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Michael Grömling in VR International Interview 23. Juni 2021

Immer mehr Lieferknappheiten – was tun?

In den vergangenen Wochen sind Warenknappheiten und Lieferverzögerungen ein immer präsenteres Thema in der Außenwirtschaft geworden. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat nun einen Bericht veröffentlicht, der das Phänomen im Rahmen einer Umfrage beleuchtet. Im Interview mit IW-Konjunkturexperte Michael Grömling geht es um die Frage, wo die Engpässe sind und wie Abhilfe verschafft werden kann.

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In welchen Wirtschaftsbereichen bzw. bei welchen Gütern bestehen derzeit die größten Engpässe?

Ganz verschiedene Güter sind im Frühjahr 2021 so knapp geworden, dass es zu Lieferschwierigkeiten gekommen ist. Halbleiter, chemische Grundstoffe, Container, Bauholz und Holzpaletten. Um das Ausmaß der aktuellen Betroffenheit in der deutschen Wirtschaft durch Lieferengpässe bei wichtigen Vorleistungen zu ermitteln, hat das Institut der deutschen Wirtschaft im Mai eine Blitzumfrage unter Wirtschaftsverbänden durchgeführt. Befragt wurden nur diejenigen Verbände, in deren Wirtschaftsbereich Vorleistungen eine besondere Rolle spielen. Gut 40 Prozent der insgesamt von Vorleistungsverknappungen betroffenen Branchenverbände sehen kurzfristig stark wirkende inländische Lieferengpässe. Das gilt zum Beispiel für die Auto- und Kunststoffindustrie, die Textil- und Lederindustrie sowie das Baugewerbe. Ein weiteres Drittel der Verbände, wie etwa die Maschinen- und Anlagenbauer, diagnostiziert eine mittelschwere Beschränkung. Bei den ausländischen Vorleistungen ist dies nur unwesentlich anders. Dabei sollte bedacht werden, dass auch inländische Engpässe indirekt durch vorauslaufende internationale Vorleistungen behindert werden können. Die mittelfristigen Aussichten sind zwar etwas besser, sie liefern aber keinen Grund zur voreiligen Entwarnung.

Was sind die hauptsächlichen Gründe für die derzeitigen Lieferengpässe?

Für die gegenwärtige Lieferproblematik gibt es ganz unterschiedliche Ursachen. Für einige Produkte, wie etwa ausgewählte Güter im Gesundheitsbereich, ist die Nachfrage in der Coronakrise deutlich angestiegen. In anderen Bereichen kam es zuerst zu einem Nachfrageeinbruch infolge der Lockdown-Maßnahmen und dann zu einer überraschend schnellen Erholung, auf die sich Lieferanten nicht rechtzeitig einstellen konnten. Die Erholung des Welthandels und damit der Nachfrage nach deutschen Exportgütern war im Vergleich zu früheren Krisen erheblich schneller. Damit entsteht auch ein Lieferstau, der erst nach und nach abgearbeitet werden kann. Auch der globale Warentransport leidet noch unter der Coronapandemie. Nach der Vollbremsung der Weltwirtschaft und des Welthandels vor einem Jahr muss vieles nachgeliefert werden.

Vor allem auf dem Schiffsweg von Fernost nach Europa stockt es, weil beispielsweise Container und zum Teil auch Schiffsbesatzungen fehlen. Einzelereignisse wie der Brand von Halbleiter-Fabriken, die starken Witterungsbeeinträchtigungen in den USA oder die Blockade des Suez-Kanals haben die Situation weiter verschärft. Während dieser für den Welthandel wichtige Schifffahrtsweg wieder frei ist, lassen sich zerstörte Produktionskapazitäten nicht ohne weiteres ersetzen. Zudem tragen auch Handelskonflikte zu den aktuellen Knappheiten bei. So sollen sich beispielsweise chinesische Elektronik-Hersteller mit Computer-Chips eingedeckt haben, um sich vor möglichen Handelskonflikten zu schützen.

Wie kann man diesen Engpässen entgegenwirken? Was können Unternehmen konkret tun?

Auf Seiten der Unternehmen werden kurzfristige Handlungsoptionen genutzt, um Engpässe zu überwinden. Es werden vor allem im industriellen Bereich alternative Lieferanten im In- und Ausland eingesetzt. Volkswirtschaftlich gesehen ist Deutschland in einigen Vorleistungs-Gütergruppen selbst Netto-Exporteur und auf dem Weltmarkt gibt es mittelfristig oftmals mehrere Alternativen für die meisten Vorleistungsgütergruppen. Mit Hilfe von Realtime-Monitoringsystemen mit einem automatisierten Datenaustausch zwischen allen Unternehmen auf der Lieferkette, können Unternehmen Störungen frühestmöglich diagnostizieren und Gegenmaßnahmen einleiten. Zusätzliche Produktionskapazitäten hingegen brauchen mehr Zeit und können in einer Reihe von Güterbereichen in den nächsten Monaten kaum oder gar nicht helfen.

Wann denken Sie wird es eine Entspannung geben? Oder werden Lieferengpässe in Zukunft häufiger ein Problem sein?

Die Unternehmen und Verbände melden uns, dass ein Großteil der Anspannungen in den nächsten Monaten nachlassen wird. Die Transportprobleme werden nach und nach behoben. Sofern die Pandemie weltweit unter Kontrolle kommt, lassen auch die Produktionsengpässe in bestimmten Bereichen, wie etwa bei chemischen Grundstoffen, wieder nach. Die aktuelle Lage zeigt aber auch, dass die Resilienz der Lieferketten ein Bestandteil der strategischen Planung sein muss. Naturkatastrophen und politische Ereignisse machen internationale Wertschöpfungsketten anfällig. Unternehmensübergreifende Organisationsstrukturen helfen, um die Zusammenarbeit auf der Lieferkette effizient zu gestalten. Dazu gehört ein etabliertes Krisenkonzept, das wichtige Zulieferer einschließt und so Unsicherheit zur Zeit von Disruptionen mindert. Resilienz bedeutet nicht nur, dass der Eintritt bestimmter Risiken vermindert werden soll, sondern auch, dass im Falle eines Problems eine schnelle Rückkehr zur vollen Geschäftstätigkeit möglich ist.

 

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