Im aktuellen Umfeld persistenter Niedriginflation stellt die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde die bisherige geldpolitische Strategie auf den Prüfstand. Darunter fällt eine Neubewertung der Berechnung der Inflationsrate. Ein konkreter Vorschlag kam kürzlich vom EZB-Chefvolkswirt: Wohnungsausgaben sollen in der Inflationsmessung eine größere Rolle bekommen. Schließlich kann die scheinbare Lücke, zwischen der in der Bevölkerung wahrgenommenen und der offiziell gemessenen Inflationsrate, die Kommunikation der EZB erschweren.

Gegenwärtig wird die Entwicklung der Wohnkosten in dem monatlich berechneten Konsumentenpreisindex nur durch die Mietpreisentwicklung abgebildet. Diese sind mit einem Anteil von 6,5 Prozent im repräsentativen Warenkorb in der Eurozone gewichtet (FAZ, 2020). Das klingt niedrig. Im Euroraum besitzt die deutliche Mehrheit der privaten Haushalte allerdings Wohneigentum. Es führt zu der Frage, ob die mit dem selbstgenutzten Wohneigentum in Verbindung stehenden Kosten mitberücksichtigt werden sollten. Da Wohnungsausgaben in der Regel den größten Ausgabeposten privater Haushalte ausmachen, ist die Frage des Einflusses ansteigender Wohnkosten auf die Inflationsrate relevant.

Die Problematik unterschiedlicher Wahrnehmungen zu den Preisentwicklungen wird in der Abbildung deutlich. Während sich die Immobilienpreise in Deutschland bis zur Finanzkrise im Jahr 2008 kaum verändert hatten, ist seit 2011 ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Seit 2015 findet eine Entkoppelung zwischen dem harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) einerseits und der Hauspreisentwicklung sowie der Mietentwicklung andererseits statt. Die Immobilienpreise sind seit 2005 mehr als doppelt so stark gestiegen wie die gemessene Inflationsrate.

Vorschläge zur Einbeziehung von selbstgenutztem Wohneigentum seitens der EZB gab es bereits, diese wurden aufgrund statistischer Probleme aber nicht weiterverfolgt. Zum einen liegt die Schwierigkeit darin, den konsumtiven Anteil einer selbst genutzten Immobilie adäquat herauszufiltern. Ökonomen argumentieren, dass Wohneigentum dem Vermögensaufbau dient. Somit würden steigende Immobilienpreise nicht die Wohnkosten erhöhen, sondern in erster Linie einen Anstieg der Vermögensposition bedeuten. Zum anderen gibt es ein Zeitproblem: Während die Inflationsrate monatlich gemessen wird, findet die Erfassung von Immobilienpreisen quartalsweise statt. Eine weitere statistische Herausforderung ergibt sich aus der Heterogenität der Wohnungsmärkte in Europa. Während in der Eurozone über 65 Prozent aller Haushalte Wohneigentum besitzen, sind es in Deutschland gerade etwas mehr als die Hälfte; in einzelnen Ländern liegt die Wohneigentumsquote bei über 90 Prozent. In diesen Fällen erscheint eine Einbeziehung selbstgenutzten Wohneigentums besonders relevant.