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Roschan Monsef IW-Kurzbericht Nr. 69 19. September 2023 Arbeitskräftefluktuation – Corona-Tief überwunden, neue Rezessionssorgen spürbar

Die Arbeitskräftefluktuation lag im Jahr 2022 bei 33 Prozent und somit wieder auf Vorkrisenniveau. Das letzte Quartal des vergangenen Jahres deutet jedoch darauf hin, dass eine erneut schwächelnde Konjunktur sich zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht.

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Arbeitskräftefluktuation – Corona-Tief überwunden, neue Rezessionssorgen spürbar
Roschan Monsef IW-Kurzbericht Nr. 69 19. September 2023

Arbeitskräftefluktuation – Corona-Tief überwunden, neue Rezessionssorgen spürbar

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Arbeitskräftefluktuation lag im Jahr 2022 bei 33 Prozent und somit wieder auf Vorkrisenniveau. Das letzte Quartal des vergangenen Jahres deutet jedoch darauf hin, dass eine erneut schwächelnde Konjunktur sich zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht.

Die Bewegungen von Arbeitskräften zwischen verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen, Unternehmen und Branchen bilden ein wesentliches Element von Arbeitsmärkten und spiegeln die Dynamik von wirtschaftlichen Aktivitäten wider. Die Arbeitskräftefluktuation, die den Eintritt von Neuzugängen in den Arbeitsmarkt, den Austritt von Arbeitskräften sowie den Wechsel zwischen Arbeitsplätzen umfasst, steht sinnbildlich für die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes an strukturelle und konjunkturelle Veränderungen.

Strukturelle Entwicklungen stehen dabei im engen Zusammenhang mit langfristigen Trends, die auf Personalbewegungen wirken können. Dazu zählen derzeit insbesondere der technologische Wandel, die Notwendigkeit einer ökologischen Transformation und zunehmend der demografische Wandel, der sich bereits heute durch einen ausgeprägten Fachkräftemangel bemerkbar macht und in den nächsten Jahren im Zuge des Renteneintritts der „Boomer-Generation“ noch stärkere Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen wird (Schäfer, 2022). Weitere Befunde deuten darauf hin, dass der Einfluss des digitalen und ökologischen Wandels auf der Arbeitsmarktebene noch ausbleibt (Bolwin et al., 2022). Auf Unternehmensebene dagegen geht die verstärkte Durchführung von wertschöpfungsrelevanten Umweltschutzmaßnahmen im Mittel mit einem höheren Personalaustausch einher, insbesondere dann, wenn das ökologische Engagement mit der Einführung digitaler Technologien zusammenläuft (Monsef/Stettes, 2023).

Trotz dieser großen Veränderungsprozesse lag die Fluktuationsrate bis zum Beginn der Corona-Pandemie über zehn Jahre mit kleinen Abweichungen auf einem ähnlichen Niveau (Hammermann et al., 2022). Ob die Auswirkungen der anstehenden Transformationen auf den Arbeitsmarkt und den Austausch des Personals in den kommenden Jahren zunehmen, bleibt im Hinblick auf KI-getriebene Innovationen, einem höheren Tempo der Dekarbonisierung und der demografischen Alterung abzuwarten und ist nicht auszuschließen.

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Deutlich unmittelbarer sind die Folgen konjunktureller Schwankungen auf die Arbeitskräftebewegungen zu beobachten. Demnach ist die jährliche Fluktuationsrate (vgl. Hinweis zur Berechnung) infolge der Corona-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Auswirkungen im Jahr 2020 auf unter 30 Prozent zurückgegangen. Wenngleich der Einbruch ausgehend von heterogenen Ausgangsniveaus in seiner Größenordnung zwischen den Beschäftigtengruppen variierte, war er sowohl für Männer und Frauen, für verschiedene Altersgruppen sowie für Beschäftigte mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen spürbar (Schmidt, 2021). 

