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Jürgen Matthes in Makronom Externe Veröffentlichung 24. Mai 2023 Deglobalisierungs-Debatte: Was eine veränderte Globalisierung für das deutsche Exportmodell bedeutet

Die Globalisierung wird trotz Corona-Pandemie und Zeitenwende nicht aufhören – aber sie wird sich verändern. Das bekommt auch die deutsche Wirtschaft zu spüren, schreibt IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes in einem Gastbeitrag für Makronom.

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Was eine veränderte Globalisierung für das deutsche Exportmodell bedeutet
Jürgen Matthes in Makronom Externe Veröffentlichung 24. Mai 2023

Deglobalisierungs-Debatte: Was eine veränderte Globalisierung für das deutsche Exportmodell bedeutet

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Globalisierung wird trotz Corona-Pandemie und Zeitenwende nicht aufhören – aber sie wird sich verändern. Das bekommt auch die deutsche Wirtschaft zu spüren, schreibt IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes in einem Gastbeitrag für Makronom.

Die Corona-Krise und vielfältige Lieferkettenprobleme in der Folge haben deutlich vor Augen geführt, dass internationale Verflechtungen nicht nur vorteilhaft sind, sondern auch anfällig machen. Das gilt vor allem, wenn Unternehmen auf einzelne Lieferanten fokussieren, die kurzfristig nicht oder nur sehr schwer ersetzbar sind. Auch nach der russischen Invasion der Ukraine kam es zu weiteren Engpässen, nicht nur bei der Gasversorgung, sondern auch bei einigen Rohstoffen bis hin zu Kabelbäumen für Autos, die wegen der Kriegshandlungen zeitweilig nicht mehr in der Ukraine produziert werden konnten. Daher haben viele Firmen begonnen, ihre Lieferketten umzustellen und mehr Sicherheitspuffer einzubauen (Aksoy et al., 2022). Das hat Auswirkungen auf die Form der Globalisierung.

Die von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende hat Implikationen für die internationale Arbeitsteilung. Russlands hat die Ukraine überfallen, obwohl auch der russischen Wirtschaft dabei erhebliche Schäden drohen (Matthes, 2022). Das zeigt: Politik ist hier offensichtlich wichtiger als Ökonomie.

Lange ging man davon aus, dass intensive Handelsverflechtungen einen ausreichenden Anreiz darstellen, politische Konflikte nicht militärisch, sondern diplomatisch zu lösen. Zunehmende autokratische Tendenzen in vielen Ländern sowie drohende geopolitische Konflikte und vor allem der heraufziehende Hegemonialkonflikt zwischen den USA und China erhöhen die Gefahr, dass sich politische Ideologien und Ziele immer öfter gegen ökonomische Erwägungen durchsetzen, auch wenn damit wirtschaftliche Schäden für die eigene Bevölkerung drohen. Es herrscht sogar die Sorge, dass es global zu einer Blockbildung zwischen Autokratien um China und Russland und dem demokratisch-marktwirtschaftlichen Westen kommt.

Die Zeitenwende könnte bedeuten, dass ökonomische Abhängigkeiten im Konfliktfall dem Gegner sogar den Hebel bieten, der deutschen Wirtschaft Schaden zuzufügen. Im Englischen spricht man von „weaponised interdependence“. Vor allem die Abhängigkeiten von China als sehr großem Land und zentralem Player auf dem Weltmarkt sind hier im Fokus. Wenn hier ein Umdenken stattfindet und westliche Staaten diese Abhängigkeiten deutlich verringerten, würde das die Struktur der Globalisierung ändern.

All dies hat potenziell auch relevante Auswirkungen auf das deutsche Exportmodell, da die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich überdurchschnittlich offen ist und relativ hohe Exporte und Importe relativ zur Wirtschaftsleistung aufweist (Matthes, 2021).

