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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 30 14. Mai 2021 Corona hat die Zuwanderung nach Deutschland gedämpft

Insbesondere bei der für die längerfristige Fachkräftesicherung wichtigen Zuwanderung an die Hochschulen und bei der Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten waren im Jahr 2020 deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Hingegen hat die Nettozuwanderung von Ausländern aus den anderen EU-Ländern gegenüber dem Jahr 2019 sogar leicht zugenommen.

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Corona hat die Zuwanderung nach Deutschland gedämpft
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Insbesondere bei der für die längerfristige Fachkräftesicherung wichtigen Zuwanderung an die Hochschulen und bei der Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten waren im Jahr 2020 deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Hingegen hat die Nettozuwanderung von Ausländern aus den anderen EU-Ländern gegenüber dem Jahr 2019 sogar leicht zugenommen.

Die Corona-Pandemie hat internationale Wanderungsbewegungen deutlich erschwert. Ein großes Problem ist vor dem Hintergrund der Einschränkungen im Reiseverkehr, der Ausfälle bei internationalen Transportmitteln und der Quarantäneauflagen bei Einreise etwa der Umzug zwischen zwei Ländern. Daher war im Jahr 2020 ein starker Einbruch bei der Zuwanderung zu erwarten, der sich auch bei den Zuzügen von Ausländern zeigt. Diese sind laut der auf dem Ausländerzentralregister basierenden Ausländerstatistik gegenüber dem Vorjahr von 923.000 auf nur noch 740.000 zurückgegangen. Auch ist die Nettozuwanderung von Ausländern von 377.000 Personen im Jahr 2019 auf 262.000 im Jahr 2020 gesunken (Statistisches Bundesamt, 2021a). Allerdings lässt sich, wie im Folgenden aufgezeigt, nicht bei allen Zuwanderungsformen ein klarer, stark negativer Corona-Effekt feststellen.

Zuwanderung im Kontext der Freizügigkeit

Betrachtet man die Zuwanderung von Personen mit Staatsangehörigkeiten der anderen EU-Mitgliedsstaaten (ohne das Vereinigte Königreich), ist bei den Zuzügen zwischen den Jahren 2019 und 2020 zwar ein Rückgang von 456.000 auf 413.000 zu verzeichnen, die Nettozuwanderung hat sich jedoch kaum verändert und lag im Jahr 2020 mit 115.000 gegenüber 113.000 im Jahr 2019 sogar etwas höher. Auch fügt sich der Rückgang bei den Zuzügen sehr gut in die längerfristige Entwicklung ein und stellt hier keinen Bruch dar. So lagen die Werte im Jahr 2017 noch bei 691.000 und im Jahr 2018 bei 505.000 (Statistisches Bundesamt, 2021a; eigene Berechnungen). Dabei ist es in den Jahren zwischen 2016 und 2018 allerdings in größerem Maße zu Verzögerungen und Korrekturen bei den Meldungen im Ausländerzentralregister gekommen, sodass die Ausländerstatistik im Hinblick auf die zeitliche Zuordnung von Wanderungsbewegungen verzerrt sein kann (Statistisches Bundesamt, 2021b).

Für die Fachkräftesicherung war im letzten Jahrzehnt vor allem die (Netto-) Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten von großer Bedeutung. Jedoch ist sie, wie die Abbildung zeigt, seit dem Jahr 2017 wieder stark rückläufig und vor dem Hintergrund der demografischen Lage in diesen Ländern ist mit einer Fortsetzung dieser Entwicklung zu rechnen (Geis-Thöne, 2020). In diesem Kontext war die Abnahme zwischen den Jahren 2019 und 2020 eher gering, was unter Umständen auch mit der Corona-Pandemie in Zusammenhang stehen könnte, die europaweit zu Verwerfungen an den Arbeitsmärkten geführt hat.

Inhaltselement mit der ID 9394
Inhaltselement mit der ID 9397
Inhaltselement mit der ID 9396

