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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 69 27. September 2019 Kinderbetreuung: Fast 320.000 Plätze für unter Dreijährige fehlen

Im Vergleich zu vor fünf Jahren, als die Lücke nur bei rund 190.000 lag, hat sich die Lage damit deutlich verschlechtert. Vergangenes Jahr waren es mit 330.000 allerdings noch mehr. Die negative Entwicklung gegenüber 2014 erklärt sich dabei damit, dass der Bedarf heute um rund 290.000 Plätze oder gut ein Drittel höher liegt.

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Fast 320.000 Plätze für unter Dreijährige fehlen
Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 69 27. September 2019

Kinderbetreuung: Fast 320.000 Plätze für unter Dreijährige fehlen

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Im Vergleich zu vor fünf Jahren, als die Lücke nur bei rund 190.000 lag, hat sich die Lage damit deutlich verschlechtert. Vergangenes Jahr waren es mit 330.000 allerdings noch mehr. Die negative Entwicklung gegenüber 2014 erklärt sich dabei damit, dass der Bedarf heute um rund 290.000 Plätze oder gut ein Drittel höher liegt.

In den letzten Jahren wird es für die Familien in Deutschland immer mehr zur Selbstverständlichkeit, ihre Kinder bereits vor dem dritten Geburtstag institutionell betreuen zu lassen. Wünschten sie sich das im Jahr 2014 für 41,5 Prozent der unter Dreijährigen, galt dies 2018 bereits für 47,7 Prozent. Nimmt man nur die Zweijährigen in den Blick, lag die Bedarfsquote im Jahr 2018 sogar bei 79,3 Prozent, was klar darauf hindeutet, dass für diese Altersgruppe bereits in den nächsten Jahren eine Vollversorgung notwendig sein wird. Auch bei den Einjährigen lag der Anteil mit 62,0 Prozent bei fast zwei Dritteln. Damit lässt sich schließen, dass aus Sicht der Mehrheit der Eltern der Betreuungsbeginn heute zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr des Kindes erfolgen sollte (BMFSFJ, 2015; 2019).

Den für die Bereitstellung der Plätze zuständigen Städten und Gemeinden ist diese Entwicklung durchaus bewusst. So haben sie die Zahl der Betreuungsplätze für unter Dreijährige zwischen März 2014 und März 2019 um rund 155.000 von 661.000 auf 818.000 ausgebaut. Allerdings ist die Betreuungsquote damit nur um 2 Prozentpunkte von 32,3 Prozent auf 34,3 Prozent gestiegen. Dabei lag der Wert für die Zweijährigen im März 2019 bei 63,2 Prozent und der für die Einjährigen bei 37,1 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2014; 2019a). Vergleicht man diese mit den Betreuungsbedarfen, ergeben sich Lücken von 16,1 Prozentpunkten für die Zweijährigen, 24,9 Prozentpunkten für die Einjährigen und 13,4 Prozentpunkten für alle Kinder unter drei Jahren.

Das Auseinanderfallen der Entwicklungen der Platzzahlen und Betreuungsquoten geht darauf zurück, dass die Kinderzahlen stark gestiegen sind. Lebten am 31.12.2013 noch 2,04 Millionen unter Dreijährigen in Deutschland, waren es am 31.12.2018 mit 2,38 Millionen rund ein Sechstel mehr (Statistisches Bundesamt, 2019b). Ursächlich hierfür war, wie von Geis-Thöne (2019a) aufgezeigt, neben der Zuwanderung auch eine demografiebedingt gestiegene Zahl an potenziellen Müttern und eine höhere Geburtenneigung der jungen Frauen. Dabei dürfte der Höchstwert bei den unter Dreijährigen bereits erreicht sein. Jedoch wird die Zahl der Kindergartenkinder in den nächsten Jahren noch spürbar ansteigen, sodass für diese mehr Betreuungsplätze benötigt werden und der weitere quantitative Ausbau der Betreuungs-infrastruktur nicht vollständig den unter Dreijährigen zugute kommen kann.

Rechnet man unter Verwendung der Bedarfsquote für das Jahr 2018 (aktuellere Daten liegen noch nicht vor) und der Kinderzahl am 31.12.2018 hoch, wie viele Plätze für unter Dreijährige derzeit an sich benötigt würden, kommt man auf 1,14 Millionen. Für das Jahr 2014 liegt dieser Wert nur bei 846.000 und damit um rund 290.000 oder ein Viertel niedriger. Differenziert man nach Altersgruppen, ist der Bedarf an Plätzen für Zweijährige von 475.000 auf 637.000 und für Einjährige von 350.000 auf 494.000 gestiegen (BMFSFJ, 2015; 2018; Statistisches Bundesamt 2019b; eigene Berechnungen).

