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Simon Schumacher IW-Kurzbericht Nr. 36 13. April 2022 Ökonomische Entwicklung der pharmazeutischen Industrie 2021

Immer neue Infektionswellen in der Corona-Pandemie, gestörte Transport- und Lieferketten, steigende Energiekosten: Während die konjunkturelle Erholung der deutschen Wirtschaft im Jahr 2021 vielfach gebremst wurde, verzeichnete die Pharmaindustrie am Standort einen deutlichen Wachstumsschub im Jahresverlauf.

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Ökonomische Entwicklung der pharmazeutischen Industrie 2021
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Immer neue Infektionswellen in der Corona-Pandemie, gestörte Transport- und Lieferketten, steigende Energiekosten: Während die konjunkturelle Erholung der deutschen Wirtschaft im Jahr 2021 vielfach gebremst wurde, verzeichnete die Pharmaindustrie am Standort einen deutlichen Wachstumsschub im Jahresverlauf.

Bereits im ersten Jahr der Corona-Krise war die pharmazeutische Industrie Deutschlands deutlich weniger stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen als das Verarbeitende Gewerbe insgesamt (Kirchhoff/Schumacher, 2021). Denn die Branche reagiert zum einen grundsätzlich weniger stark auf konjunkturelle Schwankungen als andere Industriezweige, zum anderen hielten pharmazeutische Lieferketten den pandemiebedingten Schocks weitgehend Stand (Grömling/Kirchhoff, 2020). Dieser Trend setzte sich auch im Jahr 2021 fort.

Im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes stieg der real und arbeitstäglich bereinigte Auftragseingangsindex zwar um 17,6 Prozent gegenüber dem Jahr 2020 an, doch ist dieser Anstieg vor dem Hintergrund der massiven Einbrüche zu Beginn der Corona-Pandemie zu relativieren. Die zuletzt wieder gestiegene Nachfrage nach industriell gefertigten Erzeugnissen konnte jedoch nicht vollständig bedient werden. Die Zuwächse der Produktions- und Umsatzindizes blieben mit 4,2 Prozent respektive 4,9 Prozent deutlich hinter dem Nachfrageanstieg zurück. Die Pharmaindustrie verzeichnete im Jahr 2021 zwar nur 3,2 Prozent mehr Auftragseingänge, doch blieb die Branche zuvor von massiven Nachfrageeinbrüchen weitgehend verschont. Die pharmazeutische Industrie steigerte ihren Produktionswert im Jahr 2021 um 5,8 Prozent und ihren Umsatz sogar um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Branche lagen die drei Indikatoren, anders als im industriellen Durchschnitt, damit über dem Vorkrisenniveau im Jahr 2019.

Während der industrielle Aufschwung unter anderem von anhaltenden Lieferschwierigkeiten sowie branchenübergreifenden Produktionsausfällen im zweiten Halbjahr 2021 wieder ausgebremst wurde (Bardt/ Grömling, 2021), zeigte die Pharmaindustrie eine gegenläufige Entwicklung. In der ersten Jahreshälfte 2021 erwirtschaftete die Pharmabranche nur ein geringes Wachstum. So blieb die Auftragslage gegenüber dem ersten Halbjahr 2020 nahezu unverändert (+ 0,1 Prozent). Die Zuwächse des Produktionsindex um 1,4 Prozent deuteten bereits auf eine Ausweitung der Produktion hin, die sich aber noch nicht im Umsatz widerspiegelte (+ 0,4 Prozent). Der Blick auf die monatlichen Werte zeigt spätestens ab Mai 2021 einen deutlichen Anstieg in allen Indikatoren. Im Verlauf des zweiten Halbjahres stiegen Auftragseingänge, Produktion und Umsatz der Branche monatlich sprungartig an.

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So wuchs der real und arbeitstäglich bereinigte Auftragseingangsindex mit einem Plus von 12,5 Prozent im 3. Quartal und 14,3 Prozent im 4. Quartal deutlich über das Vorkrisenniveau hinaus. Der Produktionsindex verzeichnete im 3. Quartal einen Anstieg um 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und legte im 4. Quartal erneut um 10,1 Prozent zu. Den stärksten Effekt zeigte der Umsatzindex. Dieser stieg um 22,1 Prozent im 3. Quartal und um 11,6 Prozent im 4. Quartal gegenüber den jeweiligen Vorjahresquartalen.

Maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung war die gestiegene inländische Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten. Zwar entwickelte sich auch die Auslandsnachfrage dynamisch, sie blieb aber hinter der Entwicklung der inländischen Nachfrage zurück – dies schlägt sich auch im Umsatzindex nieder. Erstmals seit fünf Jahren liegt der inländische Umsatzvolumenindex zur zweiten Jahreshälfte 2021 über dem Wert des für die Branche so bedeutsamen Auslandsgeschäfts (Abbildung). Zwar zeigt sich zum Jahresende im Vorquartalsvergleich ein Rückgang sowohl des inländischen als auch des ausländischen Umsatzes, er verbleibt aber jeweils auf einem hohen Niveau: So lag der Inlandsumsatz im 4. Quartal 5,3 Prozent unterhalb des Vorquartalswerts, während der Auslandsumsatz mit einem Minus von 9,1 Prozent stärker zurückging. Im Vorjahresvergleich wird der Unterschied in den Entwicklungen des Inlands- und des Auslandsgeschäfts besonders deutlich: Während der inländische Umsatz der Pharmaindustrie real und arbeitstäglich bereinigt um 33,3 Prozent im 3. Quartal sowie um 26,7 Prozent im 4. Quartal gegenüber den jeweiligen Vorjahresquartalen zulegte, verblieb der ausländische Umsatzanstieg mit 16,8 Prozent respektive 4,2 Prozent deutlich dahinter.

