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IW-Demografieexperte Wido Geis-Thöne
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Wido Geis-Thöne auf MDR Umschau Interview 14. September 2021

Mehr Zuwanderung als Chance für die mitteldeutsche Wirtschaft?

Deutschland überaltert. Besonders in Mitteldeutschland fehlen in Zukunft Fachkräfte. In den mitteldeutschen Ländern wäre der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften besonders groß. Warum Deutschland die Zuwanderung von Arbeitskräften braucht , erläutert IW-Demografieexperte Wido Geis-Thöne im Interview mit dem MDR.

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Herr Geis-Thöne, nun ist das Demografie-Problem in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich stark ausgeprägt. Schaut man auf die Zahlen für die mitteldeutschen Länder, müssten hierher in den nächsten Jahren im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße viel mehr Fachkräfte aus dem Ausland kommen.

Diese Sichtweise ist zu einfach. In Regionen, die besonders vom demografischen Wandel betroffenen sind, hat in der Regel auch eine starke Abwanderung in andere Teile des Landes stattgefunden. Es wäre eine etwas seltsame Vorstellung, die zuwandernden Fachkräfte dort ansiedeln zu wollen, wo die Einheimischen weggehen.  

Vielmehr ist hier eine Regionalpolitik notwendig, die Zuwanderung als Option sieht, aber vor allem die Attraktivität der Region insgesamt für die Fachkräfte steigert. Ziel muss es sein, die ansässigen Fachkräfte zum Bleiben und abgewanderte Einheimische zur Rückkehr zu bewegen.

Könnten nicht die zahlreichen Geflüchteten eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, den Arbeitsmarkt für Fachkräfte in den sogenannten demografieschwachen Regionen stabil zu halten?

Auch die Idee, Geflüchtete dort anzusiedeln, wo die demografischen Probleme am größten sind, geht nicht auf. Man kann da nicht technokratisch vorgehen. Es war in der Vergangenheit immer so, dass Geflüchtete, wenn sie konnten, dorthin wanderten, wo Leute aus ihren Herkunftsländern und -regionen leben. Das heißt konkret: eher nach Westdeutschland und eher in die Stadt. Auf dem Land ist es für diese Menschen sehr schwierig, Netzwerke aufzubauen. Zudem verfügen viele der Geflüchteten nur über ein geringes Qualifikationsniveau, sodass für sie nur einfache Jobs als An- und Ungelernte infrage kommen. Damit sind ihre Karriere- und Einkommensperspektiven eher unsicher. Das gilt aber nicht für alle. So sind etwa 2015 und 2016 viele Ärzte aus Syrien nach Deutschland gekommen. Iranische Asylsuchende bringen seit Jahren ein vergleichsweise hohes Qualifikationsniveau mit. Ähnlich ist es bei den aus Afghanistan Flüchtenden. Besonders für liberaldenkende Bildungsbürger ist das Taliban-Regime eine Bedrohung. Dennoch dürften die Geflüchteten insgesamt zukünftig nur einen sehr beschränkten Beitrag zur hiesigen Fachkräftesicherung leisten.

Vielleicht bringen Geflüchtete nicht die gewünschte Qualifikation mit, aber es bestünde die Möglichkeit, diese Menschen in Deutschland als Fachkräfte auszubilden. Dafür gibt es ja auch spezielle Programme und Maßnahmen.

Tatsächlich haben hier verschiedene Akteure viel geschafft und eine positive Entwicklung angeschoben. Adressaten sind vorwiegend 18- bis 25-Jährige mit niedrigem Qualifikationsniveau, die eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen haben. Diese Personen haben großenteils bereits eine Schule oder einen Integrationskurs besucht. Sie kommen in Programme mit Vorbereitungskursen und Praktika in Betrieben, dann idealerweise in eine Ausbildung. Allerdings lassen sich so bei weitem nicht aus allen jungen Geflüchteten Fachkräfte machen. Ein großes Problem ist, dass manche maximal eine Grundschule besucht haben. Die Lücken in der Bildung sind zu groß, um sie in einem vernünftigen Zeitraum zu schließen. Zudem mangelt es einem Teil an Motivation. Oft ist der Grund, dass sie möglichst schnell ein höheres Einkommen erzielen wollen, um Familienmitglieder in den Herkunftsländern finanziell zu unterstützen. Die betriebliche Ausbildung inklusive der Vorbereitung dauert da zu lang. Auch hat eine betriebliche Ausbildung im Verständnis der Geflüchteten häufig nur einen vergleichsweise niedrigen Stellenwert. Wie viele tatsächlich einen beruflichen Bildungsabschluss erreichen, wird man erst in den nächsten Jahren sehen. Auch viele der jüngeren Geflüchteten könnten langfristig niedrigqualifiziert bleiben und am deutschen Arbeitsmarkt nur im Helfersegment arbeiten können. Deshalb braucht Deutschland in diesem Bereich auf absehbare Zeit auch keine Erwerbszuwanderung.

Eine andere Möglichkeit ist es, ausländische Jugendliche direkt für die Ausbildung nach Mitteldeutschland zu holen. Man denke zum Beispiel an Spanien, das eine hohe Jugendarbeitslosenquote verzeichnet.

