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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 55 15. August 2019 Immer mehr Hochqualifizierte stammen aus dem Ausland

War 2007 noch weniger als jeder sechste Akademiker zwischen 25 und 44 Jahren nicht in Deutschland geboren, galt dies 2017 bereits für jeden Vierten. Obschon die meisten dieser Zuwanderer nicht über die klassische Erwerbsmigration ins Land gekommen sind, muss diese weiter gestärkt werden, um die Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte langfristig zu sichern.

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Immer mehr Hochqualifizierte stammen aus dem Ausland
Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 55 15. August 2019

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War 2007 noch weniger als jeder sechste Akademiker zwischen 25 und 44 Jahren nicht in Deutschland geboren, galt dies 2017 bereits für jeden Vierten. Obschon die meisten dieser Zuwanderer nicht über die klassische Erwerbsmigration ins Land gekommen sind, muss diese weiter gestärkt werden, um die Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte langfristig zu sichern.

In den letzten Jahren ist der Anteil der im Ausland geborenen Personen an den Akademikern in Deutschland sehr stark gestiegen. Lag dieser im Jahr 2007 noch bei 13,6 Prozent, waren es 2012 bereits 14,9 Prozent und 2017 sogar 18,7 Prozent. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, da in dieser Dekade auch die Zahl der im Inland geborenen Hochschulabsolventen vor dem Hintergrund der starken Bildungsexpansion um über ein Drittel von 7,4 Millionen auf 10,1 Millionen zugenommen hat. Die zugewanderte hochqualifizierte Bevölkerung hat sich allerdings noch wesentlich dynamischer entwickelt und ziemlich exakt verdoppelt. Waren es im Jahr 2007 rund 1,16 Million im Ausland geborene Akademiker, lag die Zahl bei 1,55 Millionen im Jahr 2012 und 2,32 Millionen im Jahr 2017 (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.a,b; eigene Berechnungen).

Betrachtet man die Herkunftsländer zeigt sich eine große Bandbreite. Mit 235.000 kamen im Jahr 2017 die meisten der im Ausland geborenen Akademiker aus Polen, gefolgt von Russland mit 225.000 und Rumänien mit 118.000. Weitere wichtige Herkunftsländer waren Kasachstan mit 104.000, die Ukraine mit 101.000, China mit 82.000, Syrien mit 78.000, die Türkei mit 69.000, Frankreich mit 60.000, Italien mit 58.000, Indien mit 54.000 und die Vereinigten Staaten mit 53.000. (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.a; eigene Berechnungen).

Bemerkenswert ist vor dem Hintergrund des starken Zuzugs vielfach sehr niedrig qualifizierter Geflüchteter der letzten Jahre, dass auch der Akademikeranteil unter den zugewanderten Personen zwischen 25 und 64 Jahren deutlich zugenommen hat. Lag dieser im Jahr 2007 noch bei 14,5 Prozent, waren es 2012 bereits 17,7 Prozent und 2017 sogar 21,1 Prozent (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.a,b; eigene Berechnungen). Betrachtet man nur die für die langfristige Fachkräftesicherung besonders wichtigen Personen in der ersten Hälfte des Erwerbslebens zwischen 25 und 44 Jahren, fallen die Anstiege bei der Anzahl der im Ausland geborenen Akademiker sowie ihren Anteilen an der zugewanderten Bevölkerung und allen Akademikern in dieser Altersgruppe noch stärker aus, wie die Abbildung zeigt.

Damit ergibt sich ein vollkommen anderes Bild, als wenn man die aktuellen Zahlen zur Erwerbsmigration in den Blick nimmt. So wurden in diesem Kontext im Jahr 2017 nur rund 48.000 Aufenthaltstitel an neueingereiste Personen erteilt, wovon auch noch 18.000 auf nicht qualifizierte Beschäftigungen entfielen (BAMF, 2017). Die im Ausland geborenen Akademiker kommen also offensichtlich größtenteils auf anderen Wegen ins Land. Diese sind vor allem die Freizügigkeit innerhalb der EU, die Zuwanderung über das Bildungssystem sowie die Zuwanderung aus familiären und aus humanitären Gründen.

 

Inhaltselement mit der ID 6174
Inhaltselement mit der ID 6175

Im Rahmen der Freizügigkeit können sich EU-Bürger in einem anderen Mitgliedsland niederlassen und dort eine Erwerbstätigkeit oder Ausbildung aufnehmen, ohne eine Genehmigung hierfür zu benötigen. Dies hat zur Folge, dass im Ausländerzentralregister keine Informationen gespeichert werden, die einen Anhaltspunkt zu den Zuwanderungsmotiven liefern könnten, und Zuzüge aus den anderen EU-Ländern in den entsprechenden Statistiken grundsätzlich nicht der Erwerbsmigration zugeordnet werden können. Allerdings gaben auf die im Mikrozensus 2017 erstmals gestellte Frage nach dem Hauptmotiv für die Zuwanderung 27,8 Prozent der in den anderen EU-Ländern geborenen Personen eine Arbeit oder Beschäftigung in Deutschland an, im Vergleich zu nur 11,2 Prozent derer aus Drittstaaten (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.a; eigene Berechnungen).

