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Michael Grömling IW-Kurzbericht Nr. 1 9. Januar 2023 Flächendeckende Eintrübung – Ergebnisse der IW-Konjunkturumfrage

Die Geschäftserwartungen der Unternehmen in Deutschland haben sich im Jahresverlauf 2022 gemäß der IW-Konjunkturumfragen erheblich eingetrübt. Während gut ein Viertel der Firmen eine höhere Geschäftstätigkeit im Jahr 2023 erwartet, gehen fast 40 Prozent von einem Rückgang aus.

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Geschäftserwartungen der Unternehmen in Deutschland haben sich im Jahresverlauf 2022 gemäß der IW-Konjunkturumfragen erheblich eingetrübt. Während gut ein Viertel der Firmen eine höhere Geschäftstätigkeit im Jahr 2023 erwartet, gehen fast 40 Prozent von einem Rückgang aus.

In der Bauwirtschaft wird eine ernste Rezession vorhergesehen. Auch in der Industrie dominieren die Pessimisten. Die verschlechterten Produktionserwartungen für 2023 sind in allen Wirtschaftsräumen nahezu gleichermaßen zu beobachten.

Die Aussichten für die Unternehmen in Deutschland haben sich aufgrund der geopolitischen Lage, der weltweiten Energie- und Rohstoffprobleme und der dadurch hohen Inflation im Jahresverlauf 2022 eingetrübt. Zwar ist die Gefahr einer Gasmangellage im Winterhalbjahr 2022/2023 nicht mehr so bedrohlich wie noch im Sommer 2022 und die Preise für Energie haben sich seitdem ebenfalls zurückgebildet. Sie bleiben aber auf hohem Niveau und Produktionsstörungen sind nicht ausgeschlossen. Es wird sich zudem erst im Jahresverlauf 2023 erweisen, wie umfangreich die Gas- und Energieversorgung für den nächsten Winter aufgebaut werden kann und wie stark dann mögliche Beeinträchtigungen im Jahr 2023 auftreten können. Die Prognosen für die deutsche Wirtschaft fielen zum Jahresende 2022 bemerkenswert besser aus als noch im Herbst. Gleichwohl signalisiert eine Reihe von Befragungen nach wie vor eine hohe Vorsicht und Zurückhaltung in den Unternehmen und in den Wirtschaftsverbänden (Grömling, 2022a). Auch die aktuelle IW-Konjunkturumfrage vom November 2022 mit 2.549 teilnehmenden Unternehmen aus Industrie, Baugewerbe und Dienstleistungen verdeutlicht dies. Im Folgenden werden zunächst kurz die allgemeinen Einschätzungen zur Lage und zu den Perspektiven der deutschen Wirtschaft sowie vertieft die regionalen Geschäftserwartungen dargelegt.

Zum Jahresende 2022 bewerten nur noch 32 Prozent der vom IW befragten Unternehmen ihre gegenwärtige Geschäftslage besser als vor einem Jahr. Der Anteil der Firmen mit einer schlechteren Lage ist dagegen deutlich auf ein Drittel angestiegen. Damit hat sich die merklich positive Lagebeurteilung (gemessen am Saldo aus positiven und negativen Meldungen) aufgelöst: Bei der Befragung im Sommer 2022 lag der Saldo noch bei 16 Prozentpunkten – nach 30 Prozentpunkten in der Herbstumfrage 2021 (Grömling, 2022b). Die Belastungen durch hohe Energiekosten und anhaltende Materialprobleme haben somit bereits deutliche Spuren im Wirtschaftsleben hinterlassen und die zunächst für das Jahr 2022 bestehende Zuversicht zerrieben.

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Mit Blick auf das Jahr 2023 fallen die Geschäftserwartungen gemäß der aktuellen IW-Konjunkturumfrage erheblich schlechter aus als die Perspektiven für 2022 zum Jahresende 2021 (Grömling, 2021). Eine Erwartungsrevision fand bereits zwischen den Umfragen vom Spätherbst 2021 und Frühjahr 2022 statt. Der Saldo aus positiven und negativen Geschäftserwartungen für das Jahr 2022 schrumpfte von 34 Prozentpunkten auf 15 Prozentpunkte im Frühjahr und auf nur noch 12 Prozentpunkte im Sommer 2022. In der Umfrage vom November 2022 lag der Saldo mit fast 14 Prozentpunkten deutlich im Minus. Dabei erwartet gut ein Viertel der Firmen eine höhere Produktion als 2022. Fast 40 Prozent gehen jedoch von einem Rückgang ihrer Geschäfte aus. Die verbleibenden 35 Prozent sehen eine Stagnation. Diesen Perspektiven für 2023 liegen divergierende Branchenkonjunkturen zugrunde:

  • In der Bauwirtschaft wird eine ernste Rezession vorhergesehen. Nur 15 Prozent der befragten Baufirmen sieht für 2023 einen Zuwachs. Dagegen erwarten fast 54 Prozent einen Produktionsrückgang und fast ein Drittel rechnet mit einer gleichbleibenden Wirtschaftsleistung.
  • Auch in der Industrie ist der Anteil der pessimistisch gestimmten Unternehmen mit 39 Prozent deutlich höher als das Gewicht der Optimisten mit knapp 28 Prozent. Dieser insgesamt negative Befund ergibt sich vor allem aus der erheblich zurückhaltenden Einschätzung in der Konsum- und Grundstoffindustrie.
  • In der Dienstleistungswirtschaft halten sich die Betriebe mit positiven (29 Prozent) und negativen (32 Prozent) Erwartungen fast die Waage. Knapp 40 Prozent gehen von stabilen Geschäften aus. Einer negativen Stimmung im Handel stehen gute Aussichten in den Bereichen IKT und Medien entgegen.

