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IW-Policy Paper Nr. 3 2. März 2026 Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Benedikt D. S. Kapteina* / Markus Scholz* CEO-Aktivismus zum Schutz der liberalen Demokratie: Eine empirische Vermessung von Wahrnehmung und Wirkung

Einige Geschäftsführer deutscher Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren öffentlich gegen die AfD positioniert. Dabei verweisen sie entweder auf Risiken für die freiheitlich-demokratische Grundordnung oder auf potenzielle wirtschaftliche Schäden für das eigene Unternehmen.

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Eine empirische Vermessung von Wahrnehmung und Wirkung
IW-Policy Paper Nr. 3 2. März 2026 Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Benedikt D. S. Kapteina* / Markus Scholz*

CEO-Aktivismus zum Schutz der liberalen Demokratie: Eine empirische Vermessung von Wahrnehmung und Wirkung

Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Benedikt D. S. Kapteina* / Markus Scholz* Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Einige Geschäftsführer deutscher Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren öffentlich gegen die AfD positioniert. Dabei verweisen sie entweder auf Risiken für die freiheitlich-demokratische Grundordnung oder auf potenzielle wirtschaftliche Schäden für das eigene Unternehmen.

Unklar bleibt bisher jedoch, wie solche Positionierungen in der Bevölkerung wahrgenommen werden und welche Wirkungen sie entfalten. Die vorliegende Studie untersucht daher systematisch Wahrnehmungs-, Legitimitäts- und Bewertungseffekte solcher CEO-Positionierungen.

Die eigens konzipierte Befragung zeigt, dass beide von Geschäftsführern vorgetragene Argumente jeweils in einem Drittel der Bevölkerung Gehör gefunden haben – fast jeder sechste hält eine entsprechende CEO-Positionierung für legitim. Grundsätzlich sieht die Bevölkerung in Deutschland den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik aber kritisch. Nur rund jeder vierte Befragte hat Vertrauen, dass Unternehmen verantwortungsvoll im Interesse der Gesellschaft handeln.

Auffällig ist eine politisch differenzierte Wahrnehmung. AfD-Anhänger weisen ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber etablierten politischen Akteuren auf, bringen Unternehmen jedoch relativ mehr Vertrauen entgegen als Anhänger von Parteien links der Mitte. Daraus ergibt sich ein möglicher, jedoch begrenzter Resonanzraum zwischen Wirtschaftsakteuren und Teilen dieser Wählerschaft.

Tatsächlich nehmen die Rechtsaußen-Unterstützer die Positionierungen gegen „ihre“ Partei überdurchschnittlich häufig wahr. Allerdings halten nur etwas mehr als ein Fünftel der AfD-Parteianhänger die öffentliche Kritik durch Geschäftsführer für legitim. Gleichzeitig führt öffentliche Kritik an der AfD vonseiten der Unternehmensvertreter nicht dazu, dass sich die Parteigänger von ihr abwenden. Vielmehr lassen sich Backlash-Effekte nachweisen: Werden AfD-Sympathisanten mit der AfD-Kritik von Geschäftsführern konfrontiert, sinkt das Vertrauen in das entsprechende Unternehmen. Zudem verstärkt sich teilweise die Nähe zwischen Partei und Anhängerschaft – und das unabhängig davon, wie die Kritik der CEOs an der Partei formuliert ist. Im AfD-Lager zeigt sich eine Reaktionslogik, die Kritik externer Akteure eher als gruppenbezogenen Angriff interpretiert.

Im Gegensatz dazu betrachten die Anhängerschaften der Linken oder der Grünen den Einfluss von Wirtschaft auf Politik mehrheitlich kritisch und halten es gerade einmal zu knapp 55,1 Prozent respektive 63,2 Prozent für legitim, wenn sich ein Geschäftsführer in der Öffentlichkeit für (beispielsweise) niedrigere Steuern und Abgaben ausspricht – deutlich höher fällt hingegen der Anteil aus, der eine Geschäftsführer-Kritik an der AfD als legitim bewertet. Werden sie darauf hingewiesen, dass sich Geschäftsführer gegen die AfD positioniert haben, steigt zudem das Vertrauen in ein verantwortungsvolles Handeln des entsprechenden Unternehmens. Die Bewertung gesellschaftlicher Positionierungen von Geschäftsführern in diesen Milieus folgt erkennbar einer kontextabhängigen Allianzlogik („der Feind meines Feindes ist mein Freund“).

Die hier diagnostizierte begrenzte Überzeugungswirkung von CEO-Positionierungen macht diese allerdings weder illegitim noch entbehrlich. Die empirischen Befunde verschieben den Fokus unternehmerischer Verantwortung vielmehr vom “ob” zum “wie” eines strategisch klug ausgestalteten Engagements für den Schutz der liberalen Demokratie. Unternehmen verfügen über ein breites Spektrum direkter und indirekter Handlungsformen, mit denen sie dieser Verantwortung sowohl individuell als auch kollektiv und in Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren nachkommen können (siehe Diskussion).

Für die Managementpraxis folgt daraus (1) die Notwendigkeit einer langfristig angelegten strategischen Planung ihres politischen Engagements. Entscheidend ist weniger die Optimierung einzelner öffentlicher Stellungnahmen, als vielmehr der Aufbau eines konsistenten Portfolios unterschiedlicher direkter und indirekter Engagementformen, das auf die jeweiligen Kontextbedingungen abgestimmt ist und dessen Wirksamkeit regelmäßig überprüft wird.

Zugleich spricht vieles dafür, (2) politisches Engagement nicht primär an situative Interventionen oder an einzelne Führungspersonen zu binden, sondern in einem kohärenten Wertekompass zu verankern. Ein explizites Bekenntnis zu liberal-demokratischen Grundwerten und grundlegenden Menschenrechten erhöht die Konsistenz und Kohärenz unternehmerischen Handelns und schafft Verlässlichkeit auch unter veränderten politischen Rahmenbedingungen.

Unternehmen sollten (3) auch weiterhin ihre legitime Rolle im öffentlichen Diskurs wahrnehmen, wirtschaftspolitische Kritik jedoch maßvoll, sachlich und verantwortungsbewusst formulieren. Zugespitzte oder delegitimierende Kritik birgt das Risiko unbeabsichtigter Polarisierungs- und Mobilisierungseffekte und kann politische Ränder indirekt stärken. Vor diesem Hintergrund empfiehlt sich eine konstruktive, lösungsorientierte Kritik, die Reformbedarf klar benennt, ohne demokratische Institutionen oder Akteure pauschal infrage zu stellen.

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