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IW-Konjunkturexperte Michael Grömling
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Michael Grömling in der Wirtschaftswoche Interview 21. Dezember 2021

„Das Stop and Go haben die Impfunwilligen mit zu verantworten”

Bund und Länder beraten erneut über die Corona-Lage und neue Einschränkungen. Die könnten für die Wirtschaft teuer werden – wenn nicht jeder über Festtage sein Verhalten ändert, sagt IW-Konjunkturexperte Michael Grömling in einem Interview mit der Wirtschaftswoche.

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Herr Grömling, zu Beginn der Pandemie war es nicht nur für Politiker, sondern auch für Konjunkturforscher, als müssten sie aus einer Glaskugel die Zukunft ablesen: Der weitere Verlauf war kaum vorhersehbar – und Prognosen dementsprechend schwer zu treffen. Ist das inzwischen leichter?

Leider ist es nicht einfacher geworden, da zu den direkten Beeinträchtigungen durch die Pandemie die indirekten Effekte gekommen sind: Weltweit sind die Produktions- und Logistiknetzwerke gestört, es fehlen Produkte und Vorleistungen – aber die jeweiligen Folgen zu quantifizieren, ist nicht leicht. Es ist eben wieder einmal deutlich geworden, dass man die Wirtschaftsleistung nicht ein- und ausknipsen kann wie einen Lichtschalter. Das Herunterfahren geht schnell. Aber es braucht deutlich mehr Zeit, bis alles wieder zum Laufen kommt.

Eine Variable in allen Berechnungen ist dabei oft besonders schwer vorauszusagen gewesen: Was die Kanzlerin beziehungsweise jetzt der neue Kanzler und die Ministerpräsidenten in ihren Runden entscheiden. Erwarten Sie, dass sich das mit Olaf Scholz nun ändert?

Bei der Runde der Ministerpräsidenten besteht das Problem der ganz unterschiedlichen Betroffenheiten: Während manche Bundesländer von einem sehr hohen Infektionsgeschehen betroffen sind, läuft in anderen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben deutlich besser. Natürlich stellt sich also immer wieder die Frage, an wem man sich orientieren soll. Das erklärt den von außen oft als nicht stringent wahrgenommenen politischen Entscheidungsprozess und zum Teil auch die von vielen empfundene Frustration, wie ungeordnet man in die vierte Welle geradezu hineingelaufen ist. Allerdings hat sich auch ein Teil der Konjunkturforscher von der Sommereuphorie blenden lassen.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, wir alle haben die mögliche Aggressivität neuer Virusmutanten unterschätzt – und wohl kaum einer hat sich vorstellen können, dass das Infektionsgeschehen nun so viel höher liegt als vor einem Jahr; obwohl jetzt 70 Prozent der Menschen geimpft sind und in der vergangenen Adventszeit die Bevölkerung ungeimpft war. Daher bleibt abzuwarten, unter welchen Bedingungen wir in die nächsten Monate gehen können. Vor sechs Wochen war der griechische Buchstabe Omikron den meisten Menschen wohl nicht geläufig, geschweige denn die Vorstellung, dass wir mitten in der vierten bereits in die fünfte Welle übergehen.

Bei allen skizzierten Schwierigkeiten: Welche Prognose wagen Sie für die konjunkturelle Entwicklung für eben diese kommenden Monate, sollten Kanzler und die Ministerpräsidentenrunde einen neuen Lockdown oder zumindest wieder weitergehende Beschränkungen beschließen?

Ich spreche lieber von einem Szenario. Aber klar ist: Selbst wenn wir relativ ungeschoren ohne neuerliche Maßnahmen oder Einschränkungen durch den Winter kämen – und hier ist der Konjunktiv absichtlich gewählt – müssen wir wegen der vorhin beschriebenen Störungen infolge der Pandemie und der Produktions- und Logistiknetzwerke mit Produktionseinbußen von 35 Milliarden Euro rechnen; und zwar bezogen auf das erste Quartal und gegenüber einem Normalzustand.

Und wenn doch ein wie auch immer ausgestalteter Lockdown kommt?

Wenn wir auf die Bremse treten, kommen je nach Schätzung zusätzlich noch einmal fünf bis 15 Milliarden Euro an Kosten dazu. Wobei die obere Grenze eine starke Einschränkung beziffert.

Was bedeutet das für die Wirtschaftsentwicklung 2022 insgesamt?

Das Stop and Go, wie wir es nun seit den ersten Einschränkungen kennen, und das auch viele so frustriert, hört erst einmal nicht auf. Das bedeutet vor allem aber, dass der Investitionszyklus nicht zu laufen beginnt, Unternehmen sich zurückhalten, die Produktion von Investitionsgütern nicht in die Gänge kommt. Es wird den Jahresverlauf 2022 zunächst mitbestimmen, dass sich das Angebot nicht in ausreichendem Maße normalisiert. Und das hängt viel damit zusammen, dass wir es nicht auf die Reihe bekommen haben, eine ausreichende Impfquote zu erreichen.

Die Impfgegner schaden der Wirtschaft?

Politische Entscheidungen reagieren auf das Infektionsgeschehen. Keine Regierung verhängt aus Spaß einen Lockdown, sondern, um unkalkulierbare Überlastungen des Gesundheitssystems zu verhindern. Das ist kein leichtes Unterfangen, zumal sich das Virus ständig verändert. Dass wir in diesem Stop and Go gefangen sind, haben die Impfunwilligen mit zu verantworten.

Zum Interview auf wiwo.de

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