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Judith Niehues IW-Kurzbericht Nr. 8 24. Januar 2018 Einkommen in Europa: Arm und Reich ist auch eine Frage des Maßstabs

In Deutschland gehört knapp jeder Zweite zur Einkommensmittelschicht, 16,5 Prozent der Bevölkerung gelten als von Armut bedroht. Gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard in der EU-28 halbiert sich die Quote der Armutsgefährdeten in Deutschland nahezu, über ein Drittel der Bundesbürger gehören kaufkraftbereinigt zur Gruppe der Wohlhabenden und Einkommensreichen Europas.

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Arm und Reich ist auch eine Frage des Maßstabs
Judith Niehues IW-Kurzbericht Nr. 8 24. Januar 2018

Einkommen in Europa: Arm und Reich ist auch eine Frage des Maßstabs

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In Deutschland gehört knapp jeder Zweite zur Einkommensmittelschicht, 16,5 Prozent der Bevölkerung gelten als von Armut bedroht. Gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard in der EU-28 halbiert sich die Quote der Armutsgefährdeten in Deutschland nahezu, über ein Drittel der Bundesbürger gehören kaufkraftbereinigt zur Gruppe der Wohlhabenden und Einkommensreichen Europas.

Gemäß der auf Deutschland fokussierenden Haushaltsbefragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zählt seit 2005 recht robust etwa jeder zweite Bundesbürger zur Einkommensmittelschicht im engen Sinn, zu der nach der IW-Definition Bürger mit einem Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des landesspezifischen Medianeinkommens gehören (Niehues, 2017). Mit Hilfe der europaweit durchgeführten Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions) lassen sich Einkommensschichten und Lebensstandards auch zwischen verschiedenen europäischen Staaten vergleichen. Für die Gesamtheit der EU-28-Staaten liegen zum jetzigen Zeitpunkt Daten bis zum Jahr 2015 vor, wobei sich die Einkommen - anders als die sozio-demografischen Merkmale - auf das jeweilige Vorjahr beziehen. Da hier die Einkommensverteilung im Vordergrund steht, beziehen sich alle Jahreszahlen im Beitrag auf das Jahr 2014. Darüber hinaus enthält der Datensatz vergleichbare Einkommensinformationen für die Schweiz, Island und Norwegen.

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Auch auf Basis des EU-SILC liegt die Einkommensmittelschicht Deutschlands bei knapp 50 Prozent. Ungefähr 16,5 Prozent der Bundesbürger galten gemäß der europäischen Daten im Jahr 2014 als armutsgefährdet, da sie weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hatten. Mit diesen Kenngrößen ist Deutschland zwar kein besonders egalitäres Land, aber in der Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten leben weniger Menschen in der Einkommensmittelschicht. Konventionell werden Einkommensschichten wie auch die Armutsgefährdungsquoten in Relation zum landesspezifischen Medianeinkommen definiert, welches im Einkommensjahr 2014 in Deutschland bei 1.731 Euro für einen Alleinstehenden lag, die Schwelle zur Armutsgefährdung entsprechend bei 1.039 Euro monatlich. Dem Konzept der Bedarfsgewichtung folgend liegen die Einkommensschwellen für ein Paar ohne Kinder um den Faktor 1,5 höher, für jedes Kind unter 14 Jahren im Haushalt erhöht sich dieser Faktor um 0,3. Beim Einkommenskonzept wird wie bei Verteilungskennziffern üblich auf das bedarfsgewichtete Nettoeinkommen nach Abgaben und zuzüglich monetärer Transfers zurückgegriffen, wobei unterstellte Mieten für selbstgenutztes Wohneigentum bei den Berechnungen auf Basis des EU-SILC unberücksichtigt bleiben.

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Unter den EU-28 Staaten leben in der Slowakei nach nationalem Maßstab mit knapp 59 Prozent die meisten Menschen in der relativen Einkommensmittelschicht, gefolgt von Tschechien (56,8 Prozent) und Slowenien (55,3 Prozent), die Quote der Armutsgefährdeten ist in Tschechien mit 9,8 Prozent EU-weit am niedrigsten. Entsprechend gering sind die Ungleichheitskennziffern dieser osteuropäischen Länder. Wie auch die Ungleichheitsmessung folgt die Schichtzugehörigkeit einem relativen Konzept, welches sich am mittleren Lebensstandard eines Landes orientiert. Daher kann die Zugehörigkeit zur Einkommensmittelschicht oder zu den Armutsgefährdeten innerhalb der einzelnen EU-Staaten mit sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen einhergehen. Um diese einzuordnen, reicht es jedoch nicht, einfach das Medianeinkommen oder die Armutsgefährdungsgrenzen der einzelnen Länder zu vergleichen. Denn mit 1.000 Euro kann man sich in Deutschland beispielsweise weniger Waren und Dienstleistungen kaufen als im Durchschnitt der EU-28-Staaten; in den osteuropäischen Staaten erhält man für den gleichen Eurobetrag aufgrund der niedrigeren Lebenshaltungskosten deutlich mehr. Um die Einkommen der EU-Staaten vergleichbar zu machen, werden daher die nationalen Währungen mit Hilfe von Kaufkraftparitäten in sogenannte Kaufkraftstandards (KKS) umgerechnet. Mit einem KKS kann man in allen Ländern die gleiche Menge an Waren und Dienstleistungen kaufen - ein KKS entspricht somit der durchschnittlichen Kaufkraft eines Euros in der EU-28. In Deutschland betrug die Kaufkraftparität gegenüber den übrigen EU-Staaten im Jahr 2014 rund 1,045 – demnach haben 1.000 Euro in deutschen Preisen eine durchschnittliche Kaufkraft von 957 KKS.

