Zu den Auswirkungen der Schulschließungen während der Corona-Krise liegen inzwischen erste Studien vor. Diese zeigen einmal, dass sich während der Schulschließungen die Zeit, die für das Lernen verwendet worden ist, zum Teil deutlich reduziert hat. Besonders leistungsschwächere Schüler reduzierten dabei ihren Lernumfang. Weiterhin deuten zwei Studien aus den Niederlanden und Belgien darauf hin, dass durch den Distanzunterricht kein wesentlicher Lerngewinn bei den Schülern erzielt werden konnte. Zugleich hat die Ungleichheit stark zugenommen – sowohl innerhalb als auch zwischen Schulen, wobei Schulen mit mehr benachteiligten Schülerinnen und Schülern größere Einbußen erlitten haben. Auch viele Lehrkräfte in Deutschland haben den Eindruck, dass bei den Schülern Lernrückstände entstanden sind. In einer Befragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer im Dezember 2020 gaben 38 Prozent der Lehrkräfte an, dass es Lernrückstände bei mehr als der Hälfte bzw. fast allen Schülern gibt.

Wenn die Schulen geschlossen sind, hängt es umso mehr von der Unterstützung durch die Eltern ab, wie gut die Schülerinnen und Schüler weiterhin den Lernstoff bewältigen. Es besteht somit die Gefahr, dass der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft stark an Bedeutung gewinnt. Die PISA-Erhebungen haben verdeutlicht, dass Deutschland über mehrere Jahre Fortschritte beim Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozio-ökonomischer Herkunft verzeichnen konnte. Am aktuellen Rand ist jedoch festzustellen, dass der Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen wieder zunimmt. Diese Entwicklung kann auch auf die starke Zuwanderung der letzten Jahre zurückgeführt werden. Deutschland stand somit schon vor den coronabedingten Schulschließungen vor der Herausforderung, dass sich einige Indikatoren, mit denen sich die Bildungsgerechtigkeit messen lassen, wieder verschlechtert haben. Während der Schulschließungen sind die Kinder und Jugendlichen nun noch mehr von der Unterstützung des Elternhauses abhängig und das Ziel der Bildungsgerechtigkeit rückt in noch weitere Ferne. Abhilfe schaffen könnte hier eine sehr gute Ausstattung von Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern mit digitalen Geräten, so dass der Unterricht nach Stundenplan über Videokonferenzen weitgehend fortgesetzt werden kann und alle Schülerinnen und Schüler weiterhin durch die Lehrer unterrichtet werden. Dies ist jedoch in Deutschland noch nicht flächendeckend der Fall.

Daher sollte dringend die Digitalisierung der Schulen weiter vorangetrieben werden. So besteht die Möglichkeit, dass der direkte Kontakt zwischen Lehrern und Schülern im Falle des Distanzunterrichts besser aufrechterhalten werden kann. Eine Befragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer im Dezember 2020 zur Corona-Krise zeigt zwar, dass eine große Mehrheit der Schulen mit digitalen Lernplattformen arbeitet und die Lehrkräfte erste Erfahrungen sammeln konnten. Dennoch sind die Fortschritte der Schulen bei der Ausstattung für den digitalen Fernunterricht von April 2020 bis Dezember 2020 vergleichsweise gering. So gaben im April 2020 33 Prozent der befragten Lehrkräfte an, dass ihre jeweilige Schule gut oder sogar sehr gut aufgrund der digitalen Ausstattung auf Fernunterricht vorbereitet ist. Bis zum Dezember 2020 stieg dieser Wert nur auf 38 Prozent an.

Darüber hinaus benötigen die Kinder, die durch die coronabedingten Schulschließungen Lücken im Lernstoff aufweisen, in den nächsten Monaten besondere Unterstützung, um diese Lernverluste zumindest zum Teil wieder auszugleichen. Dazu könnten an den Schulen Chancenbeauftragte ernannt und qualifiziert werden, die an den einzelnen Schulen die Organisation übernehmen, wie die Bildungslücken kompensiert werden können. Dies könnte durch zusätzliche Unterstützung durch Lehrmaterialien oder zusätzlichen Förderunterricht am Nachmittag oder an Samstagen erfolgen. Auch Mentoring-Programme könnten hier eine Rolle spielen. Neben Angeboten für einzelne Schüler sollten auch systematische, schulübergreifende Lernangebote entwickelt werden. Diese zusätzlichen Lernangebote könnten über einen längeren Zeitraum an den Wochenenden oder auch in den Schulferien stattfinden. Für diese Angebote werden hohe Kosten entstehen, die jedoch geringer sind, als die Folgekosten mangelnder Bildung. Wie hoch die Kosten für entsprechende Fördermaßnahmen sein werden, lässt sich augenblicklich nur grob kalkulieren, da noch kein umfassender Überblick über die tatsächlichen Lernrückstände der Schüler vorliegt. Geschätzt werden kann, dass für alle Schüler mit größeren Lernrückständen durch entsprechende Fördermaßnahmen ungefähr Kosten in Höhe von 1,54 Mrd. Euro anfallen

Eine genauere Kostenabschätzung für die unterstützende Förderung von Schülern mit Lernrückständen aufgrund der Schulschließungen kann erst dann erfolgen, wenn z. B. mithilfe von Lernstandserhebungen genauere Erkenntnisse über den Umfang der Lernrückstände vorliegen. Daher sollten schnellstmöglich nach Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts Lernstandserhebungen in möglichst vielen Klassenstufen stattfinden. So kann ein Überblick gewonnen werden, wie groß die Lernlücken ausfallen und welche Kinder besonderen Nachholbedarf haben. Auf der Basis solcher Ergebnisse können zusätzliche Lernangebote dann passgenauer vorbereitet werden. Als Vorlage für solche Lernstandserhebungen könnte das Programm „Kompetenzen ermitteln“ (KERMIT) aus Hamburg dienen. Hamburg führt vergleichsweise viele Lernstandserhebungen durch. In diesem Programm wird mithilfe standardisierter Tests regelmäßig überprüft, ob der Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler den Bildungsplänen und Bildungsstandards entspricht. Diese Tests sollten auf alle Jahrgangsstufen ausgedehnt werden.