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Wido Geis-Thöne / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 27 18. März 2025 Internationale Studierende stärken öffentliche Finanzen und Wachstum

Internationale Studierende leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Die Effekte sind umso größer, je mehr von ihnen nach Abschluss in Deutschland bleiben.

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Internationale Studierende stärken öffentliche Finanzen und Wachstum
Wido Geis-Thöne / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 27 18. März 2025

Internationale Studierende stärken öffentliche Finanzen und Wachstum

Wido Geis-Thöne / Axel Plünnecke Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Internationale Studierende leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Die Effekte sind umso größer, je mehr von ihnen nach Abschluss in Deutschland bleiben.

Unter plausiblen Annahmen bewirkt allein der Anfängerjahrgang aus 2022 von rund 79.000 internationalen Studierenden mit Abschlussabsicht langfristig einen Überschuss für die öffentliche Hand von rund 15,5 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Dies zeigen Berechnungen des IW für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

Es gibt verschiedene Gründe, die akademische Bildung für zuwandernde Personen aus dem Ausland zu öffnen. In der angelsächsischen Welt geschieht dies in der Regel, um die finanzielle Basis der Hochschulen durch Studiengebühren zu stärken und den Außenbeitrag der Wirtschaft zu erhöhen. In Deutschland und vielen weiteren europäischen Ländern ist die Situation eine andere: Das Interesse an der Ausbildung von internationalen Studierenden gründet sich in erster Linie auf ihrem Beitrag zur Internationalisierung der Wissenschaft und zum Aufbau eines weltweiten Netzwerkes von Partnerinnen und Partnern. Seit den 2010er Jahren ist in Deutschland das volkswirtschaftliche Motiv der Fachkräftesicherung hinzugekommen. Mit dem Übergang der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den Ruhestand entstehen zunehmend Lücken am Arbeitsmarkt, die Wachstum und Wohlstand bedrohen.

Bleibequoten und Ausgangslage

Um einen wesentlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung und wirtschaftlichen Entwicklung leisten zu können, müssen die internationalen Studierenden über ihren Studienabschluss hinaus im Land bleiben. Wie viele Personen künftig genau bleiben werden, ist nicht bekannt. Eine Studie der OECD (2022) kommt zum Ergebnis, dass die Bleibequote von mit Visa zur hochschulischen Ausbildung im Jahr 2010 eingereisten Personen mit 45 Prozent nach zehn Jahren im internationalen Vergleich sehr hoch ist und weiter steigen dürfte.

Für die Ermittlung (langfristiger) gesamtwirtschaftlicher und fiskalischer Effekte der internationalen Studierenden hat das IW vor diesem Hintergrund drei unterschiedliche Varianten berechnet. In einer optimistischen Variante wird davon ausgegangen, dass von 1.000 mit Abschlussabsicht ins Land kommenden Studienanfängern 50 Prozent nach fünf Jahren ihren Abschluss erwerben und zunächst in Deutschland verbleiben. Von diesen 500 reisen 125 zehn Jahre nach Studienabschluss aus und 375 bleiben bis zum Lebensende. In der mittleren Variante bleiben 400 Studienanfänger über ihren Abschluss hinaus für weitere zehn Jahre und 200 langfristig im Land. Diese Variante dürfte vermutlich am ehesten der gegenwärtigen Bleibeneigung entsprechen. In einer pessimistischen Variante sind es 300 und 75 (Geis-Thöne et al., 2025). In allen drei Varianten verlässt ein Teil der internationalen Studierenden Deutschland während des Studiums ohne Abschluss, der andere nach Studium mit Abschluss.

Hohe gesamtwirtschaftliche Effekte

Zu weiteren für die gesamtwirtschaftlichen und fiskalischen Effekte internationaler Studierender relevanten Faktoren gibt der Mikrozensus Aufschluss, so über ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt und Lohnhöhe im und nach dem Studium. Dabei besteht der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zufolge ein Verhältnis von rund zwei zu eins zwischen Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigenstunde und durchschnittlichem Bruttostundenlohn. Ermittelt man auf dieser Basis die auf die internationalen Studierenden entfallende Wertschöpfung (ohne mögliche indirekte Effekte) kommt man je 1.000 Studienanfänger auf folgende Ergebnisse:

  • bei hoher Bleibequote: 1,77 Milliarden Euro,
  • bei mittlerer Bleibequote: 1,12 Milliarden Euro,
  • bei niedriger Bleibequote: 0,62 Milliarden Euro.

Dabei ist zu beachten, dass diese Beiträge in einem Zeitraum von 44 Jahren zwischen Studienbeginn und Übergang in den Ruhestand entstehen. Pro Kopf und Jahr ergeben sich in den Szenarien Werte zwischen 66.700 Euro und 87.600 Euro (Geis-Thöne et al., 2025).

