Schon vor der Corona-Krise mussten in Deutschland wieder Rückschritte bei der Bildungsgerechtigkeit verzeichnet werden. Die letzte PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen den Lesekompetenzen der Schülerinnen und Schüler und dem sozioökonomischen Hintergrund wieder zugenommen hat, nachdem es in den Jahren davor Fortschritte gab. Auch die PISA-Risikogruppe, also der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nur über sehr geringe Lesekompetenzen verfügen, ist wieder auf 20,7 Prozent im Jahr 2018 angestiegen. Jeder fünfte Neuntklässler weist demnach nur geringfügige Lesekompetenzen auf (Reiss et al., 2019).

Die Schulschließungen im Zuge der Corona-Krise dürften den Zusammenhang zwischen den Kompetenzen und dem sozioökonomischen Hintergrund der Kinder über folgende Wirkungskanäle noch verschärfen:

Keine Kompetenzförderung bei geschlossenen Kitas

Eigene Berechnungen auf der Basis des PISA-Datensatzes 2018 zeigen, dass der KITA-Besuch einen deutlich positiven Einfluss auf die PISA-Kompetenzen hat. Die frühkindliche Förderung nimmt oftmals eine kompensatorische Funktion ein, da nicht alle Kinder zu Hause in gleichem Umfang gefördert werden. Berechnungen auf der Basis des Sozio-ökonomischen Panels kommen zu dem Ergebnis, dass Mütter mit zunehmender Qualifikation ihren Kindern häufiger in deutscher Sprache Geschichten vorlesen oder erzählen (Anger/Geis, 2018). Zudem kann gezeigt werden, dass sich der Kita-Besuch positiv auf den Wortschatz der Kinder mit Migrationshintergrund auswirkt und den Förderbedarf in der deutschen Sprache verringert (Ruhose, 2013).

Eltern können unterschiedlich stark Schulbildung unterstützen

Doepke/Zilibotti (2019) zeigen eindrucksvoll, dass Eltern mit unterschiedlichen Bildungsressourcen in unterschiedlichem Zeitumfang und unterschiedlicher Qualität ihre Kinder fördern können. Diese „Erziehungslücke“ ist in den letzten Jahren in vielen Staaten gestiegen und eine zentrale Ursache für eine geringe Bildungsmobilität. Auch eigene Berechnungen mit den PISA-Daten zeigen, dass Eltern mit einem akademischen Hintergrund ihre Kinder öfter bei den Schulaufgaben unterstützen (Abbildung). Unabhängig davon, auf welcher PISA-Kompetenzstufe sich die Kinder befinden, erhalten Kinder von höher gebildeten Eltern mehr Unterstützung bei ihren Schulaufgaben. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Kinder, die täglich Fernsehen oder Videos schauen, mit steigendem Bildungshintergrund der Mütter ab (Anger/Geis, 2018). Diese Unterschiede verlangen zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit mehr institutionelle Förderung durch qualitativ hochwertige Ganztagsschulen. Durch die Schließungen der Bildungseinrichtungen entfällt die Chance, gerade die Kinder aus bildungsfernen Haushalten intensiver zu fördern.