1 Prozent des Bruttomonatsverdiensts an eine Gewerkschaft abzutreten, stellt längst nicht für jeden Arbeitnehmer eine sinnvolle oder notwendige Investition dar – zumal von vielen Vorteilen der Gewerkschaftsarbeit auch ohne Mitgliedschaft profitiert werden kann. Von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelte Löhne werden meist auf alle Beschäftigte eines Betriebs ausgeweitet. Ob man nach Tarif bezahlt wird, hängt also weniger von der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft als von der Tarifbindung des Arbeitgebers ab. Auch die Artikulation von Interessen der Arbeitnehmerschaft auf der politischen Ebene kommt allen Arbeitnehmern zugute unabhängig vom Mitgliedsstatus des Einzelnen.

Dass tatsächlich recht viele Arbeitnehmer profitieren, ohne Mitgliedsbeiträge an eine Gewerkschaft zu zahlen, belegen Umfrageergebnisse. So zeigt eine Auswertung des Sozioökonomischen Panels, dass im Jahr 2016 über die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland nach Tarif bezahlt wurden (Schneider/Vogel, 2018, 5). Gleichzeitig beantworten im Rahmen der allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus, 2016) im gleichen Jahr jedoch nur 18,5 Prozent der Arbeitnehmer die Frage „Darf ich Sie fragen, ob sie derzeit Mitglied in einer Gewerkschaft sind?“ mit „Ja, ich bin Mitglied“. In die Berechnung dieses Netto-Organisationsgrads wurden nur aktive Arbeitnehmer einbezogen, die ihren beruflichen Status mit Angestellter, Arbeiter oder Beamter beschreiben. In den letzten 20 Jahren ist der Netto-Organisationsgrad damit um etwa ein Drittel gesunken (Biebeler/Lesch, 2015, 711). Im Vergleich zu den Jahren vor der Wiedervereinigung, in denen stets über 30 Prozent der Beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder waren, ist der Rückgang noch deutlicher (Schnabel, 2016, 427).

Werden nicht nur berufstätige Gewerkschaftsmitglieder berücksichtigt, sondern auch gewerkschaftlich organisierte Arbeitslose, Rentner, Hausfrauen und Schüler einbezogen, ergibt sich auf Grundlage des Allbus 2016 ein Brutto-Organisationsgrad von etwa 26 Prozent. Dabei wird deutlich, dass fast ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder nicht erwerbstätig ist. Über 90 Prozent der nicht berufstätigen Gewerkschafter sind Rentner, lediglich 2,4 Prozent arbeitslos.