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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 58 12. Mai 2020 Der Lockdown trifft die Alleinerziehenden besonders hart

Alleinerziehende nutzen zu normalen Zeiten in großem Umfang institutionelle Betreuungsangebote und weitere Hilfen von Personen außerhalb des Haushalts. Dennoch weisen sie auch dann bereits häufig Anzeichen einer starken Überlastung auf. Daher benötigen sie besondere Unterstützung, damit der Lockdown bei ihnen und ihren Kindern nicht zu zu hohen Belastungen führt.

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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 58 12. Mai 2020

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Alleinerziehende nutzen zu normalen Zeiten in großem Umfang institutionelle Betreuungsangebote und weitere Hilfen von Personen außerhalb des Haushalts. Dennoch weisen sie auch dann bereits häufig Anzeichen einer starken Überlastung auf. Daher benötigen sie besondere Unterstützung, damit der Lockdown bei ihnen und ihren Kindern nicht zu zu hohen Belastungen führt.

Der zur Eindämmung der Corona-Pandemie erfolgte Lockdown hat die sozialen Strukturen in Deutschland dramatisch verändert. So wurden die persönlichen Kontakte zu Personen außerhalb des eigenen Haushalts auf ein Minimum reduziert, was gleichzeitig dazu geführt hat, dass die mit den anderen Haushaltsmitgliedern gemeinsam verbrachte Zeit deutlich zugenommen hat. Vor diesem Hintergrund hängt es derzeit noch deutlich stärker als zu normalen Zeiten von der Zusammensetzung der Haushalte ab, wie die Familien in Deutschland ihr Leben gestalten können. Etwa haben Einzelkinder meist keinen Zugang zu Spielkameraden in einem ähnlichen Alter, während dies bei den anderen Kindern in der Regel die Geschwister sein können, auch wenn das Verhältnis konfliktbelastet sein kann (Geis-Thöne, 2020). Noch schwieriger ist die Lage, wenn nur ein Erwachsener im Haushalt lebt, da er neben seinen gegebenenfalls bestehenden beruflichen Verpflichtungen die Betreuung der Kinder nun komplett allein realisieren muss.

Dabei greifen Alleinerziehende zu normalen Zeiten in weit stärkerem Maß auf institutionelle Betreuungsangebote zurück als Paarfamilien, wie eine eigene Auswertung der im Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP, Goebel et al., 2019) erhobenen Betreuungszeiten von Fünf- bis Sechsjährigen in den Jahren 2016 bis 2018 zeigt. Ihr zufolge besuchten rund 61 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden mindestens 35 Stunden in der Woche eine Kita oder eine Kindertagespflege, wohingegen es bei den Kindern aus Paarfamilien nur 43 Prozent waren. Eine institutionelle Betreuung im Umfang von 45 Stunden und mehr erhielten 23 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden und 6 Prozent der Kinder aus Paarfamilien in diesem Alter. Kinder, die laut Angabe der Eltern keine Kita oder Tagespflege besuchten, blieben bei der Ermittlung dieser Anteile außer Acht.

Neben den Kitas und Tageseltern spielen in der normalen Alltagsgestaltung von Alleinerziehenden auch andere nicht-institutionelle Betreuungsarrangements außerhalb des Haushalts eine deutlich größere Rolle als für Paarfamilien. So wurden in den Jahren 2016 bis 2018 rund 52 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Kinder von Alleinerziehenden in diesen Kontexten 10 Stunden und mehr in der Woche betreut, wohingegen dies nur auf 17 Prozent der Kinder von Paarfamilien zutraf. Lässt man die Betreuung durch nicht im Haushalt lebende Elternteile, die auch bei den zu den Paarfamilien zählenden Stieffamilien auftritt, außer Acht, reduziert sich der Anteil bei den Alleinerziehenden deutlich auf 27 Prozent, liegt damit aber immer noch fast doppelt so hoch wie bei den Paarfamilien mit 15 Prozent. Nimmt man nur die Betreuung durch die Großeltern in den Blick, liegt diese im betrachteten Zeitraum bei 16 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden und 12 Prozent der Kinder von Paarfamilien bei 10 Stunden und mehr in der Woche (SOEP_V35; eigene Berechnungen).

Neben der Übernahme von Betreuungszeiten ist das soziale Netzwerk für die Alleinerziehenden auch in weiterer Hinsicht wichtiger als für die Paarfamilien. So haben sie, insbesondere wenn die Kinder noch klein sind, in der Regel niemanden im Haushalt, mit dem sie Gespräche unter Erwachsenen führen können und der sie bei der Lösung ihrer Probleme unterstützt. Vor diesem Hintergrund pflegen alleinerziehende Mütter unter normalen Umständen häufig auch intensivere Kontakte mit Freunden, Verwandten oder Nachbarn als Mütter in Paarfamilien. So trafen sich den Angaben im SOEP zufolge im Jahr 2017 rund 63 Prozent der alleinerziehenden Mütter, deren ältestes Kind unter acht Jahre alt war, mindestens einmal wöchentlich mit diesem Personenkreis zu einem geselligen Beisammensein, wohingegen das nur auf 53 Prozent der Mütter in Paarfamilien zutraf. Betrachtet man alle Mütter, womit hier und im Folgenden nur die Frauen mit minderjährigen Kindern gemeint sind, liegen die Werte mit 51 Prozent für die Alleinerziehenden und 48 Prozent für die Mütter in Paarfamilien allerdings nahe beieinander (SOEP_V35; eigene Berechnungen).