Fiskalische Effekte in Milliardenhöhe

Komplexer gestalten sich Berechnungen zu den fiskalischen Effekten. So hängt die Höhe der gezahlten gesetzlichen Rente von den geleisteten Beiträgen an die Rentenversicherung ab. Dieser Rentenanspruch kann wiederum auch im Ausland bestehen, wenn die internationalen Studierenden bis zum Verlassen des Landes die notwendigen Mindestversicherungszeiten erreicht haben. Die Rentenzahlungen unterliegen dann ebenfalls der deutschen Einkommenssteuer, wenn kein anderslautendes Doppelbesteuerungsabkommen gilt. Diese und weitere Aspekte des ordnungspolitischen Rahmens wurden bei der Ermittlung der gesamtfiskalischen Effekte der internationalen Studierenden berücksichtigt. Folgt man einem streng partialanalytischen Ansatz und betrachtet nur die unmittelbar den internationalen Studierenden zurechenbaren Zahlungsströme, kommt man je 1.000 Studienanfänger auf folgende langfristige Überschüsse für die öffentliche Hand:

  • bei hoher Bleibequote: 329,75 Millionen Euro,
  • bei mittlerer Bleibequote: 195,88 Millionen Euro,
  • bei niedriger Bleibequote: 93,32 Millionen Euro.

Nimmt man auch die rechnerischen Anteile der internationalen Studierenden an den staatlichen Leistungen, die nicht unmittelbar personenbezogen sind, aber einen von der Bevölkerungsgröße abhängigen Bedarf haben, wie der Verkehrsinfrastruktur, mit in den Blick, sinken die gesamtfiskalischen Effekte je 1.000 Studienanfänger auf 260,90 Millionen Euro bei hoher, 150,39 Millionen Euro bei mittlerer und 65,38 Millionen Euro bei niedriger Bleibequote. Würde man weitere positiv wirkende indirekte Effekte, wie die Steuern und Abgaben der für die Ausbildung der internationalen Studierenden eingesetzten Lehrkräfte, sowie Zweitrundeneffekte mit in den Blick nehmen, dürften diese die von der Bevölkerungsgröße abhängigen Ausgaben decken.  

Im Jahr 2022 sind insgesamt rund 79.000 internationale Studierende mit Abschlussabsicht nach Deutschland gekommen. Für diesen Jahrgang an Studienanfängern ergeben sich damit über deren Lebenslauf Nettoerträge für die öffentliche Hand (siehe Abbildung) von:

  • bei hoher Bleibequote: 26,00 Milliarden Euro,
  • bei mittlerer Bleibequote: 15,45 Milliarden Euro,
  • bei niedriger Bleibequote: 7,36 Milliarden Euro.
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Schnelle Amortisation

Dabei lohnt sich die Ausbildung der internationalen Studierenden für die öffentlichen Haushalte bereits in einer kurzen Frist. So sind die Gesamtsummen der Zahlungsströme zwischen internationalen Studierenden und öffentlichen Haushalten bei hohen Bleibequoten bereits etwa zwei bis drei Jahre nach Studienende positiv und bei niedrigen Bleibequoten drei bis fünf Jahre nach Studienende (Geis-Thöne et al., 2025).

Stabilisierung des Wachstums

Neben dem stark positiven Effekt auf die öffentlichen Haushalte stabilisieren die internationalen Studierenden auch das Wachstumspotenzial der Wirtschaft. Nach Berechnungen mit dem OXFORD-Modell wird die jährliche Wachstumsrate des Produktionspotenzials (BIP) demografiebedingt in den kommenden zehn Jahren um etwa 0,5 Prozentpunkte abnehmen. 20 Prozent dieses demografiebedingten Rückgangs werden allein durch eine Zuwanderung internationaler Studierender im Umfang von jährlich rund 79.000 Studienanfängern ausgeglichen – ein starker Effekt auf die Wirtschaft.

Weitere langfristig positive Effekte

Bei der demografischen Ausgangslage ist die Ausbildung internationaler Studierender in den nächsten Jahren aus volkswirtschaftlicher Sicht wichtiger denn je. Gleichzeitig dürfte es vor dem Hintergrund der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in mehreren Bundesländern und insgesamt kleinerer Studienanfängerjahrgänge größere ungenutzte Studienplatzkapazitäten geben.

Wichtig ist eine gezielte Förderung von Zuzug, erfolgreichem Studium und Übergang der internationalen Studierenden in den deutschen Arbeitsmarkt. Entsprechende Programme zur Begleitung der Studierenden sollten ausgeweitet und verstetigt werden. Dabei sind nicht nur die Hochschulen selbst, sondern auch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefordert. Allerdings darf keinesfalls außer Acht geraten, dass Deutschland internationale Studierende nicht nur zur Fachkräftesicherung gewinnen möchte. Das Schaffen weltweiter Partnerschaften und Netzwerke und die Ausbildung von Fach- und Führungskräften, die in ihre Heimatländer zurückkehren oder weiterwandern, sowie die Internationalisierung der Wissenschaft sind weiterhin wichtige Motive. Daher ist es nicht erstrebenswert, dass alle internationalen Studierenden in Deutschland bleiben.

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