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Michael Hüther / Malte Küper / Thilo Schaefer IW-Policy Paper Nr. 5 30. Mai 2023 Zukunft Erdgas: Wie viel brauchen wir noch und was kommt dann?

Erdgas ist für Deutschland in den letzten drei Dekaden immer wichtiger geworden, sei es für das Heizen von Gebäuden, die Bereitstellung von Prozesswärme in der Industrie oder die Stromerzeugung. Dabei ist die Importabhängigkeit bei Erdgas in den vergangenen Jahrzehnten auf fast 100 Prozent angestiegen, wobei der größte Teil der Importe aus Russland kam.

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Wie viel brauchen wir noch und was kommt dann?
Michael Hüther / Malte Küper / Thilo Schaefer IW-Policy Paper Nr. 5 30. Mai 2023

Zukunft Erdgas: Wie viel brauchen wir noch und was kommt dann?

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Erdgas ist für Deutschland in den letzten drei Dekaden immer wichtiger geworden, sei es für das Heizen von Gebäuden, die Bereitstellung von Prozesswärme in der Industrie oder die Stromerzeugung. Dabei ist die Importabhängigkeit bei Erdgas in den vergangenen Jahrzehnten auf fast 100 Prozent angestiegen, wobei der größte Teil der Importe aus Russland kam.

Dementsprechend schwer wurde die deutsche Energieversorgung im vergangenen Jahr durch den Ausfall seines größten Gaslieferanten getroffen.  Ein Teil davon kann inzwischen durch den vermehrten Import von Flüssiggas kompensiert werden. Vor allem die USA schickten LNG-Tanker in Richtung Europa. Die geringere LNG-Nachfrage aus China, dem größten LNG-Käufer, kam aus EU-Sicht zur richtigen Zeit und schaffte auf dem Weltmarkt die freien Kapazitäten, die in Europa dringend benötigt wurden. Damit trug LNG ebenso wie die Gaseinsparungen von Haushalten und Industrie sowie zusätzliche Pipelineimporte aus Norwegen ganz entscheidend zur Sicherung der Versorgungslage bei. Deutschland, das erst seit Ende letzten Jahres ein eigenes LNG-Terminal betreibt, profitierte 2022 von LNG-Terminals in Belgien und den Niederlanden. Bis Sommer 2024 werden an der deutschen Nord- und Ostseeküste weitere schwimmende LNG-Terminals entstehen und schrittweise die Gasversorgung in Deutschland sicherstellen.

Während die Sorgen vor leeren Gasspeichern und kalten Wohnungen für den kommenden Winter noch bestehen, zeichnet sich schon jetzt ein dauerhaft höheres Preisniveau für Erdgas in Deutschland ab, wenn im Vergleich zu den großen Preissprüngen im Herbst 2022 eine Entspannung eingesetzt hat. LNG ist im Schnitt der letzten Jahre teurer als Pipelinegas und der Weltmarkt bleibt angesichts der hohen Nachfrage insbesondere aus Asien auch in den nächsten Jahren angespannt. Absehbar ist deshalb nicht mit einer Rückkehr zu Vorkrisenpreisen zu rechnen. Dadurch bleibt die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland beeinträchtigt und die Brückentechnologie Erdgas wackelt. Der veränderte Preispfad erhöht den Transformationsdruck, den Gasverbrauch schneller als bisher vorgesehen zu reduzieren und Haushalten und Unternehmen möglichst zeitnah den Umstieg auf wettbewerbsfähige klimaneutrale Energieträger zu ermöglichen.

Die zentralen Alternativen zu Erdgas als Brückentechnologie, erneuerbarer Strom und klimaneutraler Wasserstoff, lassen jedoch auf sich warten. Der Blick auf die Ausbauzahlen der vergangenen Jahre bei der Wind- und Solarkraft zeigt, dass die Ziele bis 2030 nur durch eine bisher nicht erreichte Beschleunigung des jährlichen Zubaus zu erreichen sind. Beim Aufbau einer klimafreundlichen Wasserstoffversorgung bleibt die Erreichung der nationalen Elektrolyseziele bis 2030 ebenfalls ungewiss. Auch der Import umfangreicher Wasserstoffmengen bis 2030 gestaltet sich schwierig. Damit die Energiewende an Fahrt aufnehmen kann, sind konsequente politische Weichenstellungen notwendig. Diese dienen nicht nur dem Erreichen der Klimaziele, sondern dem zeitnahen Aufbau einer wettbewerbsfähigen, klimaneutralen Energieversorgung am Standort Deutschland. Ein „Weiter-so“ ist angesichts der deutlich verschlechterten Preislage bei fossilen Energieträgern keine Alternative, eine Übergangszeit von mehreren Jahren ohne Aussicht auf absehbar bessere Standortbedingungen für den unternehmerischen Investitionshorizont zu lang.

Die breite und kostengünstige Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und daraus erzeugter grüner Energieträger sind der Schlüssel dafür, dass die „Brücke“ Erdgas kleiner dimensioniert werden kann als bisher geplant und dadurch neben der Energie- auch die Wärme- und Verkehrswende zum Erfolg geführt werden kann. Je schneller dies gelingt, desto eher ergeben sich profitable klimafreundliche Geschäftsmodelle, die ohne staatliche Unterstützung auskommen. Bis dahin sind staatliche Mittel mit größter Priorität beim Infrastrukturausbau gefragt. Es braucht wirksame unbürokratische Förderinstrumente, anreizkompatible Regulierung, funktionsfähige Infrastrukturen sowie die politische Investition in Energiepartnerschaften, resiliente Lieferketten und die internationale Koordination der Klimapolitik.

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