Ein differenzierter Blick auf Slowbalisation und Deglobalisierung

Die Globalisierung war schon vor der Corona-Krise und der Zeitenwende erschöpft (Hüther et al., 2021). Bis zur globalen Finanzmarktkrise war der Welthandel fast jedes Jahr deutlich schneller gewachsen als die Weltwirtschaftsleistung, die Globalisierung schritt also kräftig weiter voran. Doch seit Anfang der 2010er Jahre ging es mit der internationalen Handelsintegration im Warenhandel nicht recht weiter. Der Welthandel wuchs in mehreren Jahren langsamer oder kaum schneller als die Weltwirtschaftsleistung. Im Ergebnis ist die Handelsoffenheit im globalen Warenhandel (Anteil von Exporten und Importen an der Wirtschaftsleistung) nach einem deutlichen Anstieg seit den 1980er Jahren seit 2008 rückläufig (Baldwin, 2022a; IMF, 2023a). Die Zeitschrift The Economist hat dafür den Begriff Slowbalisation geprägt (The Economist, 2019).

Das Bild ist jedoch differenzierter (Antras, 2020; Baldwin, 2022 a,b,c; Evenett, 2022):

  • Zwar sinkt die globale Warenhandelsquote – auch bei großen Ländern wie den USA, China und Japan, allerdings seit unterschiedlichen Zeitpunkten (Baldwin, 2022a).
  • Und auch die globalen Direktinvestitionsströme sind in absoluten Werten laut Angaben von UNCTAD sogar geringer als am Höhepunkt 2015. Sie halten – trotz starker jährlicher Schwankungen – im Trend nicht mit der globalen Wirtschaftsleistung mit (Evenett, 2022).
  • Doch wächst der globale Handel mit Dienstleistungen dynamisch, und das auch in Relation zur Weltwirtschaftsleistung (Baldwin, 2022b).
  • Zudem ist die Warenhandelsquote der EU im Trend zwischen 2008 und 2020 nicht zurückgegangen, zwar leicht in Deutschland und Frankreich, aber nicht in Italien, Spanien und den Niederlanden.
  • Schließlich ist die Bedeutung des Vorleistungshandels zwar in globaler Perspektive anhand verschiedener relevanter Indikatoren klar rückläufig (Fritsch/Matthes, 2022; Baldwin 2022c). Doch hier ist zwischen Export- und Importseite zu differenzieren. Der Anteil des Handels mit Vorleistungsgütern am gesamten Warenhandel sank zwar importseitig bei drei der vier größten Handelspartner (USA, EU, Japan) bis 2018, während er in China stagnierte. Auf der Exportseite ist dieser Anteil aber gestiegen (USA) oder unter Schwankungen in etwa konstant (EU, China, Japan).

Bei dem teils auch populistisch überhöhten Begriff der Deglobalisierung (Bloomberg, 2020; Foroohar, 2022) ist also Zurückhaltung angebracht und die Entwicklung der Globalisierung muss differenzierter betrachtet werden.
Auch immer wieder auftretende Krisen haben die Globalisierung verlangsamt. Nach der globalen Finanzmarktkrise kam die Euro-Schuldenkrise, die Krim-Invasionssanktionen gegen Russland, das Brexit-Referendum und schließlich der Protektionismus der Trump-Administration. Das deutsche Exportmodell hat diese Krisen – bis hin zur Corona-Krise – letztlich erstaunlich gut weggesteckt. Doch die Wachstumsraten der deutschen Exporte waren in den 2010er Jahren deutlich niedriger als in den 2000er Jahren (Matthes, 2021).

Diversifizierung oder Rückverlagerung?

Die Corona-Krise und die Zeitenwende nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine wirken als weitere Belastungsfaktoren. Denn beide Krisen haben gezeigt, dass internationale Integration auch Abhängigkeiten schafft. Tatsächlich zeigt eine Studie, dass die globale Wirtschaft eng verflochten ist: Jede Weltregion ist mindestens zu einem Viertel mit Blick auf wichtige Produkte auf eine andere Region angewiesen (McKinsey, 2023).

