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Hubertus Bardt IW-Kurzbericht Nr. 13 20. Februar 2019 Schrumpfender Kapitalstock energieintensiver Branchen

Die energieintensiven Industrien sind besonders von energie- und klimapolitisch motivierten Veränderungen der Standortbedingungen in Deutschland betroffen. Der systematische Rückgang des Kapitalstocks dieser Branchen seit 2002 zeigt, dass die Produktionsmöglichkeiten nicht als gesichert angesehen werden können. So ist das reale Bruttoanlagevermögen der energieintensiven Branchen seit 2010 um 8,5 Prozent oder 25 Milliarden Euro gefallen.

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Die energieintensiven Industrien sind besonders von energie- und klimapolitisch motivierten Veränderungen der Standortbedingungen in Deutschland betroffen. Der systematische Rückgang des Kapitalstocks dieser Branchen seit 2002 zeigt, dass die Produktionsmöglichkeiten nicht als gesichert angesehen werden können. So ist das reale Bruttoanlagevermögen der energieintensiven Branchen seit 2010 um 8,5 Prozent oder 25 Milliarden Euro gefallen.

Die Entwicklung energieintensiver Branchen ist in Deutschland aus verschiedenen Gründen bedeutsam. Zum einen stehen diese als Grundstoffproduzenten typischerweise am Anfang der in Deutschland vertretenen Wertschöpfungsketten und bilden damit ein Produktions- und Innovationsnetzwerk mit nachgelagerten Branchen. Zum anderen sind sie aufgrund der hohen Energieverbräuche oder Treibhausgasemissionen besonders betroffen, wenn klimapolitisch begründete Kostensteigerungen für Strom oder Kohlendioxidemissionen diskutiert oder wirksam werden. Daher ist der Blick auf die Entwicklung dieser Branchen im Vergleich zum Rest des Verarbeitendes Gewerbes gesamtwirtschaftlich relevant.

Als Indikator für die Entwicklung der Branchen vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Standortbedingungen in Deutschland und anderen Ländern kann die Investitionsdynamik verwendet werden. Analysen zeigen eine verhältnismäßig geringere Investitionstätigkeit für energieintensive Unternehmen und verschlechterte Investitionsaussichten und insbesondere Verzögerungen von Investitionen durch die Ausgestaltung der Energiepolitik in Deutschland (Bardt/Schaefer, 2017).

Auch wenn die tatsächlichen Energiestückkosten der Industrie sich zwischenzeitlich verringert hatten (Matthes et al., 2017), bleiben die tatsächlichen und möglichen spezifischen Mehrkosten doch bedeutsam. Zwar können höhere Energiekosten teilweise durch höhere Effizienz kompensiert werden. Bei neuen Investitionen ist die Effizienz aber auch in Standorten mit geringeren Energiekosten möglich, so dass der Wettbewerbsnachteil nicht verschwunden ist. Dies gilt auch für die Unternehmen, die aufgrund ihrer Energieintensität von wesentlichen Abgaben weitgehend befreit sind, aber die Rücknahme dieser Ausnahmeregelungen befürchten müssen.

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Bedeutend für die Beurteilung der Entwicklung der Produktionspotenziale der Industriebranchen ist zudem die Entwicklung des Kapitalstocks, gemessen an der Veränderung des Bruttoanlagevermögens. Im Gegensatz zu den Nettoinvestitionen, werden hier nicht die Abschreibungen, sondern die Abgänge berücksichtigt. Rechnerisch abgeschriebene Anlagen, die aber weiterhin in Nutzung und damit (potenziell) produktionswirksam sind, werden im Bruttoanlagevermögen weiterhin berücksichtigt (Grömling/Hüther/Jung, 2019). Ein Rückgang des Kapitalstocks zeigt damit klarer eine Verschlechterung der Produktionsmöglichkeiten an als es negative Nettoinvestitionen tun, sofern notwendige Instandhaltungen und Reparaturen erfolgt sind.

Das Bruttoanlagevermögen der energieintensiven Industriebranchen (Papier, Glas/Keramik, Chemie, Metallerzeugung und -verarbeitung) hat sich seit der Jahrhundertwende schwächer entwickelt als in der gesamten Industrie. Dies gilt auch, wenn man die Autoindustrie herausrechnet, die sowohl für den höchsten absoluten wie relativen Zuwachs des Kapitalstocks der Industrie verantwortlich ist. Die energieintensiven Branchen hatten seit 2002 durchweg sogar ein schrumpfendes Bruttoanlagevermögen zu verzeichnen. Dies galt sogar für den Investitionsboom im Jahr 2008. Während der Kapitalstock in der gesamten Industrie seit 2010 praktisch konstant geblieben ist, ist er in den energieintensiven Branchen um 8,5 Prozent oder 25 Milliarden Euro zurückgegangen. Seit dem Jahr 2000 kumuliert sich der Verlust sogar auf 17,7 Prozent.

Die Gründe für diesen Rückgang können vielfältig sein. Neben den hohen deutschen Energiekosten, den Sorgen um weitere Kostenentwicklungen und der prinzipiellen Unsicherheit über die Zukunft der Entlastungsregeln kommen auch der Zuwachs an Wettbewerbern, mögliche Handelsverzerrungen und die Verschiebung der Marktdynamiken nach Asien eine wichtige Rolle. Die Kapitalstockentwicklung zeigt aber, dass die Produktionsmöglichkeiten der energieintensiven Industrien sich tendenziell verkleinert haben. Wenn dieser Teil der industriellen Wertschöpfungskette in Deutschland gesichert werden soll, dürfen die für sie relevanten Standortbedingungen nicht durch energie- und klimapolitisch motivierte Belastungen weiter verschlechtert werden. Dies ist nicht zuletzt aus Gründen des Klimaschutzes wünschenswert: Eine energieintensive Grundstoffindustrie, die schrittweise klimafreundlicher wird, kann Vorbild und technische Innovation für die Produktion auch in anderen Weltregionen sein und damit einen weit größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten, als der Blick allein auf Deutschland nahelegt.

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