Wird die Veränderung der Fluktuation und des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zusammen ausgewiesen, zeigt sich der konjunkturelle Effekt noch deutlicher (Abbildung). Der Vergleich der beiden Kennzahlen zum Vorjahresquartal zeigt auf, dass sie mit wenigen Ausnahmen in die gleiche Richtung verlaufen. Das bedeutet in der Regel: Eine wachsende Wirtschaft geht mit einem höheren Personalaustausch einher, eine Rezession fällt dagegen mit einem Rücklauf der Arbeitskräftebewegungen zusammen. Einen Beleg liefert dabei der Einbruch während bzw. das Wachstum nach der Pandemie. In einem von hoher Unsicherheit geprägtem wirtschaftlichen Umfeld war ab dem zweiten Quartal des Jahres 2020 für Fluktuation und BIP ein Rückgang zu verzeichnen. Die enorme Ungewissheit, die das Corona-Virus auslöste, übertrug sich schlagartig auf die Situation am Arbeitsmarkt und hatte den größten beobachteten Einbruch zur Folge. Die Fluktuation reduzierte sich um über 20 Prozent, während die Wirtschaftsleistung um über 10 Prozent schrumpfte. 

Die Erholung der deutschen Wirtschaft ging mit einer Zunahme der Fluktuationsrate einher. Sowohl Zugänge und Abgänge erreichten im ersten Halbjahr des Jahres 2022 wieder das Vorkrisenniveau. Die konjunkturellen Schwankungen beeinflussen die Arbeitskräftebewegungen demnach über zwei Kanäle: In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums steigt oft die Nachfrage nach Arbeitskräften, da Unternehmen ihre Produktion ausweiten und neue Projekte starten. Dies führt zu einem Anstieg der Arbeitsplatzangebote und ermöglicht Arbeitnehmern eine größere Auswahl an Beschäftigungsmöglichkeiten. In Phasen wirtschaftlicher Abschwächung hingegen zögern Arbeitgeber mit Neueinstellungen und schreiben dementsprechend auch weniger Stellen aus. Aus Arbeitnehmersicht gehen Hochkonjunkturphasen oft mit besseren Chancen einher, Arbeitsplätze mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen zu finden. Dies kann zu einer erhöhten Bereitschaft führen, den aktuellen Arbeitsplatz zu verlassen, um von den günstigeren Bedingungen zu profitieren. In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten hingegen könnten Arbeitnehmer eher geneigt sein, an ihrem aktuellen Arbeitsplatz festzuhalten, um Unsicherheit zu vermeiden.

Dass insbesondere das Verhalten der Arbeitnehmer eine wesentliche Rolle beim Ausmaß der Personalbewegungen spielt, hatte auch während der Pandemie Bestand. Demnach war die Kündigung seitens der Arbeitnehmer mit über 30 Prozent auch im Jahr 2020 der wichtigste Grund für die Beendigung von Beschäftigungsverhältnissen. Jedoch lag dieser Anteil im Jahr zuvor und im Jahr danach bei über 40 Prozent (Dettmann et al., 2021; Bennewitz, 2022). Die betriebsbedingten Kündigungen blieben dagegen von 2019 bis 2021 auf einem ähnlichen Niveau. Anders als in den USA konnte in Deutschland kein „Big Quit“ beobachtet werden, was auch seinen Einfluss darauf haben dürfte, dass die Fluktuation rückläufig war (Weber/Röttger, 2022).

Ein Blick an den aktuellen Rand unterstreicht die während und nach der Pandemie beobachteten Befunde einmal mehr: Eine im Vergleich zum Vorjahr schwache Wachstumsrate des BIPs von 0,2 Prozent für das vierte Quartal des Jahres 2022 fällt wiederum mit einer Stagnation der Fluktuation zusammen. Als Folge einer anhaltenden wirtschaftlichen Flaute wäre für das Jahr 2023 erneut mit sinkenden Personalbewegungen zu rechnen. 

Hinweis zur Berechnung der Fluktuationsrate: Die Fluktuationsrate wird in Anlehnung an BA (2021) berechnet und ergibt sich aus der hälftigen Summe von begonnenen und beendeten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen einer Periode bezogen auf den Beschäftigtenbestand (hälftiger Anfangs- und Endbestand).

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