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Simon Schumacher / Jasmina Kirchhoff IW-Kurzbericht Nr. 16 5. März 2021 Pharmaindustrie stark zum Jahresende

Die Pharmaindustrie entwickelte sich in der Corona-Krise 2020 selbst unter starken Lockdown-Maßnahmen deutlich robuster als das gesamte Verarbeitende Gewerbe. Zwar lagen auch in dieser Branche wichtige Konjunkturindikatoren leicht unterhalb des Vorjahresniveaus, doch pharmazeutische Unternehmen blieben von massiven Einbrüchen weitgehend verschont.

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Die Pharmaindustrie entwickelte sich in der Corona-Krise 2020 selbst unter starken Lockdown-Maßnahmen deutlich robuster als das gesamte Verarbeitende Gewerbe. Zwar lagen auch in dieser Branche wichtige Konjunkturindikatoren leicht unterhalb des Vorjahresniveaus, doch pharmazeutische Unternehmen blieben von massiven Einbrüchen weitgehend verschont.

Die Pharmaindustrie behauptete sich im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie deutlich robuster als viele andere industrielle Branchen in Deutschland, doch blieb auch sie nicht gänzlich von den Auswirkungen der Pandemie und den ergriffenen Maßnahmen zu deren Eindämmung verschont. Insgesamt schloss die Branche das Jahr 2020 mit einem leichten Rückgang grundlegender Konjunkturindikatoren ab: Sie verzeichnete real und arbeitstäglich bereinigt 1,4 Prozent weniger Auftragseingänge, der Wert produzierter Waren sank um 0,3 Prozent und die Branche erwirtschaftete 1,1 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr. Damit waren pharmazeutische Unternehmen zwar nicht im selben Maße von dem pandemiebedingten Einbruch im Frühjahr betroffen wie das gesamte Verarbeitende Gewerbe. Gleichwohl hatten sie in den ersten drei Quartalen des Jahres mit leichten Rückgängen und monatlichen Fluktuationen zu kämpfen (Kirchhoff/Schumacher, 2021).

Im vierten Quartal 2020 verbuchte die Pharmaindustrie im Vergleich zum vorherigen Quartal einen moderaten Anstieg im Auftragseingang (+0,6 Prozent), in der Produktion (+3,3 Prozent) und im Umsatz (+0,7 Prozent). Doch die Werte der Konjunkturindikatoren verblieben am Jahresende teils deutlich unterhalb denen des entsprechenden Vorjahresquartals: Die Auftragseingänge zeigten sich 1,4 Prozent niedriger, während die Produktion ein schwaches Minus von 0,6 Prozent verzeichnete. Der Rückgang des Umsatzes um 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal liegt in weiten Teilen in einem im Oktober 2019 wirkenden Sondereffekt begründet, welcher kurzfristig den Umsatz, aber eben nicht im gleichen Maße die pharmazeutischen Auftragseingänge und die Produktion ansteigen ließ. Eine Erklärung für diesen Sondereffekt könnte ein vermehrter Abverkauf von Lagerbeständen sein.

Ein detaillierter Blick auf die monatliche Entwicklung im vierten Quartal 2020 zeigt einen im Vergleich zu den Vorjahren starken Dezember, während die beiden Vormonate zum Teil deutlich hinter den entsprechenden Vorjahreswerten zurückblieben. Die Auftragseingänge lagen im Dezember 2020 11 Prozent oberhalb des Werts des Vorjahresmonats, während die Produktion um 8,7 Prozent und der Umsatz um 4,7 Prozent anzog. Die deutlichen Zuwächse im Auftragseingang und im Umsatz sind auf ein starkes Auslandsgeschäft in diesem Monat zurückzuführen, welches wiederum maßgeblich durch den Handel im europäischen Binnenmarkt getrieben wurde. So legten die Auftragseingänge aus dem EU-Ausland um 27,5 Prozent und der erwirtschaftete Umsatz um 25,8 Prozent zu. Das Inlandsgeschäft verblieb hingegen weitestgehend konstant auf dem Niveau des Vorjahresmonats.

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Die positive Entwicklung der Konjunkturindikatoren zum Ende des vierten Quartals vermag den Eindruck zu vermitteln, dass die angelaufene inländische Produktion von Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 als Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung der Branche wirken könnte. So treten der Produktions- und Umsatzanstieg im Dezember 2020 zeitgleich mit dem Beginn der Impfkampagnen in Deutschland sowie in anderen Ländern weltweit auf – verbunden mit entsprechenden Auslieferungen der Impfstoffdosen. Dies könnte auch das starke Auslandsgeschäft gerade im Dezember erklären, da ein globaler Bedarf an Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 gedeckt werden muss.