Im Jahr 2017 stammten 906.000 oder 39,0 Prozent der im Ausland geborenen Akademiker aus einem anderen EU-Land. Dies entspricht fast exakt dem Anteil der EU-Zuwanderer an allen Zuwanderern von 38,7 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre, ist die Zahl der in einem anderen EU-Land geborenen Akademiker zwischen den Jahren 2007 und 2016 um 87,6 Prozent gestiegen. Bei den aus Drittstaaten stammenden Akademikern war der Anstieg mit 89,3 Prozent etwa gleich stark (Statistisches Bundesamt, versch. Jg.a,b; eigene Berechnungen). Ein Vergleich mit den Zahlen für das Jahr 2017 ist problematisch, da inzwischen die Erfassung des Herkunftslands wesentlich verbessert worden ist und damit weniger Personen in die Kategorie ohne Angabe fallen.

Zu dieser Entwicklung ist allerdings anzumerken, dass es sich bei der EU-Mobilität, wie auch bei den Wanderungsbewegungen im Allgemeinen, nicht um eine Einbahnstraße handelt. Wie Personen nach Deutschland kommen, gehen auch Personen aus Deutschland in die anderen EU-Länder und ins außereuropäische Ausland. Dabei hat das Land durch die Wanderungsbewegungen innerhalb der EU in den letzten Jahren zwar insgesamt deutliche Bevölkerungsgewinne erzielen können. Allerdings ist nicht klar, inwieweit das auch für die hochqualifizierte Bevölkerung gilt, da der Bildungsstand der abwandernden Personen nicht erfasst wird (Geis-Thöne, 2018). Für die Zukunft ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in jedem Fall mit einem Rückgang der Nettozuwanderung von akademisch qualifizierten Personen aus der EU zu rechnen. So ist die Zahl der jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren, in dem typischerweise ein Hochschulstudium absolviert wird, in den beiden bedeutendsten Herkunftsländern der Akademiker aus dem EU-Ausland zwischen 2007 und 2017 jeweils um rund ein Drittel gesunken. In Polen von 3,29 Millionen auf 2,29 Millionen und in Rumänien von 1,58 Millionen auf 1,05 Millionen (Eurostat, 2019; eigene Berechnungen).

Ein weiterer wichtiger Zugangsweg für Akademiker aus dem Ausland ist die Zuwanderung über das Bildungssystem oder konkreter über die Hochschulen. So lebten im Jahr 2014 rund 93.000 Personen im Land, die ihren Studienabschluss zwischen 2004 und 2013 mit einer ausländischen Hochschulzugangsberechtigung im Inland erworben hatten. Auch wenn der Verbleib der Studierenden aus dem Ausland nicht gezielt statistisch erfasst wird, deuten dabei die vorliegenden Studien darauf hin, dass rund die Hälfte derer, die hier eine Abschluss erwerben, längerfristig im Land bleibt (Geis, 2017).

Ein Teil der Akademiker aus dem Ausland ist auch als Geflüchtete oder nachziehende Familienangehörige nach Deutschland gekommen. Überdies handelt es sich bei vielen zugewanderten Akademiker aus Ländern wie Kasachstan um (Spät-)Aussiedler, die für die heutigen Wanderungsbewegungen allerdings keine Rolle mehr spielen. Wie viele der im Ausland geborenen Hochqualifizierten diesen Migrationskontexten zuzurechnen sind, lässt sich mit den verfügbaren Zahlen nicht treffsicher abschätzen. Dennoch ist offensichtlich, dass es ein großer Teil sein muss.

Da die Zuwanderung aus familiären und humanitären Gründen nicht gesteuert und gezielt für Fachkräftesicherung eingesetzt werden kann und die Potenziale der EU-Zuwanderung begrenzt sind, muss bei der klassischen Erwerbsmigration und der Migration über das Bildungssystem angesetzt werden. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist dabei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Allerdings müssen die neuen Regelungen in der Praxis auch gut umgesetzt und von einer gezielten und werbenden Ansprache der zuwanderungsinteressierten Fachkräfte begleitet werden. Auch die Ausbildung von Personen aus dem Ausland an den deutschen Hochschulen muss noch weiter gestärkt werden, da das Potenzial an fertig ausgebildeten und wanderungsbereiten hochqualifizierten Fachkräften international beschränkt ist.

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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 55 15. Juli 2019

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