Die eindeutige positive Entwicklungsrichtung der Branchenkennzahlen, die sich bereits Ende des Jahres 2020 abzeichnete, legt die Vermutung nahe, dass sich vor allem die Corona-Impfstoffproduktion als Treiber der Gesamtbranche etabliert haben könnte (Kirchhoff/Schumacher, 2021). Dafür sprechen mehrere Faktoren:

  • Gesamtwirtschaftliche Erholungseffekte aber auch branchenspezifische Stabilisierungsfaktoren wie die Normalisierung der Routinebehandlungen in Arztpraxen und Krankenhäusern können einen derartig hohen Anstieg aller Branchenkennzahlen im Verlauf eines Jahres nicht vollumfänglich erklären. So hat sich das reguläre Geschäft pharmazeutischer Unternehmen zwar wie erwartet verbessert, doch in den Absatzzahlen der Arztpraxen, Kliniken und Apotheken zeigte sich im Jahr 2021 ein deutlich geringerer Anstieg im deutschlandweiten Bedarf an Pharmazeutika als die Entwicklung der Indikatoren erwarten lassen könnte. So lag der Absatz von Arzneimitteln auf dem Markt für verschreibungspflichtige Arzneimittel 2,2 Prozent höher als im Vorjahr. Im Krankenhausmarkt stieg der Absatz um 1,0 Prozent, während der Absatz frei verkäuflicher Arzneimittel im Jahr 2021 sogar um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert zurückging (IQVIA, 2022).
  • Der mRNA-basierte Impfstoff der Hersteller BioNTech und Pfizer wurde in Deutschland entwickelt und wird zu großen Teilen auch hier produziert. Zeitlich deckt sich die positive Entwicklung der ökonomischen Branchenkennzahlen mit den Angaben der Hersteller zur laufenden Impfstoffproduktion in Deutschland. Allein die weltweite Produktion des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer belief sich im Jahr 2021 auf bis zu 3 Milliarden Dosen (BioNTech, 2021). Anfang des letzten Jahres erhielt BioNTech die behördliche Freigabe für den Produktionsstart seines Impfstoffs im Werk in Marburg, in welchem bis zu einer Milliarde Impfstoffdosen pro Jahr hergestellt werden können. Der Produktionsstart und die ersten Auslieferungen des Impfstoffs aus Marburg im April 2021 fielen zeitlich mit der anziehenden Branchenentwicklung in den Konjunkturstatistiken zusammen.
  • Der Produktionswerts aller humanmedizinischen Impfstoffe (inklusive der Corona-Impfstoffe) stieg im 2. Quartal 2021 um 178 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, im 3. Quartal waren es 323 Prozent; für das vierte Quartal liegt die Wachstumsrate bei 141 Prozent. Der Anteil an der Gesamtproduktion der Branche erreichte im Vorkrisenjahr 2019 maximal 3,6 Prozent. Im Verlauf des Jahres 2021 legte der Anteil humanmedizinischer Impfstoffe kontinuierlich zu: Betrug dieser im 1. Quartal noch 2,2 Prozent, waren es im 4. Quartal 9,1 Prozent.

Die erneut überdurchschnittliche ökonomische Ent-wicklung der pharmazeutischen Industrie hebt die Bedeutung dieser Spitzentechnologiebranche für den Wirtschaftsstandort Deutschland hervor. Zudem verdeutlicht das Beispiel der mRNA-basierten Impfstoffe die Bedeutung der biotechnologischen Pharmaforschung und -produktion für die Stärke des deutschen Pharmastandorts, aber auch für die Rolle der Entwicklung innovativer Biopharmazeutika zur zukünftigen Positionierung Deutschlands im Standortwettbewerb. Dies haben auch andere Länder wie Südkorea, Singapur, China oder die Schweiz und Irland erkannt und bauen ihre biopharmazeutischen Produktionskapazitäten seit einigen Jahren deutlich aus – in Deutschland fand eine entsprechende Kapazitätsausweitung bislang nicht im gleichen Umfang statt (Lücke et al., 2021). Will Deutschland seine Position im internationalen Standortwettbewerb behaupten oder ausbauen, die durch die Entwicklung des ersten in der EU zugelassenen mRNA-basierten Impfstoffs erreicht wurde, gilt es nun umso mehr, die Branche nicht mit neuen Zwangsrabatten, wie sie im Referentenentwurf zum GKV-Finanzierungsgesetz vorgesehen sind, zu belasten (Kirchhoff/Pimpertz, 2022). Vielmehr sind die ökonomischen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Pharmaindustrie so auszugestalten, dass insbesondere hochinnovative Pharmaunternehmen auch in Zukunft in Deutschland forschen und produzieren.

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