Sieht man von der anlaufenden Impfstoffproduktion ab, wirkten aber eine Reihe von Einflussfaktoren eher mindernd auf die Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten. Zum einen schützen die ergriffenen Infektionsschutzmaßnahmen gegen Sars-CoV-2 auch gegen die im Winter typischen Erkältungs- und Grippewellen, so dass die Nachfrage nach entsprechenden Arzneimitteln geringer ausgefallen sein sollte als üblich. Zum anderen ist auch die Zahl der Routinebehandlungen in den Arztpraxen und Krankenhäusern in den verschiedenen Lockdown-Phasen zurückgegangen. Die Kliniken wurden dazu angehalten, Betten für Corona-Patienten freizuhalten, so dass nicht zwingend notwendige Behandlungen verschoben wurden. Viele Patienten sahen außerdem aus Angst vor einer Ansteckung mit dem neuen Virus von einem Gang ins Krankenhaus oder zum Arzt ab (BCG, 2021). Im Umkehrschluss stärken diese Entwicklungen die These, dass die positive Tendenz der Pharmaindustrie zum Jahresende durch eine gesteigerte Impfstoffproduktion und –nachfrage getrieben sein könnte.

Der Anstieg des Auftragseingangsindexes im Dezember 2020 lässt in diesem Zusammenhang auf eine in den nächsten Monaten weiterhin positive Entwicklung der Branche am Standort hoffen; denn der Auftragseingangsindex erlaubt Rückschlüsse auf die zukünftige Produktions- und Geschäftstätigkeit und kann damit als Frühindikator zur Analyse und Prognose konjunktureller Entwicklungen in einer Branche verstanden werden.

In Summe ist der Effekt, den das Impfstoffgeschäft auf das gesamte Branchenergebnis zum Jahresende 2020 hatte und in den kommenden Monaten haben kann, schwer vorherzusehen: Die Produktion der Corona-Impfstoffe könnte sich im laufenden Jahr als Treiber der Gesamtbranche etablieren. Denn es gilt mit oberster Priorität den weltweiten Bedarf an Corona-Impfstoffen so schnell wie möglich zu decken. Allein für Deutschland werden aufgrund der bislang geschlossenen Verträge die Lieferung von über 300 Millionen Impfdosen prognostiziert (Kirchhoff, 2021), von welchen ein Teil auch in Deutschland produziert wird. Doch der Anteil humanmedizinischer Impfstoffe am inländischen Produktionswert der pharmazeutischen Industrie betrug im Jahr 2019 lediglich 2,4 Prozent. Insgesamt ist daher zwar davon auszugehen, dass sich der Start der Impfkampagnen in den Produktions- und Umsatzzahlen der deutschen Pharmaindustrie positiv niederschlagen wird (Kirchhoff/Schumacher, 2021), aber in welchem Umfang sich der Effekt auf das gesamte Branchenergebnis niederschlagen wird, ist noch nicht absehbar.

Neben der Impfstoffproduktion werden im laufenden Jahr weitere Faktoren positiv auf die Branchenentwicklung wirken. So wird mit einer Stabilisierung der Pandemiesituation auch eine Normalisierung der Anzahl der Routinebehandlungen in den Arztpraxen und Krankenhäusern erwartet. Zudem verlieren im Jahr 2021 verhältnismäßig wenige Arzneimittel ihren Patentschutz (EvaluatePharma, 2020); Umsatzeinbrüche aufgrund auslaufender Patente fallen damit voraussichtlich im laufenden Jahr geringer aus als in den Jahren zuvor. Auch die weiterhin gute Innovationsbilanz der pharmazeutischen Unternehmen kann sich positiv auf das Branchenergebnis auswirken. Insgesamt sprechen diese Faktoren im laufenden Jahr dafür, dass die Branche nach einer schwächeren Phase im vergangenen Jahr auf einen stabilen Wachstumspfad zurückfinden wird. Allerdings darf eine Corona-bedingte Branchenkonjunktur nicht von der Frage ablenken, wie der Pharmastandort Deutschland mittelfristig entwickelt und gestärkt werden kann. Denn in der Krise zeichnet sich auch ab, dass der Biotechnologie eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der Pharmabranche weit über die Pandemie hinaus zukommt.

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