Ausländische Arbeitskräfte und Zuwanderer haben in den zurückliegenden drei Jahren einen großen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Deutschland geleistet, ohne den das Wachstum der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nicht in Ansätzen zu realisieren gewesen wäre. Als Musterland für Zuwanderung im Bereich der Industrieberufe erweist sich Indien. Nicht nur sind die nach Deutschland zugewanderten Inder überdurchschnittlich häufig in einem Industrieberuf tätig, auch übt von letzteren etwa jeder zweite eine Expertentätigkeit aus. Hinter Frankreich stellt Indien inzwischen die zweitmeisten Ingenieure und Informatiker ausländischer Nationalität und dürfte sich noch im laufenden Jahr zum bedeutendsten Herkunftsland entwickeln.

Neben der positiven Arbeitsmarktbilanz von Zuwanderung insgesamt zeigt sich jedoch auch, dass Migration aus den typischen Flüchtlingsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien) im Vergleich zu anderen Herkunftsländern bisher nur in geringem Ausmaß auch in Beschäftigung mündet. Selbst in den Engpassberufen des Verarbeitenden Gewerbes (z.B. Maschinenbau, Fahrzeugbau, Elektroindustrie) fällt dieser Effekt aktuell qualitativ und quantitativ sehr gering aus. Darüber hinaus finden sich unter den wenigen Industriebeschäftigten aus den Flüchtlingsländern schwerpunktmäßig Helfertätigkeiten, jedoch nur selten hochqualifizierte Tätigkeiten. Ein Grund hierfür liegt in der wenig industrieaffinen Wirtschaftsstruktur ihrer Herkunftsländer, in deren Folge auch die entsprechenden Zuwanderer nur selten über industrienah verwertbare Qualifikationen oder zumindest Vorerfahrungen verfügen. Etwas anders stellt sich die Situation in den personenbezogenen Gesundheitsberufen dar. So ist die Beschäftigung von Syrern zuletzt sehr stark gestiegen – mit dem Ergebnis, dass inzwischen jeder 20. angestellte ausländische Arzt hierzulande aus Syrien stammt. Während Deutschland in den Gesundheitsberufen insbesondere von Zuwanderung aus Osteuropa profitiert, sind Personen aus den übrigen drei Flüchtlingsländern kaum dort beschäftigt.

Zusammenfassend gilt es, realistische Erwartungen an den Beitrag der aktuellen Flüchtlingszuwanderung in puncto Arbeitsmarktintegration und Fachkräftesicherung zu formulieren. In den Industrieberufen ist ein solcher bislang weitgehend ausgeblieben und wird auch künftig ohne einen hohen Qualifizierungsaufwand nicht realisierbar sein. Auf Basis der bisherigen Erfahrungen dürfte das entsprechende Potenzial in den Gesundheitsberufen deutlich höher ausfallen. Unter dem Strich sollte die aktuelle Flüchtlingsmigration in erster Linie als humanitäre Aufgabe verstanden werden, aus der sich auch die gesellschaftliche Aufgabe ableitet, substanzielle Mittel in die (Nach-)Qualifizierung und die Grundbildung der Betroffenen zu investieren. Gleichwohl wird die aktuelle Flüchtlingsmigration eine arbeitsmarkt- und qualifikationsorientierte Zuwanderung, die in der jüngeren Vergangenheit überaus erfolgreich zur Fachkräftesicherung beigetragen hat, auch künftig nicht ersetzen können.

IW-Report

Oliver Koppel: Beschäftigungsspuren der Flüchtlings- und Erwerbsmigration am deutschen Arbeitsmarkt – Der Beitrag verschiedener Herkunftsländer zur Fachkräftesicherung in Deutschland

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Gastbeitrag, 22. Juni 2017

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Wenn Politik und Wirtschaft eng zusammenarbeiten und die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelingt, kann Deutschland vom Zuzug profitieren. Den Fachkräfteengpass wird dies aber kurzfristig kaum abmildern, schreibt IW-Ökonomin Regina Flake in einem Gastbeitrag für der Welt. mehr

22. Juni 2017

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Rund 110.000 Ausländer haben sich im Jahr 2016 in Deutschland einbürgern lassen - gut 3.000 mehr als 2015. In den Jahren 2013 und 2014 war die Zahl der neuen Bundesbürger noch zurückgegangen. mehr auf iwd.de

Es gibt keine Krise bei Facharbeitern
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Einer neuen OECD-Studie zufolge ist der Anteil von Arbeitsplätzen mit mittlerer Qualifikation auch in Deutschland stark gesunken. Grund ist die Digitalisierung – dafür steigt die Beschäftigung der Hoch- und Niedrigqualifizierten. Allerdings gibt es für diese These zumindest hierzulande keine Belege. mehr