Im Rahmen der IW-Konjunkturumfrage werden seit dem Jahr 2021 die 16 deutschen Bundesländer zu sieben Wirtschaftsräumen zusammengefasst (s. Fußnote der Abbildung) und hinsichtlich Lage und Erwartungen separat ausgewertet. Die Abbildung zeigt, dass sich die für die Gesamtwirtschaft genannten Produktionserwartungen für 2023 in diesen sieben Wirtschaftsräumen – mit zwei Ausnahmen – nur wenig unterscheiden. Bei den Umfragen in den vergangenen beiden Jahren waren dagegen raumwirtschaftliche Unterschiede stärker sichtbar (Grömling, 2021; 2022b). Dabei wurde darauf verwiesen, dass die unterschiedlichen regionalen Erwartungen zum Teil aus den divergierenden Ausgangspositionen zu verstehen waren. Die Anpassungslasten durch gestörte Zuliefernetzwerke fielen im Jahr 2021 in den stärker von der Industrie – besonders von der Automobilwirtschaft – geprägten Regionen höher aus. Dagegen konnten Regionen wie Rheinland-Pfalz, die vom Erfolg der Pharmaindustrie begünstigt waren, ein hohes Ausgangsniveau aufweisen. Gleichwohl sind dort ab Sommer 2021 die Beeinträchtigungen durch die Flutkatastrophe zu berücksichtigen.

Strukturelle Unterschiede – etwa anhand der Bedeutung von Automobilindustrie, Flugzeugbau, Pharmaindustrie oder Tourismus – sowie asymmetrische Belastungen – infolge weltwirtschaftlicher Einflüsse, gestörter industrieller Lieferketten oder lokaler Lockdown-Maßnahmen bei binnenwirtschaftlich orientierten Betrieben – haben die Wirtschaftsregionen in Deutschland in den vergangenen drei Jahren in unterschiedlich starkem Ausmaß beeinflusst. Offensichtlich wirken sich die gegenwärtigen Belastungen infolge der unsicheren Energieversorgung sowie der stark angestiegenen Energiepreise eher gleichmäßig auf die hier definierten Wirtschaftsräume aus.

Gemäß der aktuellen IW-Konjunkturumfrage gibt es mit Blick auf das Jahr 2023 nur zwei Regionen, die sich nennenswert vom Durchschnitt unterscheiden: Zum einen weicht Bayern wie auch in der Befragung im Sommer 2022 (Grömling, 2022b) beim Saldo aus positiven und negativen Meldungen merklich nach oben vom Durchschnitt ab. Hier ist zwar der Anteil der zuversichtlich gestimmten Unternehmen nicht höher als im bundesweiten Mittel und damit im Großteil der anderen Wirtschaftsregionen. Der Anteil der pessimistischen Betriebe fällt in Bayern mit einem Drittel jedoch merklich niedriger aus. Gleichwohl gilt es zu beachten, dass auch hier der Anteil der Pessimisten dominiert. Zum anderen sind die Unternehmen in der Region Süd-Ost (Sachsen und Thüringen) deutlich vorsichtiger bei ihren Wirtschaftserwartungen. Der Anteil der positiv gestimmten Firmen ist hier mit 17 Prozent erheblich niedriger und der Anteil der Betriebe, die 2023 einen Geschäftsrückgang erwarten, nimmt mit 46 Prozent den höchsten Wert an. Bereits in der Befragung vom Sommer 2022 war eine erhebliche Verschlechterung im Raum Süd-Ost zu verzeichnen, was sich aus einer stärkeren Einbindung dieser Region in den Handel mit den mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften erklären lassen dürfte.

Im Vergleich mit den Perspektiven für 2022 bleiben die Regionen Nordrhein-Westfalen und Süd-West (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) weiterhin, aber kaum nennenswert unterhalb des Bundesdurchschnitts. Während Baden-Württemberg im Sommer gerade noch überdurchschnittlich gute Perspektiven für das gesamte Jahr 2022 aufweisen konnte, liegt dieses Bundesland nun leicht unterhalb des Durchschnitts. Getauscht haben im Vergleich zum Sommer die Regionen Nord (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen) und Nord-Ost (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Berlin) ihre Positionen. Zunächst wurden im gesamten norddeutschen Raum die ökonomischen Folgelasten des Russland-Kriegs in der Ukraine und der Verunsicherungen im gesamten Ostseeraum erheblich stärker eingeschätzt. Das kann mit den engeren Verflechtungen mit dem Ostseeraum über die Häfen oder die Transportinfrastruktur (Pipelines) verstanden werden. Dies hat sich etwas relativiert, insofern beide norddeutschen Wirtschaftsräume nunmehr einen durchschnittlichen Saldo aus ihren jeweiligen positiven und negativen Firmenmeldungen aufweisen.

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