Die schlechteren Wirtschaftsdaten lassen sich nicht nur mit der nachlassenden Konjunktur erklären. Vielmehr reagieren die Unternehmen auch auf technische Veränderungen und politische Unsicherheiten, schreibt IW-Konjunkturexperte Michael Grömling für die VDI-Nachrichten.
IW-Konjunkturampel: Die Strukturen verschieben sich
Die Meldungen über Entlassungen in großen deutschen Unternehmen häuften sich in den vergangenen Monaten. Dies trifft im Kern Industriekonzerne, aber auch Dienstleister wie etwa Banken. Die guten Jahre einer kontinuierlichen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt scheinen vorbei zu sein. Tatsächlich war die Entwicklung seit dem Jahr 2005 hierzulande grandios: Die Zahl der Arbeitslosen ging von rund 5 Mio. auf 2,2 Mio. zurück. Im Gegenzug stieg die Zahl der Erwerbstätigen von rund 39 Mio. auf über 45 Mio. Personen an. Der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Alter von 15 bis 65 Jahren erhöhte sich von 65 % auf 75 %. Diese im internationalen Vergleich herausragende Entwicklung hatte große Bedeutung für die Inlandskonjunktur. Sie stimulierte kräftig den Konsum – über die mit der höheren Beschäftigung einhergehende Einkommensentwicklung, über die Festigung der Beschäftigungserwartungen und letztlich über die verbesserte finanzielle Lage der privaten Haushalte.
„Die guten Jahre einer kontinuierlichen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt scheinen vorbei zu sein.“
Dieser Konjunkturmotor scheint jetzt ins Stottern zu kommen. Die Erwartung eines ewig andauernden Beschäftigungsaufbaus wäre auch illusorisch. Die IW-Konjunkturampel zeigt schon seit dem Frühjahr 2018 kaum noch grüne Signale. Aktuell gilt dies zwar noch für die Felder Konsum und die Investitionen. Aber die Werte decken noch das erste Quartal 2019 ab. Im zweiten Vierteljahr dürfte sich die Lage nicht weiter verbessert haben. Seit Frühjahr vergangenen Jahres leuchten fast immer zwei bis drei Felder rot auf, meist im industriellen Kontext. Die restlichen Indikatoren – vor allem die Arbeitsmarktdaten – weisen mehr oder weniger auf Stillstand hin und leuchten gelb. Einen Grund für breit angelegte Sorgen begründet dies zunächst nicht.
Aber was ist da los? Die Erklärungen konzentrieren sich einerseits auf konjunkturelle Effekte, andererseits auf strukturelle Anpassungslasten. Immer wieder wird als Begründung für die Wirtschaftsentwicklung angeführt, dass sich nach dem langen Aufschwung Müdigkeit breit mache. Der Investitionszyklus sei durchlaufen und ein Beschäftigungsaufbau – vor allem im qualifizierten Bereich – sei kaum noch möglich. Auch dürfte die sich abschwächende Weltkonjunktur infolge der protektionistischen Umtriebe die wirtschaftliche Dynamik abschwächen.
Die steigende Verschuldung, vor allem in wichtigen Schwellenländern, bremst dort die Investitionstätigkeit. Politische Verunsicherung verstärkt dies. All dies lastet auf der globalen Investitionsgüternachfrage. Das trifft die deutsche Volkswirtschaft stärker als andere Länder.
Es passieren aber auch strukturelle Anpassungen. Wie stark sie sind und welche Arbeitsmarkteffekte damit einhergehen, ist schwer abzuschätzen. Neue Technologien, vor allem die Digitalisierung, schaffen Unsicherheiten und führen so dazu, dass die Unternehmen eher Abwarten. Investitionsstrukturen verschieben sich. Neue Technologien erfordern etwa verstärkte Bildungs- und Trainingsausgaben.
Zudem entfallen Ersatzinvestitionen in die herkömmlichen Technologien. Aber auch politische Entscheidungen und Verunsicherungen sowie eine sperrige gesellschaftliche Technologieakzeptanz bremsen Investitionen und Innovationen.
„Wir müssen die Struktur neu denken”
Wie kommt die deutsche Wirtschaft wieder voran? Zu dieser Frage war IW-Direktor Michael Hüther zu Gast bei Maybrit Illner und diskutierte mit Wirtschaftsminister Robert Habeck, Politologin Nicole Deitelhoff und Wirtschaftshistoriker Adam Tooze.
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