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Zieht man von diesem Betreuungsbedarf die Zahl der tatsächlich betreuten Kinder ab, kommt man auf eine Lücke von 318.000 U3-Plätzen. Im Jahr 2014 lag diese mit 188.000 Plätzen noch deutlich niedriger. Im letzten Jahr waren es mit 332.000 allerdings noch mehr. Dieser Wert für das Jahr 2018 weicht deutlich von der in der Vorläuferpublikation (Geis-Thöne, 2018) ausgewiesenen Zahl von 273.000 ab, da erst jetzt die Bedarfsquoten für das Jahr 2018 vorliegen und diese wesentlich höher sind als die bei Erstellung der Vorläuferpublikation ersatzweise verwendeten Quoten aus dem Jahr 2017.

Differenziert man nach Bundesländern, weist Brandenburg mit einem Anteil von 64,0 Prozent den höchsten und Bayern mit 39,2 Prozent den niedrigsten Betreuungsbedarf auf (BMFSFJ, 2019). Zudem zeigt sich mit 60,6 Prozent gegenüber 44,7 Prozent ein starkes Ost-West-Gefälle. Betrachtet man die Betreuungslücke in Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren, ist diese in Bremen mit 20,2 Prozent am größten, gefolgt von Rheinland-Pfalz mit 18,2 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit 18,0 Prozent. Am kleinsten ist sie in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,0 Prozent, in Sachsen-Anhalt mit 4,7 Prozent und in Thüringen mit 5,3 Prozent. Insgesamt ist die Lage im Osten mit einer Lücke von 8,5 Prozent viel günstiger als im Westen mit 14,4 Prozent. Die Betreuungsbedarfe und -lücken sind jedoch mit einer gewissen statistischen Unsicherheit behaftet, da sie aus einer Befragung hochgerechnet sind. Aus diesem Grund lassen sich die Zahlen auch nicht auf kleinräumigere Ebenen als die Bundesländer herunterbrechen.

Differenziert man nach dem Alter, liegt die Betreuungslücke bei den Zweijährigen aktuell bei 16,1 Prozent oder 129.000 Plätzen. Damit ist sie deutlich größer als im Jahr 2014, als es noch 11,0 Prozent oder 74.000 Plätze waren und absolut gesehen etwas größer als im Jahr 2018 mit 126.000 Plätzen (16,4 Prozent). Bei den Einjährigen ist die Lücke mit 198.000 Plätzen oder 24,9 Prozent noch weit beträchtlicher als bei den Zweijährigen, was auf die schlechtere Angebotslage für Kinder in diesem Alter zurückgeht. Zudem ist hier gegenüber 2014, als sie bei 114.000 Plätzen oder 16,6 Prozent lag, auch ein noch stärkerer Anstieg zu verzeichnen. Im Vorjahr war die Lücke allerdings mit 205.000 Plätzen oder 25,7 Prozent noch größer.

Diese Zahlen dürften sogar noch deutlich unterschätzen, wie viele Plätze in den Betreuungseinrichtungen tatsächlich fehlen, da sie eine ausschließliche Betreuung bei Tageseltern als gleichwertig betrachten. Vor allem in Nordrhein-Westfalen entfällt mit 33,1 Prozent ein großer Teil der betreuten unter Dreijährigen auf diesen Bereich, aber auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegen die Anteile bei über einem Fünftel. Hingegen sind es in den ostdeutschen Ländern nur 8,9 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2019a; eigene Berechnungen). Zwar entscheiden sich die Eltern in manchen Fällen gezielt für eine Betreuung durch Tagesmütter oder -väter. Dennoch sind hohe Anteile kritisch zu sehen, da die Tageseltern in Deutschland alleinverantwortlich für die Kinder und zumeist deutlich niedriger qualifiziert sind als das Personal in den Kitas (Geis-Thöne, 2019b).

Auch wenn es insbesondere vor dem Hintergrund der notwendigen baulichen und personellen Voraussetzungen für die Kommunen nicht möglich sein dürfte, die Betreuungswünsche der Eltern zeitnah zu befriedigen, sollte der Platzbedarf nicht mit einem Machbarkeitsfaktor heruntergerechnet werden. Vielmehr sollte bei längerfristigen Planungen davon ausgegangen werden, dass ein Betreuungsbeginn im zweiten Lebensjahr für die Familien in Deutschland in den nächsten Jahren immer mehr zum Standard wird und für alle Kinder in diesem Alter Plätze vorgehalten werden.

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Wo die meisten Kita-Plätze fehlen

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Fast 320.000 Plätze für unter Dreijährige fehlen
Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 69 27. September 2019

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