozent die zweitgrößte Gruppe bilden, nahezu konstant geblieben. Die verbleibenden 0,9 Prozent entfallen auf die Waldorfschüler (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.; eigene Berechnungen).

In den nächsten Jahren werden aller Voraussicht nach noch deutlich mehr Kinder die erste bis vierte Klasse besuchen. Mit 3,09 Millionen lebten am 31.12.2018 rund 5,6 Prozent mehr Zwei- bis Fünfjährige im Land als Sechs- bis Zehnjährige mit 2,92 Millionen. Null- bis einschließlich Dreijährige waren es mit 3,16 Millionen sogar 8,1 Prozent mehr (Statistisches Bundesamt, 2019; eigene Berechnung). Hinzukommen werden noch Kinder, die in den nächsten Jahren erst zuwandern. Geht man davon aus, dass es nicht zu starken Verschiebungen bei der Migration kommt, und legt man die Zahl von 23.000 im Jahr 2018 zugewanderte Sechs- bis Neunjährige zugrunde (Statistisches Bundesamt, 2019), erscheint für einen Vierjahreszeitraum eine Größenordnung von 100.000 denkbar. Dies entspräche rund 3,4 Prozent der aktuellen Kinderzahl im Alter zwischen sechs und neun Jahren und würde den Anstieg auf rund 9,0 Prozent erhöhen.

Differenziert man nach Bundesländern, sind die Zahlen der Schüler in den Jahrgangsstufen eins bis vier zwischen den Schuljahren 2014/2015 und 2018/2019 in allen Bundesländern außer Niedersachsen angestiegen (Abbildung). Besonders dynamisch war die Entwicklung im Osten und den Stadtstaaten. Zu ersterem ist allerdings anzumerken, dass hier vor dem Hintergrund einer etwas anderen langfristigen Geburtenentwicklung als im Westen zuvor auch ein besonders starker Rückgang zu verzeichnen war.

Inhaltselement mit der ID 6548
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Betrachtet man die Verhältnisse der Zwei- bis Fünfjährigen zu den Sechs- bis Neunjährigen, zeigt sich, dass sich die positive Entwicklung in den ostdeutschen Ländern in den nächsten Jahren nur in sehr beschränktem Maße weiter fortsetzen dürfte, wohingegen in den Stadtstaaten ein weiterer starker Anstieg zu erwarten ist. Auch in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz liegen die Zahlen der jüngeren Kinder um über 5 Prozent höher als die der Älteren. Hinzukommen werden noch die zuwandernden Kinder, deren regionale Verteilung sich mit den verfügbaren Daten allerdings nicht treffsicher abschätzen lässt.

Differenziert man weiter nach Kreisen, zeigt sich bei der Entwicklung der Grundschülerzahlen auch innerhalb der Länder kein einheitliches Bild. Statistiken zu den einzelnen Jahrgangsstufen liegen auf dieser Ebene nicht vor, sodass die anderen Schulformen nicht mitbetrachtet werden können. Daher muss Baden-Württemberg vor dem Hintergrund seines starken Ausbaus der Primarstufen an den Gesamtschulen hier auch komplett ausgesondert werden. Zudem kann nur die Entwicklung zwischen den Schuljahren 2013/2014 und 2017/2018 nachgezeichnet werden, da für 2018/2019 auf Kreisebene noch keine Werte vorliegen. Der Abstand von vier Jahren wurde beibehalten, da in dieser Zeit die Schülerschaft an den Grundschulen regulär einmal komplett ausgetauscht wird. Fasst man die Kreise anhand der vier siedlungsstrukturellen Kreistypen des BBSR zusammen, ergeben sich folgende Anstiege (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2019; eigene Berechnungen):

  • Kreisfreie Großstädte: 9,1 Prozent; West: 7,7 Prozent; Ost: 13,2 Prozent
  • Städtische Kreise: 2,5 Prozent; West: 2,4 Prozent; Ost: 5,5 Prozent
  • Ländliche Kreise: 3,3 Prozent; West: 1,0 Prozent; Ost: 8,6 Prozent
  • Dünnbesiedelte ländliche Kreise: 3,1 Prozent; West: -0,7 Prozent; Ost: 9,4 Prozent

Im Westen findet sich also ein sehr starkes Stadt-Land-Gefälle, während im Osten in den letzten Jahren auch in den ländlichen Gebieten wieder etwas mehr Kinder die Grundschulen besuchen.

Wie die Zahlen der Grundschüler liegen auch die Bevölkerungszahlen nach konkreten Altersjahren auf Kreisebene nur mit einem Jahr Zeitverzug vor. Betrachtet man um wie viel Prozent die Zahl der Zwei- bis Fünfjährigen (bzw. der Null- bis Dreijährigen) am 31.12.2017 höher lag als die der Sechs- bis Neunjährigen in den vier Kreistypen, ergibt sich folgendes Bild, wobei Baden-Württemberg hier mitberücksichtigt ist (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2019; eigene Berechnungen):

  • Kreisfreie Großstädte: 8,9 Prozent (17,0 Prozent); West: 8,6 Prozent (17,1 Prozent); Ost: 10,6 Prozent (16,8 Prozent)
  • Städtische Kreise: 1,2 Prozent (4,1 Prozent); West: 1,3 Prozent (4,3 Prozent); Ost: -0,8 Prozent (-2,4 Prozent)
  • Ländliche Kreise: 0,1 Prozent (1,7 Prozent); West: 1,0 Prozent (3,8 Prozent); Ost: -2,2 Prozent (-3,9 Prozent)
  • Dünnbesiedelte ländliche Kreise: -0,5 Prozent (0,6 Prozent); West: 0,5 Prozent (3,5 Prozent); Ost: -1,9 Prozent (-3,6 Prozent)

Wie bei den Grundschülerzahlen findet sich auch hier für den Westen ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Die regionale Auseinanderentwicklung der Zahlen der Erst- bis Viertklässler wird sich in den nächsten Jahren also aller Voraussicht nach noch weiter fortsetzen, sollte es nicht zu einer starken Stadt-Land-Migration kommen. Im Osten wird die positive Entwicklung bei den Grundschülerzahlen in den ländlichen Kreisen vor dem Hintergrund der deutlich geringeren Zahlen jüngerer Kinder voraussichtlich zeitnah enden, und es dürfte sich ein ähnliches Muster wie im Westen einstellen.

Vor dem Hintergrund des geplanten Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder hat dieser Befund auch große politische Bedeutung. So müssen in den Städten in den nächsten Jahren in größerem Maße zusätzliche Grundschulplätze geschaffen werden, was hier vor dem Hintergrund der Lage am Immobilienmarkt besonders aufwendig und teuer ist. Hingegen kann der Fokus in den ländlichen Gebieten fast allein auf der Schaffung der für die Nachmittagsbetreuung notwendigen Infrastruktur liegen und hierfür können teilweise sogar bestehende Einrichtungen umgewidmet werden. Auch wenn der Stand bei der Ganztagsbetreuung in den Städten aktuell bereits etwas besser sein dürfte, benötigen sie vor diesem Hintergrund für den weiteren Ausbau von Bund und Ländern mindestens genauso viel Unterstützung wie die ländlichen Gebiete.

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