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Hubertus Bardt / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 57 27. August 2021 Mehrere Disruptionen zur gleichen Zeit belasten Unternehmen

Die deutsche Wirtschaft wird von einer Reihe potenziell disruptiver Veränderungen herausgefordert. Dazu gehört beispielsweise der umfassende Klimaschutz oder die Digitalisierung. Während einzelne dieser grundlegenden Veränderungen bereits alle Anstrengung erfordern, um Geschäftsmodelle anzupassen und auch zukünftig noch erfolgreich sein zu können, sehen sich viele Unternehmen mit mehreren solcher Strukturfragen gleichzeitig konfrontiert. Multiple Disruption droht vor allem in starken Branchen wie Maschinenbau/Elektroindustrie/Fahrzeugbau, der Metallerzeugung und -bearbeitung sowie der Chemie. Zur Bewältigung der Herausforderungen wünschen sich die Unternehmen mehr Investitionen der Politik in die digitale Infrastruktur, Bildung und Forschung sowie eine robustere Handelspolitik.

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Mehrere Disruptionen zur gleichen Zeit belasten Unternehmen
Hubertus Bardt / Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 57 27. August 2021

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Die deutsche Wirtschaft wird von einer Reihe potenziell disruptiver Veränderungen herausgefordert. Dazu gehört beispielsweise der umfassende Klimaschutz oder die Digitalisierung. Während einzelne dieser grundlegenden Veränderungen bereits alle Anstrengung erfordern, um Geschäftsmodelle anzupassen und auch zukünftig noch erfolgreich sein zu können, sehen sich viele Unternehmen mit mehreren solcher Strukturfragen gleichzeitig konfrontiert. Multiple Disruption droht vor allem in starken Branchen wie Maschinenbau/Elektroindustrie/Fahrzeugbau, der Metallerzeugung und -bearbeitung sowie der Chemie. Zur Bewältigung der Herausforderungen wünschen sich die Unternehmen mehr Investitionen der Politik in die digitale Infrastruktur, Bildung und Forschung sowie eine robustere Handelspolitik.

Die deutsche Volkswirtschaft sieht sich einer Reihe von grundlegenden Veränderungsprozessen ausgesetzt, die jeweils die Grundlagen bestehender Geschäftsmodelle fundamental infrage stellen. Diese Prozesse haben bereits begonnen und setzen Unternehmen unter Druck, werden sich in den nächsten Jahren aber noch weiter verstärken. Zu den wichtigsten gehören die Dekarbonisierung der Volkswirtschaften, die Digitalisierung von Prozessen und Produkten, die demografische Entwicklung mit sinkender Erwerbsbevölkerung und Engpässen bei den für die Innovationskraft besonders wichtigen MINT-Fachkräften sowie die internationalen Herausforderungen, die mit zunehmenden protektionistischen Tendenzen und dem Aufstreben Chinas als Konkurrent auf den internationalen Märkten zusammenhängen.

Jede dieser Herausforderungen hat das Potenzial, die Struktur der deutschen Volkswirtschaft zu verändern. Der Klimaschutz bedarf einer Neuaufstellung wichtiger Branchen wie der Automobilindustrie und energieintensiver Industrien. Die Digitalisierung bringt neue Wettbewerber und grundlegend veränderte wettbewerbliche Optionen mit sich. Die Demografie droht eine der Stärken Deutschlands im Standortwettbewerb, die Versorgung mit qualifizierten Mitarbeitern, systematisch zu schwächen. Protektionismus schließlich sowie die stärkere Wettbewerbsposition des staatskapitalistischen China verschlechtert die Geschäftschancen der auf internationaler Vernetzung basierten deutschen Unternehmen. All diese Effekte verlangen nach einer tiefgreifenden Neuaufstellung durch umfangreiche Investitionen und Innovationen (Bardt / Hüther / Klös, 2021).

Die Kombination verschiedener Trends, die gleichzeitig wirken, verlangt besondere Aufmerksamkeit. So bestehen für den Klimaschutz große Potenziale durch die Digitalisierung und für die Entwicklung klimaschützender Produkte werden von den Unternehmen vor allem zusätzliche IT-Kräfte benötigt. Ferner besteht ein enger Zusammenhang zwischen Klimaschutzpolitik und der Entwicklung der komparativen Vorteile der deutschen Wirtschaft. Ferner zeigt sich wiederum, dass es gerade für international tätige deutsche Unternehmen von großer Relevanz ist, wie im Ausland regulatorisch mit Digitalisierung umgegangen wird. Entwicklungen in China können dabei größere Auswirkungen auf Standortentscheidungen haben (Demary et al, 2021). Größere Herausforderungen ergeben sich vor allem dort, wo gleich eine Mehrzahl von disruptiven Entwicklungen zusammenkommt. Eine einzelne grundlegende Veränderung ermöglicht eine Fokussierung auf dieses Problem. Wenn drei oder mehr dieser potenziell disruptiv wirkenden Effekte auftreten, bewegen sich die Unternehmen in größerer Unsicherheit.

Um die Bedeutung von Unternehmen zu vermessen, die von drei oder mehr disruptiven Prozessen konfrontiert sind, werden umsatzgewichtete Umfragedaten verwendet. Legt man diese wirtschaftliche Bedeutung bei der Betrachtung der Disruptoren zugrunde, so sieht man, dass große Unternehmen tendenziell stärkeren Veränderungen unterworfen sind. 70,2 Prozent des Umsatzes von Großunternehmen entfällt auf stark betroffene Firmen. Bei allen Unternehmen sind es nur 58,7 Prozent, bei den kleinen 30,7 Prozent. Keine Relevanz haben die Disruptoren nur für Unternehmen, die 3,9 Prozent aller Umsätze auf sich vereinigen. Bei den kleinen Unternehmen sind es 11,3 Prozent.