Die Globalisierung wird sich durch die aktuellen Entwicklungen verändern. Es wird aber vermutlich weniger zu einer De-Globalisierung kommen als vielmehr zu einer anderen Form der Globalisierung, wenn der Handel diversifiziert wird. Diversifizierung bedeutet nicht unbedingt weniger Handel, wenn sie nicht zu einem Reshoring nach Deutschland führt, was bislang nur sehr selten der Fall war (Kolev/Obst, 2022). Allerdings scheint die Rückverlagerung laut Umfragen zuletzt etwas zugenommen zu haben (Aksoy et al., 2022). Die gleiche Umfrage zeigt, dass rund zwei Drittel der deutschen Industrie-Unternehmen ihre Lieferstrukturen stärker diversifiziert haben. Es werden also wahrscheinlich mehr Partner in die globalen Handelsstrukturen eingebunden. Das kann auch eine gute Nachricht sein.

Neue Strukturen im Welthandel

Ein klar sichtbarer Trend im internationalen Handel ist beispielsweise die Umorientierung Russlands weg von Europa hin nach Asien und vor allem nach China. Diese Entwicklung hat bereits nach der Krim-Annexion und den westlichen Sanktionen begonnen und setzt sich seit der Ukraine-Invasion und den gegenseitigen Sanktionen mit zusätzlichem Schwung weiter fort.

Zudem zeichnet sich ab, dass die Rolle Chinas im Welthandelssystem abnehmen oder zumindest nicht mehr so stark weiter wachsen könnte. Dafür sprechen mehrere Gründe:

  • So will sich China mittelfristig stärker unabhängig von Importen machen und bewegt sich im Rahmen der Dual-Circulation-Strategie und der Made-in-China-2025-Strategie stärker in Richtung Autarkie. Damit setzt sich ein Trend fort, bei dem China schon in der jüngeren Vergangenheit zunehmend Vorleistungen selbst herstellt, statt sie wie zuvor zu importieren (IMF, 2023).
  • Zudem sehen die EU, die USA und weitere westliche Staaten zunehmend kritisch auf die entstandenen wirtschaftlichen Abhängigkeiten von China.

Zwar bestehen auf gesamtwirtschaftlicher Ebene mit Blick auf aggregierte Handelsdaten keine hohen europäischen Abhängigkeiten von China (Matthes, 2022). Selbst in Deutschland sind schätzungsweise nur rund 3% der Arbeitsplätze direkt und indirekt vom Export nach China abhängig. Auch die meisten deutschen Industriebranchen sind bei Importen und Exporten von Vorleistungen auf aggregierter Ebene nur in sehr überschaubarem Maße auf China angewiesen (Busch et al., 2023). Doch auf der Ebene einzelner Produktgruppen sind teilweise große Abhängigkeiten zu verzeichnen (Sandkamp et al., 2022).

In den USA ist das Bestreben, kritische Abhängigkeiten gegenüber China abzubauen, besonders ausgeprägt. Wenig andere Themen sind zwischen Demokraten und Republikanern so konsensfähig wie eine härtere Haltung gegenüber China und eine Verringerung von einseitigen Abhängigkeiten. Verschiedene Gesetzesinitiativen zielen mit Nachdruck in diese Richtung, vor allem der Chips and Science Act und der Inflation Reduction Act. Zudem haben die USA umfassende Maßnahmen gegen einen Technologietransfer besonders im Halbleitersektor gegen China implementiert und üben Druck auch auf die EU aus, sich hier anzuschließen.

Auch in der EU selbst gibt es Bestrebungen, kritische Abhängigkeiten von China zu reduzieren. Dazu hat die EU-Kommission bereits 2021 strategische Importabhängigkeiten von Nicht-EU-Staaten auf disaggregierter Produktebene bei 137 Importprodukten ermittelt, was rund 6% des gesamten Importwertes der EU ausmacht. Auf China entfällt mit 52% der mit Abstand größte Anteil (European Commission, 2021). Das gilt vor allem für wichtige Rohstoffe, bei denen China häufig eine dominierende Rolle für den EU-Import – und teils auch weltweit bei Produktion und Export – spielt. Der Vorschlag der Europäischen Kommission für einen Critical Raw Materials Act (European Commission, 2023) zielt auf einer Verringerungen dieser starken Abhängigkeiten und sieht sogar den Aufbau von Produktions- und Raffineriekapazitäten für Seltene Erden in Europa vor.