In den 2010er-Jahren gab es das Job-of-my-Life-Programm, um junge Menschen aus den anderen EU-Ländern für eine Ausbildung in Deutschland zu gewinnen. In diesem Rahmen kamen vorwiegend Spanier ins Land. Allerdings war das deutsche Ausbildungssystem überhaupt nicht auf diese Zuwanderer vorbereitet. Bei der Ausbildung selbst und bei der Unterbringung und Integration in die Gesellschaft gab es große Schwierigkeiten.  Die meisten Teilnehmer brachen vorzeitig ab. Seitdem hat sich wenig getan. Man muss konstatieren: Deutschland steht bei der Zuwanderung zur beruflichen Ausbildung derzeit noch fast am Nullpunkt.

Wo liegen denn die Hürden genau?

Ein größeres Hemmnis ist der rechtliche Rahmen für den Zugang junger Menschen aus Drittstaaten. Anders als im Fall der fertig ausgebildeten Fachkräfte hat auch das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz daran nichts Wesentliches geändert. Dabei ist insbesondere die Ausbildung junger Menschen aus demografiestarken Drittstaaten wie etwa Indien eine Chance. International ist die Zahl an bereits gut ausgebildeten, wanderungsbereiten Fachkräften nämlich sehr beschränkt und es herrscht ein globaler Wettbewerb um diese Leute.

Die großen Unternehmen könnten als Ausbilder eine Vorreiterrolle spielen. Ein Elektriker oder Sanitärinstallateur, der einen Lehrling und Nachfolger sucht, kann nur schwer auf die spezifischen Bedürfnisse Auszubildender aus dem Ausland eingehen. Die gezielte Werbung im Ausland für Regionen mit kleinen Betrieben und großen demografischen Problemen ist für die Fachkräftesicherung aktuell auch nicht wirklich erfolgversprechend. Damit die Ausbildung in der Breite gelingen kann, ist ein Unterstützungssystem unabdingbar. Das kann aber nur in kleinen Schritten entwickelt werden. Aus den Erfahrungen mit den Geflüchteten kann man hier nur eingeschränkt lernen. Es macht einen großen Unterschied, ob Personen, die bereits im Land leben oder die, die direkt aus dem Ausland kommen, in die Ausbildung integriert werden sollen. Sollte das Thema auf der politischen Agenda weit vorn stehen, könnten wir dafür bis zum Jahr 2030 ein System in der Fläche haben. Bis dahin wird es nicht zuletzt aufgrund der ungünstigen demografischen Entwicklungen in den anderen EU-Ländern sehr schwer, jedes Jahr 400.000 ausländische Fachkräfte zu gewinnen.

Wie viel Zeit bleibt noch, um erfolgreich gegenzusteuern?

Deutschland muss sehr schnell handeln. In den nächsten Jahren werden die besonders geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge zunehmend aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Das hinterlässt Lücken am Arbeitsmarkt, die einheimische Arbeitskräfte nicht schließen. Das wird ganz anders als im letzten Jahrzehnt. Schon da ist es zu größeren Fachkräfteengpässen gekommen, die Erwerbsbevölkerung an sich hatte aber noch zugenommen. Im Osten haben wir trotz der gleichmäßigeren demografischen Entwicklung in der Nachkriegszeit voraussichtlich eine besonders dramatische Lage. Hier werden wegen des Geburtenknicks nach der Wende nur sehr wenige junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken.

Was passiert, wenn nicht genügend Fachkräfte nach Deutschland oder eben Mitteldeutschland zuwandern?

Wido Geis-Thöne: Ohne ausländische Fachkräfte oder einen starken Technisierungsschub in den nächsten Jahren wird die Wirtschaft schrumpfen. Ein Problem ist, wenn Menschen dann der Zugang zu wichtigen Dienstleistungen fehlt, etwa wenn eine Region keine Elektrikerbetriebe mehr hat. Diese Gefahr droht vor allem in den ländlicheren Gebieten, wo Leute schon in der Vergangenheit abgewandert sind. Hier muss die Regionalpolitik ganzheitlich denken. Neben dem Versuch, die Bevölkerungsentwicklung zu stärken, muss man eine gezielte Schrumpfungsstrategie entwickeln. Ziel ist, die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. In den größeren Städten wie Leipzig, Dresden oder Jena ist das kein Thema.

Für die Einwohner hier ist wichtig, dass Deutschland insgesamt mehr Fachkräfte aus dem Ausland gewinnt. Sonst drohen deutliche Einschränkungen bei öffentlichen Leistungen. Mit mehr Älteren und weniger Erwerbstätigen lassen sich bei gleichem Beitragsniveau die bisherigen Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung nicht finanzieren. Anpassungen beim Renteneintrittsalter und eine Aktivierung bisher nicht erwerbstätiger Einheimischer können zwar einen Beitrag leisten. Das wird aber nicht ausreichen, um die demografischen Herausforderungen zu lösen. Auch die Betreuungsinfrastruktur muss besser werden: Allen Müttern muss es möglich sein, bereits früh wieder mit großem Stundenumfang in den Arbeitsmarkt zurückzukehren.  

Zum Interview auf mdr.de

 

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