Auch bei den Branchen gibt es Schwerpunkte der multiplen Disruption. Überdurchschnittliche Betroffenheit ist vor allem in der Gruppe aus Maschinenbau, Elektroindustrie und Fahrzeugbau (umsatzgewichtet 75,6 Prozent) sowie der Metallerzeugung und -bearbeitung (74,7 Prozent) zu verzeichnen. Bei der Chemie entfallen rund zwei Drittel des Umsatzes auf Unternehmen, die von mindestens drei Disruptoren betroffen sind. Weniger Anpassungsbedarf ist bei den unternehmensnahen Dienstleistern (27,8 Prozent des Umsatzes mehrfach betroffen), aber auch hier gibt es kaum Unternehmen, die sich nicht auf mindestens eine disruptive Veränderung einstellen müssen.

Neben Größe und Branchen stechen noch einige Eigenschaften der Unternehmen heraus, die mit drei oder mehr disruptiven Veränderungen gleichzeitig konfrontiert sind (Abbildung):

  • Unter den besonders betroffenen Unternehmen sind diejenigen mit Auslandsproduktion verantwortlich für 43,3 Prozent des Umsatzes. Bei den nicht betroffenen Unternehmen sind es nur 12,6 Prozent.
  • Die besonders betroffenen Unternehmen mit Exportgeschäft kommen auf 75,2 Prozent des Umsatzes. Die mit Exportanteilen von mindestens einem Viertel auf 53,7 Prozent. Bei den nicht von Disruption betroffenen Unternehmen sind es nur 43,7 bzw. 26,5 Prozent.
  • Die besonders betroffenen Unternehmen sind bisher erfolgreicher gewesen. 53,7 Prozent von ihnen haben positive Rendite- und Beschäftigungsentwicklungen. Bei den nicht betroffenen sind es nur 28,2 Prozent.
  • Die besonders betroffenen Unternehmen sind aktiver in Forschung und Entwicklung. Auf die Unternehmen mit kontinuierlichen F&E-Aktivitäten entfallen in der Gruppe der besonders betroffenen 62,5 Prozent des Umsatzes, bei den nicht tangierten Firmen sind es gerade einmal 32,4 Prozent.
Inhaltselement mit der ID 9814
Inhaltselement mit der ID 9815
Inhaltselement mit der ID 9817

Die hohe Innovationsaffinität der Unternehmen, die mit drei oder mehr Disruptoren gleichzeitig umgehen müssen, bildet eine gute Voraussetzung dafür, die notwendigen innovativen Schritte und Sprünge realisieren zu können. Innovation ist eine zentrale Antwort auf die Herausforderungen. Nur so können Risiken vermieden und vor allem Chancen einer sich verändernden Unternehmensumwelt genutzt werden. Hinsichtlich der ebenfalls notwendigen Investitionsfähigkeit und -bereitschaft ist das Bild zweischneidiger. Einerseits haben sich die besonders herausgeforderten Unternehmen in der Vergangenheit typischerweise erfolgreich entwickelt, gleichzeitig sind mit den energieintensiven Branchen auch solche darunter anzutreffen, die schon in den letzten Jahren eine spürbare Investitionszurückhaltung in Deutschland an den Tag gelegt haben.

Dass gerade die erfolgreichen Unternehmen der Vergangenheit besonders mit disruptiven Entwicklungen konfrontiert sind, ist zugleich eine Bedrohung für die Wohlstandsentwicklung in Deutschland. Die Automobilindustrie mit ihrer zentralen Bedeutung und der mehrfachen Herausforderung (klimaneutraler Verkehr, Digitalisierung und Zukunft des chinesischen Marktes) macht die Dimension der Aufgabe für den Wohlstand in Deutschland deutlich.

Damit die deutsche Wirtschaft die Herausforderungen meistern kann, sollte die Politik die richtigen Weichenstellungen in der Digitalisierungs-, Klima-, Forschungs-, Bildungs-, Zuwanderungs- und Handelspolitik vornehmen (Demary et al., 2021). Die befragten Unternehmen, die ein Politikfeld als besonders wichtig einstuften, wurden dabei nach konkreten Maßnahmen in den Politikfeldern befragt. Besonders häufig wurden dabei die Stärkung der digitalen Infrastruktur durch einen Netzausbau und eine Gewährleistung von stabilem und schnellem Internet genannt, gefolgt von mehr Investitionen in Bildung zur digitalen Ausstattung und Modernisierung an Schulen und Hochschulen sowie einer Förderung von MINT- und insbesondere digitaler Kompetenzen. An dritter Stelle folgt die Stärkung von Forschung und Entwicklung durch mehr finanzielle Förderung vor allem in den Feldern Digitalisierung und Klimaschutz. Etwa in gleichem Maße wird eine robustere Handels- und Investitionspolitik gegenüber China gewünscht, mit dem Ziel, Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Eine proaktive Entwicklung und Verbreitung europäischer Standards sowie eine weitere Erleichterung qualifizierter Zuwanderung sind weitere von den Unternehmen gewünschte Maßnahmen (Demary et al., 2021).

 

 

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