Trotzdem fühlen sich viele der Alleinerziehenden auch bereits in normalen Zeiten häufig allein. Wie die Abbildung zeigt, stimmten der Aussage “Ich fühle mich oft einsam“ in der Befragung zum SOEP im Jahr 2018 rund 36 Prozent der alleinerziehenden Mütter, aber nur 12 Prozent der Mütter in Paarfamilien zu. Hinzu kommt auch bereits ohne die während des Lockdowns fehlenden Betreuungsmöglichkeiten häufig ein Gefühl von Überforderung. Dies lässt sich an der Aussage „Die Verhältnisse sind so kompliziert geworden, dass ich mich fast nicht mehr zurecht finde“ festmachen, zu der sich die Befragten im SOEP 2018 mit Blick auf ihre persönliche Situation positionieren sollten. 18 Prozent der alleinerziehenden Mütter gaben an, dass dies zuträfe, wohingegen der Wert bei den Müttern in Paarfamilien mit 9 Prozent nur halb so hoch lag.

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Damit einhergehend treten bei den Alleinerziehenden auch verstärkt psychische Probleme auf. So gaben 22 Prozent der alleinerziehenden Mütter im Jahr 2018 an, sich in den vorangegangenen vier Wochen oft oder immer niedergeschlagen und trübsinnig gefühlt zu haben. Bei den Müttern in Paarfamilien traf dies nur auf 12 Prozent zu. Bei den alleinerziehenden Müttern, deren ältestes Kind unter acht Jahre alt war, lag der Anteil mit 27 Prozent sogar noch deutlich höher, während er auch bei diesen Müttern in Paarfamilien 12 Prozent betrug. Gleichzeitig gaben 29 Prozent aller alleinerziehenden Mütter und 36 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit ältestem Kind unter acht Jahren an, sich in den vorangegangenen vier Wochen nie oder fast nie ruhig und ausgeglichen gefühlt zu haben, was nur bei jeweils 19 Prozent der Mütter in Paarfamilien der Fall war. Dabei dürfte sich die psychische Verfassung der Alleinerziehenden seit Beginn des Lockdowns noch deutlich verschlechtert haben (SOEP_V35; eigene Berechnungen).

An dieser Stelle ist auch darauf hinzuweisen, dass sich die betroffenen Eltern in der Regel nicht gezielt für die Alleinerziehung entscheiden, sondern diese häufig sogar eher kritisch sehen. So stimmten in der SOEP Befragung im Jahr 2018 nur 50 Prozent aller alleinerziehenden Mütter und 57 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit ältestem Kind unter acht Jahren der Aussage „Ein alleinstehender Elternteil kann sein Kind genauso gut großziehen wie beide Eltern zusammen“ voll und ganz zu. Bei den Müttern in Paarfamilien waren es 23 Prozent und 22 Prozent. 14 Prozent aller alleinerziehenden Mütter und 16 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit ältestem Kind unter acht Jahren verneinten dies. Das sind zwar deutlich weniger als bei den Müttern in Paarfamilien, bei denen sich Werte von 30 Prozent und 29 Prozent finden. Dennoch ist die Größenordnung beachtlich, da die Mütter mit dieser Zuordnung letztlich ihre eigenen Möglichkeiten, ihren Kindern ein optimales Entwicklungsumfeld bieten zu können, kritisch bewerten. Dass ein bedeutender Teil der Alleinerziehenden an sich ein eher klassisches Familienbild hat, zeigt sich sogar noch deutlicher daran, dass 25 Prozent von ihnen der Aussage, dass ein Kind unter sechs Jahren darunter leiden wird, wenn seine Mutter arbeitet, zustimmen. Bei den Müttern in Paarfamilien sind es nur 22 Prozent. Betrachtet man nur die Mütter mit Kindern unter acht Jahren liegt der Wert bei den Alleinerziehenden mit 17 Prozent gegenüber 19 Prozent allerdings etwas niedriger (SOEP_V35; eigene Berechnungen).

Da der Lockdown für die Alleinerziehenden zu einer noch deutlich höheren Belastung als für die Eltern in Paarfamilien führt, ist es sehr positiv zu werten, dass die Länder die Notbetreuung für sie geöffnet haben. Allerdings sollte sich dies, sofern von den Kapazitäten her möglich, nicht auf die Erwerbstätigen unter ihnen beschränken, da es bei längerem Fehlen der Betreuungsarrangements außerhalb des Haushalts auch in anderen Familien zu einer für Eltern und Kinder gefährlichen Überlastung kommen kann. Zudem sollten die Anlaufstellen für Eltern und Kinder in besonderen Problemsituationen gestärkt werden, um den Familien schnell Hilfe zukommen zu lassen. Wichtig ist dabei, dass die Unterstützung möglichst niederschwellig und unbürokratisch erfolgt, um zu vermeiden, dass Familien vor ihrer Inanspruchnahme aus Angst vor weitreichenden Folgen zurückschrecken.

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