Strukturwandel ist ein immerwährender Prozess und an für sich nichts Neues. Die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe hat in der langfristigen Perspektive gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbeschäftigung an Bedeutung verloren.
Industrieposition der Gegenwart – Entwicklung der Industriebeschäftigung
Gutachten im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Strukturwandel ist ein immerwährender Prozess und an für sich nichts Neues. Die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe hat in der langfristigen Perspektive gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbeschäftigung an Bedeutung verloren.
Dies ist auch in den ersten fünf Jahren des hier gewählten Untersuchungszeitraums (2014 bis 2024) zu beobachten, in denen die Anzahl der Beschäftigten in der Industrie absolut noch angestiegen ist. Dieses absolute Beschäftigungswachstum bis 2019 ist für das Gros der Kreise in Deutschland zu beobachten. Sein Ausmaß korreliert positiv mit dem regionalen Gewicht der Industriebeschäftigung an der Gesamtbeschäftigung im Ausgangsjahr 2014. Zwischen 2019 und 2024 geht die Industriebeschäftigung dann im Trend zurück. Dies triff auch auf die meisten Kreise zu. Es deutet sich hier an, dass der Rückgang in den Kreisen, in denen die Industrie im Jahr 2014 ein hohes Gewicht hatte, tendenziell geringer ausfällt als in Kreisen mit einem geringen Industriegewicht. Die Analyse auf Kreisebene verdeutlich allerdings auch die Heterogenität unter den Kreisen. Einige entwickeln sich gegen den Bundestrend. Dies gilt gleichermaßen über den gesamten Untersuchungszeitraum als auch in den beiden Teilperioden (2014 bis 2019 und 2019 bis 2024).
Neben einer „Tertiarisierung der Beschäftigung“ im Verarbeitenden Gewerbe ist eine „Industrialisierung der Beschäftigung “ außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes zu beobachten. Die Beschäftigung in „industrietypischen Berufssegmenten“ außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes ist dabei in Kreisen mit viel Industriebeschäftigung nicht nur größer, sondern entwickelt sich auch positiver als in Kreisen mit einem geringen Anteil von Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe. Dies spricht für die Existenz starker regionaler Verbundeffekte. Daher bleibt abzuwarten, ob sich der Positivtrend bei der Beschäftigung in „industrietypischen Berufen“ außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes in den kommenden Jahren fortsetzt oder ob er irgendwann abbricht, falls die Negativentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe anhält.
Die Beschäftigungsentwicklung wird durch das Einstellungsverhalten der Unternehmen geprägt. Bis 2019 folgte die Anzahl der Beendigungen eng dem Anstieg bei den begonnenen Beschäftigungsverhältnissen. Ab 2019 gehen dann die Einstellungen in einem stärkeren Umfang zurück als die Beendigungen. Diese Entwicklung ist im Verarbeitende Gewerbe deutlich ausgeprägter als im Rest der Wirtschaft. Entlassungen spielen für den strukturellen Wandel am Arbeitsmarkt eher eine Nebenrolle. Dies wird bei Betrachtung des Zugangsrisikos in Arbeitslosigkeit aus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung deutlich. Es ist im Verarbeitenden Gewerbe deutlich kleiner als im Rest der Wirtschaft und blieb in den letzten zehn Jahren auch weit hinter dem Niveau zurück, das man noch in den 1970er und 1980er Jahren beobachten konnte.
Die abnehmende Dynamik der Personalbewegungen ist gleichwohl ein Warnzeichen dafür, dass Unternehmen den Industriestandort Deutschland zunehmend kritischer bewerten, seltener neue Arbeitsplätze schaffen oder freiwerdende Stellen (z. B. aufgrund des Renteneintritts oder Arbeitnehmerkündigungen) seltener wiederbesetzen als noch in den 2010er Jahren. Dies korrespondiert auch mit dem massiven Rückgang bei der Anzahl sowohl der gemeldeten Stellen als auch der Online-Stellenausschreibungen im Verarbeitenden Gewerbe am aktuellen Rand. Wechselt man von der gesamtdeutschen Perspektive auf die Ebene der einzelnen Kreise wird das Bild heterogener. Einzelne Kreise entwickeln sich gegen den Bundestrend und entsprechen auch nicht den bei einzelnen Indikatoren in den Teilzeiträumen zu beobachtenden Mustern. Dies mag zwar im Einzelfall auf Anknüpfungspunkte für eine regionale Standortpolitik hindeuten. Der größte Hebel für die Wiederbelebung der Arbeitsnachfrage im Verarbeitenden Gewerbe liegt aber in der allgemeinen Verbesserung der Attraktivität des Industriestandorts Deutschlands.
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