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Matthias Diermeier / Henry Goecke / Faton Rushiti IW-Kurzbericht Nr. 41 22. Juni 2021 Berliner Wirtschaftskraft: resilient und sexy?

Als einzige Hauptstadt Europas hatte Berlin lange Zeit eine Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung, die teils deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt lag. Erst in den letzten Jahren änderte sich dies. Dass die Pandemie diese Entwicklung nicht wieder umgekehrt hat, ist besonders erstaunlich vor dem Hintergrund der Abhängigkeit Berlins von dem vom Lockdown gebeutelten Dienstleistungsgewerbe.

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Als einzige Hauptstadt Europas hatte Berlin lange Zeit eine Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung, die teils deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt lag. Erst in den letzten Jahren änderte sich dies. Dass die Pandemie diese Entwicklung nicht wieder umgekehrt hat, ist besonders erstaunlich vor dem Hintergrund der Abhängigkeit Berlins von dem vom Lockdown gebeutelten Dienstleistungsgewerbe.

Lange Zeit galt Berlin zwar als attraktiv und kulturell dynamisch, als wirtschaftliches Zugpferd kam die Hauptstadt hingegen nicht daher. Bei der Betrachtung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) je Einwohner sortierte sich Berlin während der vergangenen zwei Jahrzehnte unterhalb der meisten anderen Bundesländer ein. Bis zum Jahr 2017 hätte Deutschland ohne seine Hauptstadt sogar ein höheres BIP pro Kopf ausweisen können. Dieser Befund ist insbesondere im internationalen Vergleich bemerkenswert, als von den Regierungssitzen anderer Länder nicht nur die politische Macht ausgeht, sondern die Hauptstädte häufig auch als zentrale Wachstumsmotoren für die landesweite Volkswirtschaft fungieren. Stockholm, Lissabon, London, Kopenhagen oder Paris erhöhen das BIP pro Kopf ihrer Länder um teils deutlich über 10 Prozentpunkte; die Wachstumsraten liegen weit über den nationalen Durchschnitten (Diermeier, 2016; Diermeier/Goecke, 2017; 2019; 2020).

Erst in den letzten Jahren hat sich auch Berlin in die Riege der ökonomischen Zugpferde eingereiht und weist seit dem Jahr 2018 überdurchschnittliche Werte des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf aus (Statistische Ämter der Länder, 2021; Statistisches Bundesamt, 2021). Die Wachstumsraten des BIP pro Kopf liegen seit 2015 über dem Bundesdurchschnitt. Seit 2018 entwickelt sich die Berliner Wirtschaft im Vergleich sogar besonders dynamisch. Die Abbildung veranschaulicht dies.

Während die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung in Berlin in den 2000er Jahren teils knapp zehn Prozentpunkte unterhalb des Bundesdurchschnitts gelegen hat, holt die Hauptstadt spätestens seit 2015 rasant auf. Im Jahr 2020 liegt das durchschnittliche BIP pro Kopf schließlich mit über 42.000 Euro über 5 Prozent höher als im Rest der Republik. Für denselben Zeitraum zeigt sich auch im Vergleich von Berlin mit den ökonomisch stärksten deutschen Bundesländern eine interessante Entwicklung. Mit Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg und Hessen weisen aktuell nur fünf weitere Bundesländer ein überdurchschnittliches BIP pro Kopf auf. In den letzten Jahren konnte Berlin den Abstand zu dieser ökonomischen Spitzengruppe stark verringern. Während die Differenz 2014 noch jährlich 11.600 Euro pro Kopf betragen hat, liegt Berlin 2020 nur noch rund 7.200 Euro hinter der Spitzengruppe.

Die Berliner Erfolgsstory setzt sich auch im Corona-Jahr 2020 fort: In der genannten Spitzengruppe liegt der Einbruch des BIP pro Kopf jeweils mit einem Minus von über 4 Prozent über dem deutschlandweiten Einbruch von 3,4 Prozent. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung eines durchschnittlichen Berliners hingegen beläuft sich auf lediglich 1,4 Prozent.

 

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Diese Entwicklung darf durchaus verwundern, erscheint die deutsche Hauptstadt doch insbesondere mit Blick auf die hohe Bedeutung des Dienstleistungssektors als hart vom Lockdown getroffen. Während deutschlandweit rund 70 Prozent der Bruttowertschöpfung auf das Dienstleistungsgewerbe zurückgehen, ist dieser Sektor in Berlin für rund 86 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Erstaunlicherweise fällt der Rückgang der Wirtschaftsleistung in Berlin im Dritten Sektor mit nominal lediglich 1,4 Prozent vergleichsweise milde aus. Zwar treten in Hotellerie und Gastgewerbe aufgrund der Arbeitsverbote empfindliche Verluste auf, sonderlich ins Gewicht fallen die Beherbergungs- und Gastronomiedienstleistungen mit einem Anteil von 2,5 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung aber nicht.

Bei einem genaueren Blick in die Wirtschaftsstruktur zeigt sich, dass die Wertschöpfung im Produzierenden Gewerbe stabilisierend gewirkt hat. Entgegen der negativen Entwicklung in den anderen Bundesländern kann die Bruttowertschöpfung dieses Sektors aufgrund der starken Entwicklung der Bauwirtschaft in Berlin mit nominal 1,5 Prozent im Jahr 2020 sogar zulegen und damit positiv in die heruntergefahrene Hauptstadt hineinwirken (Statistische Ämter der Länder, 2021). Der Wachstumseinbruch im Verarbeitenden Gewerbe in den Jahren 2019 und 2020 deutet hingegen darauf hin, dass sich die Spillover-Effekte in der Industrie rund um die Ansiedlung der Tesla „Gigafactory“ im nahgelegenen Grünheide (Brandenburg) noch gar nicht eingestellt haben.

Zwar erscheint es weiterhin unwahrscheinlich, dass sich die deutsche Hauptstadt zu einem ähnlichen ökonomischen Schwergewicht entwickelt, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Dass Berlin aber relativ stabil durch Krise gerutscht zu sein scheint, darf durchaus aufhorchen lassen. Der lange prägende Slogan „arm aber sexy“ wirkt jedenfalls zunehmend aus der Zeit gefallen.

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