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Michael Hüther in den Salzburger Nachrichten Interview 17. Juni 2023

„Wir müssen mehr arbeiten“

Die Viertagewoche ist die falsche Antwort auf den Arbeitskräftemangel, sagt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit den Salzburger Nachrichten.

Deutschland befindet sich in der Rezession, das Handelsblatt Research Institute erwartet eine lange Wachstumsschwäche. Wie schlecht steht es um Europas Konjunkturlokomotive?

Man muss die kurzfristigen Bewegungen der Konjunktur und das langfristige Wachstum auseinanderhalten. Um die Wertschöpfung ist es nicht so schlecht bestellt. Ähnlich wie in der Pandemie gab es relativ viele staatliche Gütersubventionen, etwa über die Gas- und Strompreisbremse. Aber die Dynamik ist nicht überschäumend. Wir mühen uns schon sehr, um aus der schwierigen Lage der vergangenen drei Jahre herauszukommen. Davon zu trennen ist die mittelfristige Aussicht – die beurteile ich im Hinblick auf die Demografie und die Herausforderungen des Strukturwandels ähnlich skeptisch. Wir haben es mit einer alternden Bevölkerung und ab 2025 einem schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzial zu tun. Damit wird der Wachstumspfad flacher – es sei denn, wir könnten auf Produktivitätszuwächse hoffen. Die waren in den vergangenen drei Jahrzehnten aber in allen Industrieländern rückläufig, nicht nur in Deutschland.

Und der Strukturwandel?

Der überfordert die Unternehmen, die sich mit Blick auf Klimaneutralität und die Transformation der Wirtschaft anpassen müssen. Sie müssen unter hoher Unsicherheit viel investieren, bei gleichzeitig hohen Kosten für Energie oder die Regulierung. Da hängt ein Damoklesschwert über den Investitionen.

Was bedeutet das für die Klimawende. Wäre sie nicht eine Chance, aus der Wachstumsschwäche herauszufinden?

Dafür wären verlässlich kalkulierbare Rahmenbedingungen nötig. Die Debatte, die wir in Deutschland über den Industriestrompreis führen und darüber, wie der Staat mit Subventionen eingreift, ist berechtigt. Aber sie verunsichert enorm. Daher ist es wichtig, dass die Politik da klaren Kurs fährt. Wir haben, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen, nur gut 20 Jahre Zeit. In dieser Spanne soll etwas geleistet werden, was wir in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten nicht geschafft haben. Diese Anpassungsleistung ist dramatisch und die Gefahr besteht, dass wir das nicht schaffen, sondern Investitionen im Ausland stattfinden. Wir sehen noch keine großen Verlagerungen, aber zusätzliche Investitionen finden im Ausland statt. Das muss uns Sorgen bereiten, weil damit die Chancen der Klimawende hierzulande nicht genutzt werden.

Ist das den Umständen nach drei Jahren Krise geschuldet oder läuft in der Wirtschaftspolitik etwas falsch?

Die Politik muss in Krisen schnell die größten Probleme abfedern. Das ist in der Pandemie und auch voriges Jahr mit dem Vermeiden der Gasmangellage sowie der Abfederung der Energiepreise gelungen. Jetzt geht es um eine große neue Perspektive: Klimaneutralität per Termin 2045. So eine Industriepolitik haben wir in Deutschland noch nie diskutiert. Frankreich hatte nie Probleme damit, sektoral zu intervenieren, Branchen zu fördern. Der deutsche Ansatz war immer, allgemein gute Investitionsbedingungen zu schaffen. Wir haben hohe Steuer- und Regulierungslast. Und wir müssen mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung umgehen. Das sind erhebliche Belastungen. Ich finde Minister Habecks Vorschlag eines Industriestrompreises als Brücke zu einer dann insgesamt günstigeren Versorgungslage erwägenswert und begründbar, weil dann der Ausbau der erneuerbaren Energien wirkt. Aber bis dahin bleibt viel zu tun.

Überall fehlen Arbeits- und Fachkräfte. Wie löst man das Problem angesichts der demografischen Entwicklung?