Mittels der Umrechnung aller Einkommen in den EU-Staaten in vergleichbare KKS lässt sich beurteilen, wie die europaweite Einkommensverteilung aussähe, wenn man die EU als ein einziges Land beziehungsweise als eine supranationale Einheit betrachtet (Brandolini, 2007). Fasst man alle individuellen Einkommen der EU-28-Staaten kaufkraftbereinigt zusammen, dann liegt das durchschnittliche Medianeinkommen bei 1.311 KKS (entsprechend 1.370 Euro in deutschen Preisen). Gemessen an diesem kaufkraftbereinigten EU-weiten Medianeinkommen würden knapp 40 Prozent der EU-Bürger zur „kaufkraftbereinigten europäischen Mittelschicht“ gehören, rund 22 Prozent der EU-Bürger gelten kaufkraftbereinigt als armutsgefährdet (Grafik).

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Im Vergleich zur nationalen Betrachtung gelten rund 20 Millionen Menschen aus reicheren Ländern nach europäischen Standards nicht mehr als armutsgefährdet. Dafür schaffen es über 45 Millionen Menschen aus den weniger wohlhabenden EU-Staaten nicht über die europaweite Armutsschwelle, die gemäß nationaler Standards nicht zur Gruppe der Armutsgefährdeten gehören würden. Der Anteil der EU-Bürger mit einem kaufkraftbereinigten Einkommen unterhalb von 60 Prozent des EU-weiten Medianeinkommens liegt somit erkennbar oberhalb des bevölkerungsgewichteten Durchschnitts der Armutsgefährdungsquoten der einzelnen EU-Staaten (17,2 Prozent). Gleiches gilt für das Ungleichheitsniveau, wenn man die EU als eine Einheit betrachtet (Salverda, 2016, Tabelle 1).

In einigen Ländern liegt das kaufkraftbereinigte Medianeinkommen sogar unterhalb der „europäischen Armutsschwelle“ von 787 Euro (Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Kroatien, Lettland, Litauen und Griechenland). In diesen Ländern lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der kaufkraftbereinigten europäischen Armutsschwelle. Aufgrund des geringen Einkommensniveaus gilt dieses in Rumänien beispielsweise sogar für rund 90 Prozent der Bevölkerung des Landes. Wegen der geringen Beobachtungszahl ist die Größe der oberen Einkommensschichten in diesen ärmeren Ländern mit recht großer statistischer Unsicherheit behaftet.

Aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards würde sich die Zahl der armutsgefährdeten Menschen in Deutschland – gemessen an der europaweiten Armutsschwelle - auf 8,4 Prozent etwa halbieren. Fast alle Bundesbürger, die gemäß nationalem Lebensstandard zur „unteren“ Mitte zählen, würden gemäß europäischen Maßstabs in die europäische Mittelschicht im engen Sinn „aufsteigen“. Mehr als ein Drittel der Bundesbürger liegt oberhalb von 150 Prozent des europäischen Medianeinkommens und zählt somit zur oberen Mitte oder den (Einkommens-)Reichen Europas. In Luxemburg, dem Land mit dem höchsten kaufkraftbereinigten Einkommen in der EU würde praktisch niemand als armutsgefährdet gelten (nach luxemburgischen Verhältnissen immerhin 15 Prozent). Über ein Viertel der Bevölkerung Luxemburgs liegt über 250 Prozent des europaweiten Medianeinkommens und gehört somit zu den Einkommensreichen Europas. Gerade die Extreme – Luxemburg und Rumänien – verdeutlichen die großen Unterschiede in den Lebensverhältnissen in Europa, die sich nur begrenzt in den landesspezifischen Einkommensverteilungen widerspiegeln.

IW-Abgrenzung der Einkommensschichten

Zur Festlegung der IW-Einkommensgrenzen wurde zunächst eine soziokulturelle Mitte definiert und dann untersucht, welche Einkommensbereiche Haushalte mit mittelschichtstypischen Bildungsabschlüssen und Berufen vorwiegend besetzen (Niehues, et al., 2013). Daraus wurden folgende Grenzen in Relation zum bedarfsgewichteten Medianeinkommen abgeleitet: ​

  • "Relativ Arme": unter 60 Prozent
  • "Untere Mitte": 60 bis 80 Prozent
  • "Mitte i.e.S.": 80 bis 150 Prozent
  • "Obere Mitte": 150 bis 250 Prozent
  • "Relativ Reiche": mehr als 250 Prozent

 

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Arm und Reich ist auch eine Frage des Maßstabs
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Judith Niehues: Einkommen in Europa – Arm und Reich ist auch eine Frage des Maßstabs

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