Gemeinsame Strategien – aber keine Blockbildung

Es zeichnen sich zudem auch gemeinsame Strategien von USA, der EU und den G7-Staaten ab, die sich direkt oder indirekt gegen zu starke Abhängigkeiten (und auch gegen Wettbewerbsverzerrungen durch China) richten. Im Umfeld des US Inflation Reduction Act ist eine Rohstoffpartnerschaft zwischen den USA und der EU avisiert. Auch im Bereich der Stahlindustrie streben USA und EU angesichts großer chinesischer Überkapazitäten eine Kooperation zur Überwindung gegenseitiger Handelsrestriktionen an, die es auch ermöglichen soll, grünen Stahl wettbewerbsfähig herzustellen. Im Rahmen des Trade and Technology Council gibt es darüber hinaus zahlreiche Arbeitsgruppen, etwa zu internationalen Produktstandards, Lieferkettenabhängigkeiten und der Koordination von Exportkontrollen sowie deren möglicher Ausweitung hin zu einer Kontrolle von Auslandsinvestitionen in China bei sensiblen und potenziell militärisch verwendbaren Hochtechnologien. Ein gemeinsames Handeln ist auch beim jüngsten G7-Gipfel in Hiroshima deutlich akzentuiert worden (MOFA, 2023). Auch diese Zusammenarbeit dürfte mittelfristig Chinas Rolle als Handelspartner für die transatlantischen Partner mindern.

Bei den globalen Direktinvestitionen internationaler Unternehmen zeigt sich ebenfalls ein Trend, der zumindest anteilsmäßig zulasten Chinas geht, auch weil Auslandsinvestitionen zunehmend in geopolitisch nahestehenden Staaten getätigt werden (IMF, 2023b). Der Exodus westlicher Firmen aus Russland ist hier offenbar nur die Spitze des Eisbergs.

Doch selbst bei einer weiteren Zuspitzung der geopolitischen Konflikte zwischen China und Russland einerseits und dem Westen andererseits erscheint eine Blockbildung wie im Kalten Krieg wenig wahrscheinlich (Economist, 2023). Denn anders als damals tendieren wichtige Schwellen- und Entwicklungsländer nicht entweder zum einen oder anderen Block. Vielmehr treten Länder wie Indien, Südafrika, Brasilien, Saudi Arabien oder die Türkei selbstbewusster auf und streben eigenständige Positionen an. Auch wenn China und die USA versuchen, diese Länder im heraufziehenden Hegemonialkonflikt auf ihre Seite zu ziehen, dürfte die Multipolarität der globalen Wirtschaftsbeziehungen, die sich inzwischen herausgebildet hat, vermutlich erhalten bleiben.

Probleme für das deutsche Exportmodell

Problematisch könnte für das deutsche Exportmodell eine weitere Entwicklung sein: Geopolitische Rivalitäten erhöhen die Unsicherheit sowie die Wahrscheinlichkeit von Handelskriegen, Protektionismus und gegenseitigen Sanktionen. Generell zeigt sich eine Zunahme der globalen Handelsbarrieren (IMF, 2023a).

Das bekommt auch die deutsche Wirtschaft zu spüren: 56% der auslandsaktiven Firmen haben im Jahr 2022 bei ihren internationalen Geschäften eine Zunahme von Handelsbarrieren feststellen müssen, ein neuer Rekordwert bei der zugrundeliegenden Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Vor allem Sanktionen spielten bei dem Zuwachs eine Rolle. Abschottungstendenzen zeigen sich auch grundsätzlich. Dabei spielen in China vor allem geostrategische Gründe und die Unabhängigkeit vom Westen eine Rolle. Aber auch verteilungspolitische Überlegungen können diese Abschottungstendenzen angetrieben haben. So wurden zum Beispiel in den USA Handelsbarrieren errichtet, um die heimische Wirtschaft zu fördern und die Verlierer der Globalisierung besserzustellen.

Diese Gemengelage erhöht für deutsche Unternehmen den Anreiz, wichtige Absatzmärkte wie die USA und China weniger mit Exporten und mehr mit Produktion vor Ort zu bedienen. Die Unternehmen springen quasi über die bestehende oder befürchtete Handelsmauer. Dieser Trend kann mittelfristig zu einer Schwächung der Produktionsbasis in Deutschland führen

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