Es gibt nur zwei Stellschrauben. Vereinfacht gesagt, entsteht das Bruttoinlandsprodukt aus der Arbeitszeit mal der Leistung pro Arbeitsstunde, also der Produktivität. Deren Zuwächse sind geringer als früher, auch global betrachtet. Auf Produktivitätssteigerung zu setzten ist nicht realistisch. Also muss das Arbeitsvolumen steigen. Das kann man durch Zuwanderung beeinflussen. Aber die Altersquotienten steigen in allen OECD-Ländern. China hat 2021 den Höchststand der Bevölkerung erreicht. Wenn die Prognosen eintreten, wird 2100 das Erwerbspotenzial in China nur halb so groß sein wie jetzt. Die Verknappung von Arbeit ist überall ein Thema. Daher muss man den Standort so attraktiv wie möglich machen.

Aber mit Zuwanderung allein geht es nicht, oder?

Die ist wichtig, dabei bin ich sehr für liberale Regelungen. Aber dass sie alle unsere Probleme löst, ist nicht zu erwarten. Damit sind wir bei der Frage, warum wir selbst nicht mehr arbeiten. Vollzeitbeschäftigte arbeiten in der Schweiz und in Schweden im Jahr 280 bis 300 Stunden mehr als in Deutschland. Dagegen heißt es immer, man müsse die Viertagewoche einführen, damit die Arbeitnehmer gesund bleiben. Die müssten bei uns viel gesünder sein als in den beiden genannten Ländern. Nimmt man alle Beschäftigten, beträgt der Unterschied zur Schweiz 100 Stunden, zu Schweden 50 Stunden im Jahr. Würde in Deutschland zwei Stunden mehr pro Woche gearbeitet, könnten wir bis 2030 den demografischen Verlust im Arbeitsvolumen ausgleichen. Mich ärgert, dass wir diese Debatte nicht führen und so tun, als könnten andere die Arbeit für uns machen.

Manche sehen genau im Gegenteil die Lösung, in einer Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich und einer Verteilung der Arbeit auf mehr Köpfe. Was sagen Sie dazu?

Das hat ja schon früher nicht funktioniert, als wir Massenarbeitslosigkeit hatten. Das war das Argument von Oskar Lafontaine für die 35- Stunden-Woche, mit der Arbeit für andere entstünde. Wenn man Arbeit jetzt noch knapper macht, verschärft man das Problem noch. Und das Argument, dass die Menschen dann produktiver sind, überzeugt nicht. Das mag bei einzelnen Unternehmen in bestimmten Branchen der Fall sein, aber nicht in der gesamten Volkswirtschaft. Was sich dann zeigt, ist, dass die Verdichtung der Arbeit zunimmt – da bleibt keine Zeit mehr für einen Tratsch mit Kolleginnen und Kollegen. Die Studien, die es zu Viertagewochen gibt, sind alle zweifelhaft. Das ist für mich kein überzeugendes Konzept.

Was alle umtreibt, ist die hohe Inflation. Müssen wir uns auf eine längere Zeit mit hohen Raten einstellen?

Wir sehen, dass die Inflation jetzt deutlich sinkt. Das zeigen auch die Vorlaufindikatoren – aber von acht Prozent nach unten ist es ein längerer Weg. Für 2024 erwartet die EZB im Jahresdurchschnitt 2,5 Prozent, das scheint mir realistisch zu sein. Die eigentliche Frage ist, wie es weitergeht. Es gibt zwei Argumente dafür, dass die Raten nicht so schnell so niedrig sein werden, wie sie lange waren. Der jüngste Schub war von den Importpreisen getrieben, aber pro futuro lösen die Alterung und der Strukturwandel Preisdruck aus.

Inwiefern?

Alterung bringt einerseits mit sich, dass Menschen weniger produktiv sind – der Fachkräftemangel führt zu Lohndruck, das sieht man an hohen Abschlüssen. Das Zweite ist der Strukturwandel: Der CO2-Preis muss ja besonders stark steigen, um die Klimaziele zu erreichen. Das bedeutet höhere Inflation, nicht fünf oder sechs Prozent, aber eher drei als zwei Prozent, und das bei schwachem Wachstum. Vor uns liegt also ein Jahrfünft der Stagflation.

Hier geht es zum Artikel der Salzburger Nachrichten

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