Zuzüge von Geflüchteten

Betrachtet man die monatlichen Asylbewerberzahlen, zeigt sich im Frühjahr 2020 ein starker Einbruch. So war die Zahl im Mai mit 5.000 weniger als halb so hoch wie im Vorjahr mit 14.000. Hingegen lag der Rückgang im November mit 12.000 im Jahr 2020 gegenüber 13.000 im Jahr 2019 nicht mehr über dem längerfristigen Trend (Eurostat, 2021). Dabei könnten die niedrigen Frühjahrswerte hier, wie auch bei anderen Migrationsstatistiken, teilweise auf verspätete Meldungen aufgrund der Behördenschließungen zurückgehen. Allerdings lag die Gesamtzahl der Asylbewerber im Jahr 2020 mit 122.000 ebenfalls deutlich unter halb der Größenordnung von rund 150.000, die vor dem Hintergrund der Vorjahreswerte von 223.000 im Jahr 2017, 184.000 im Jahr 2018 und 166.000 im Jahr 2019 an sich zu erwarten gewesen wäre (Eurostat, 2021). Es steht die These im Raum, dass aufgrund der Grenzschließungen und Lockdowns im letzten Jahr viele Geflüchtete auf ihren teilweise nur in den Sommermonaten möglichen Wegen nach Europa und Deutschland stecken geblieben sind und ihre Reise mit der Normalisierung fortsetzen könnten. Auch lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass es in Folge der Pandemie zu verstärkten Wanderungsbewegungen von Geflüchteten kommen wird. Dennoch ist nach derzeitigem Stand nicht mit einem starken Anstieg der Zahlen der Schutzsuchenden in Deutschland zu rechnen.

Erwerbszuwanderung

Am 31.12.2020 lag die Zahl der Drittstaatenangehörigen mit befristeten Aufenthaltstiteln zur Erwerbstätigkeit mit 275.000 zwar höher als am 31.12.2019 mit 259.000, der Anstieg war im Jahr 2020 mit einem Plus von 16.000 jedoch weniger als halb so hoch wie in den Jahren 2018 und 2019 mit jeweils 39.000 (Statistisches Bundesamt, 2021a; eigene Berechnungen). Dieser Rückgang muss nicht ausschließlich auf die Corona-Pandemie zurückgehen, sondern kann teilweise auch mit der Westbalkanregelung in Zusammenhang stehen. Mit dieser wurde im Jahr 2016 der Zugang für Erwerbszuwanderer aus den Westbalkanländern zum deutschen Arbeitsmarkt deutlich erleichtert, was zu einem deutlichen Anstieg der Zuzugszahlen geführt hatte (Geis-Thöne, 2018). Diese Entwicklung hätte sich auch ohne die Pandemie kaum länger fortsetzen können, da die Westbalkanländer klein und selbst vom demografischen Wandel betroffen sind.

Allerdings ist der Anstieg der Zahl der Personen mit Aufenthaltstiteln zur Erwerbstätigkeit aus dem außereuropäischen Ausland (ohne Russland und Türkei) mit 5.000 im Jahr 2020 gegenüber 15.000 im Jahr 2019 und 16.000 im Jahr 2018 (Statistisches Bundesamt, 2021a; eigene Berechnungen) noch deutlich stärker zurückgegangen als der Anstieg der Personen mit Aufenthaltstiteln zur Erwerbstätigkeit insgesamt und hier gibt es keine plausiblen Gründe für eine Trendwende jenseits der Corona-Pandemie. Das deutet darauf hin, dass durch sie gerade die für die langfristige Fachkräftesicherung sehr bedeutende Erwerbszuwanderung aus demografiestarken Drittstaaten besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Bildungszuwanderung

Anders als bei den Aufenthaltstiteln zur Erwerbstätigkeit war bei den Aufenthaltstiteln zur Ausbildung in den Jahren 2019 und 2020 nicht nur ein Rückgang des Anstiegs, sondern eine tatsächliche Abnahme um 23.000 von 233.000 auf nurmehr 210.000 zu verzeichnen (Statistisches Bundesamt, 2021a). Auch lag die Zahl der ausländischen Studienanfänger im Gesamtjahr 2020 mit 99.000 und rund 21 Prozent niedriger als im Vorjahr mit 125.000 (Statistisches Bundesamt, 2021c). Die Bildungszuwanderung ist also weit stärker eingebrochen als die anderen Zuwanderungsformen. Allerdings ist bei der Interpretation dieses Befunds zu beachten, dass auch Personen, die nur für ein oder zwei Austauschsemester ins Land kommen formal als Studienanfänger gewertet werden und, sofern sie aus Drittstaaten kommen, einen entsprechenden Aufenthaltstitel benötigen und diese kürzeren Auslandsaufenthalte vor dem Hintergrund der Einschränkungen beim studentischen Leben für Studierende vergleichsweise unattraktiv geworden sind.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Corona-Pandemie den für die langfristige Fachkräftesicherung besonders wichtigen Bereich der Zuwanderung über die Hochschule und Erwerbszuwanderung in besonderem Maße in Mitleidenschaft gezogen hat, wohingegen sie sich auf die Gesamtzuwanderung deutlich schwächer ausgewirkt hat, als zu befürchten stand. Da gerade bei der Erwerbszuwanderung aus demografiestarken Drittstaaten und bei der Bildungsmigration die Gefahr einer Ablenkung von Migrationsströmen in andere Länder besteht, sollte Deutschland diese Migrationsformen in der aktuellen Situation durch gezielte Unterstützungsangebote in besonderem Maße fördern.

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