Industrie und Dienstleister in der Krise

Das Jahr 2020 steht im Zeichen einer Pandemie, die rund um den Globus immense Wirtschaftseinbrüche ausgelöst hat. Die Konsum- und Dienstleistungsnachfrage leidet unter den Lockdown-Maßnahmen sowie unter der Verunsicherung und Zurückhaltung der privaten Haushalte infolge der erneuten Infektionswelle. Die Unternehmen haben ihre Investitionen zurückgefahren – als Reaktion auf die beeinträchtigten Produktionsprozesse, die einbrechende Inlands- und Auslandsnachfrage und die hohe Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie und deren Langfristfolgen (Grömling, 2020).

Mit Blick auf die deutsche Wirtschaft waren die Lasten im Frühjahr 2020 im Durchschnitt der Industrie erheblich stärker als im gesamten Dienstleistungsbereich. Im dritten Quartal konnten die Industrie und die Dienstleister deutliche Zuwächse gegenüber dem Krisenquartal verbuchen. Die verbleibende Produktionslücke ist in der Industrie erheblich höher als im Dienstleistungssektor (IW-Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur, 2020). Dabei gilt es zu bedenken, dass die zugrunde liegende Benchmark 2019 für die Industrie bereits ein Rezessionsjahr darstellt. Die Produktionslücke war am Bau zuletzt so groß wie im Dienstleistungssektor.

Die Lageeinschätzung der Unternehmen auf Basis der IW-Konjunkturumfrage vom November 2020 deckt sich mit diesem Sektorbefund: Gut die Hälfte der Industriefirmen berichtet aktuell von einer niedrigeren Produktion als im Vorjahr – nur ein Viertel hat die Lücke bereits geschlossen oder überhaupt nicht erlebt. Letzteres gilt etwa für die Hersteller von Nahrungs- und Genussmitteln. Dagegen wird vor allem bei den Investitionsgüterproduzenten die aktuelle Lage als schlecht bewertet. Hier spiegelt sich die Investitionsschwäche im Inland und Ausland wider. Bei den privatwirtschaftlichen Dienstleistern liegen derzeit 44 Prozent der Betriebe unter Vorjahr und ein Fünftel spricht von einem besseren Geschäft als im Herbst 2019. Dagegen dominieren in der Bauwirtschaft die Firmen mit einem Plus gegenüber 2019 (33 Prozent) klar diejenigen Betriebe mit einem Minus im Vorjahresvergleich (15 Prozent).

Daten für das erste Halbjahr 2020 zeigen, dass die westdeutschen Bundesländer (ohne Berlin) von der Pandemie nur etwas stärker beeinträchtigt wurden als die Länder im Osten (einschließlich Berlin). Gegenüber dem Vorjahr gab das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Westen um 6,7 Prozent und im Osten um 5,6 Prozent nach. Auch hinsichtlich der Lageeinschätzung vom November 2020 sind die gesamtwirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland überschaubar. Der Anteil der Firmen, die aktuell von einer schlechteren Produktion gegenüber dem Vorjahr sprechen, liegt gleichermaßen bei rund 45 Prozent. In Ostdeutschland war der Anteil der Betriebe mit einer aktuell höheren Produktion gegenüber Herbst 2019 mit 18 Prozent niedriger als in Westdeutschland mit knapp 23 Prozent. Merkliche Unterschiede zwischen Ost und West gab es zuletzt allerdings in sektoraler Hinsicht: Die Bauunternehmen bewerten die Lage im Osten deutlich besser als im Westen. Dagegen sind die Dienstleister im Osten derzeit erheblich schlechter auf den Herbst 2020 zu sprechen als die Servicefirmen im Westen. Kaum Unterschiede gibt es zwischen der Industrielage in West und Ost.

Erwartungsgefälle West-Ost

Während die gesamte Lageeinschätzung der ost- und westdeutschen Firmen – ungeachtet der aufgezeigten Branchendifferenzen – nicht stark voneinander abweicht, gehen die Erwartungen für 2021 gemäß der IW-Konjunkturumfrage auseinander (Abbildung):

  • In Westdeutschland dominieren klar die optimistisch gestimmten Firmen. 34 Prozent der befragten Unternehmen erwarten eine höhere Produktion, 24 Prozent sehen ein niedrigeres Geschäftsvolumen als im Krisenjahr 2020. Die Erwartungen haben sich im Dienstleistungs- und Industriebereich nach den starken Einbrüchen im Jahr 2020 aufgehellt. 40 Prozent der Industriefirmen erwarten ein Plus und 22 Prozent ein Minus, was angesichts der noch großen Produktionslücke erfreulich ist. Bei den Dienstleistern haben 31 Prozent positive und 26 Prozent negative Erwartungen. Dagegen haben sich in der westdeutschen Bauwirtschaft die Erwartungen stark eingetrübt: 27 Prozent sehen hier ein schlechteres Geschäft und nur noch 23 Prozent einen Zuwachs gegenüber 2020.
  • In Ostdeutschland gehen nur 24 Prozent aller Firmen von einer höheren Produktion im Jahr 2021 aus, aber 29 Prozent planen Produktionskürzungen. Analog zur Lageeinschätzung sind es im Osten die Dienstleister, die für 2021 pessimistisch sind. Nur 16 Prozent rechnen mit einem Plus, über 34 Prozent der Dienstleister im Osten gehen von einem Rückgang aus. Die verbleibende Hälfte erwartet Geschäfte auf dem Niveau des Jahres 2020. Im ostdeutschen Baugewerbe und in der dortigen Industrie haben die zuversichtlichen Firmen die Oberhand. Jeweils rund ein Drittel prognostiziert ein Plus, jeweils rund ein Fünftel ein Minus.