Gut die Hälfte der 55- bis 64-jährigen Arbeitnehmer muss sich auf große Einschränkungen im Alter einstellen, so eine Studie des DIW im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Im Schnitt fehlen ihnen künftig rund 700 Euro im Monat, um alltägliche Ausgaben wie Miete und Lebensmittel stemmen zu können. Zwar fallen im Ruhestand Kosten weg, beispielsweise weil Rentner nicht mehr zur Arbeit pendeln. Gleichzeitig können aber zusätzliche Ausgaben für Krankheit oder Pflege zu Buche schlagen. Private Renten aus Riester- oder Rürup-Verträgen schließen die drohende Versorgungslücke bislang kaum. Deshalb müsse das Rentenniveau stabilisiert werden, fordern die DIW-Autoren.

Dabei soll die gesetzliche Rente gar nicht mehr den Lebensstandard sichern. Diesen Paradigmenwechsel hat die rot-grüne Regierungskoalition bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts vollzogen. Hintergrund: Durch den demografischen Wandel wäre die finanzielle Belastung für künftige Beitragszahler zu groß geworden. Dass mit dem Wechsel in den Ruhestand also auch der Lebensstandards sinkt, künftig noch mehr als bisher, überrascht nicht, sondern folgt einem angekündigten Plan. Insgesamt liegt das Rentenniveau mit aktuell rund 48 Prozent über dem Wert, der ursprünglich für heute erwartet wurde. Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 lag das Rentenniveau bei knapp 53 Prozent, reichte also auch nicht, um den Lebensstandard allein mit der gesetzlichen Rente zu erhalten.

In der politischen Diskussion geht es aber gar nicht darum, den Lebensstandard zu sichern, sondern darum, Altersarmut zu vermeiden. Hier könnte vielleicht die Forderung nach einer politischen Kehrtwende wissenschaftlich begründet werden – allerdings beschäftigt sich die DIW-Studie gar nicht mit Armutsgefährdung.

Ein stabiles Rentenniveau würde den armutsgefährdeten Rentnern ohnehin kaum helfen, weil sich ihre Rente dadurch nicht erhöht. Stattdessen würden gut situierte Ruheständler profitieren, die gar keine Unterstützung brauchen. Und das auf Kosten der nachfolgenden Generationen: Wird das Rentenniveau angehoben, erhöhen sich zwangsläufig Beitrags- und Steuerlasten. Die jüngeren Arbeitnehmer müssten also zusätzliche Lasten schultern, obwohl sie ohnehin schon durch den demografischen Wandel stark belastet werden. Statt Mittel mit der Gießkanne zu verteilen, sind also Maßnahmen gefordert, die vor allem dort helfen, wo Armut droht.