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Michael Hüther auf capital.de Gastbeitrag 29. Oktober 2014

Aus der Konjunkturdelle in die Stagnation

Die deutsche Konjunktur dürfte wohl länger auf der Stelle treten, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für capital.de. Die Zeit verteilungspolitischer Geschenke ist vorbei.

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Die Konjunkturaussichten trüben sich für die deutsche Volkswirtschaft ein. Allerdings ist das Bild keineswegs einheitlich. Einerseits ist das Geschäftsklima nun schon zum sechsten Mal gesunken und hat ein Niveau erreicht wie zuletzt Ende 2012; die Erwartungen laufen der Lageeinschätzung negativ voran. Andererseits ist der Einkaufsmanagerindex zuletzt wieder leicht angestiegen und liegt stabil über der Marke von 50, ab der die Volkswirtschaft auch weiter expandiert. Das Konsumklima ist robust, die Finanzsituation wird von den Deutschen ganz überwiegend als zufriedenstellend bewertet.

Die Indikatoren vermitteln kein einheitliches Stimmungsbild. Die Weltwirtschaft ist zwar in einer schwierigen Anpassung und zusätzliche geopolitische Risiken sind zu verkraften, doch der Grundmodus weist nicht nach unten. Große Dynamik ist aber ebenso wenig zu verspüren. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Es fehlt die Phantasie für große Investitionen. Jeder scheint froh zu sein, wenn der erreichte Stand gesichert werden kann. Dazu passt das Ergebnis der Weltbank-Studie „Doing Business“. Danach zählt Deutschland (mit Platz 14 um einen Rang schlechter als 2013) weiterhin zu den attraktivsten Unternehmensstandorten der Welt. Aber es bewegt sich nichts mehr, während in den anderthalb Jahrzehnten zuvor Deutschland sich bei der Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich verbessert hat.

All dies spricht für eine Konjunkturdelle, wie wir sie zuletzt Ende 2012 und Anfang 2013 erlebt haben. Damals war das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge um 0,4 Prozent geschrumpft. Technisch gesprochen war das eine Rezession, ökonomisch betrachtet war es ein Atemholen, eine Pause in der Konjunkturbewegung. Die entscheidende Frage ist, was wird daraus. Können wir darauf setzen, dass die Weltwirtschaft als Ganzes und die deutschen Volkswirtschaft im Besonderen wieder Fahrt aufnehmen? Oder müssen wir damit rechnen, dass gerade Europa und Deutschland eher auf längere Sicht nur schwach expandieren werden? Für die letztere Variante spricht, dass mehrere Geschichten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Phantasie nährten, nicht mehr so einfach weitererzählt werden können:

Das gilt erstens für die Europa-Story. Wir müssen erst noch lernen, mit den Folgen der Staatsschuldenkrise und den neuen Institutionen, insbesondere der Bankenunion, umzugehen. Der Banken-Stresstest hat wichtige Informationen geliefert. Ein Stresstest kann nur die relativen Unterschiede zwischen den Instituten identifizieren. Das hat er geleistet. Nun muss gehandelt werden, durch Kapitalaufbau, Bad Banks und Bankenabwicklung, und zwar in den Ländern. Die EZB jedenfalls sollte zügig die Perspektive für eine Normalisierung der Geldpolitik eröffnen, anstatt mit fragwürdigen Aufkaufprogrammen sich selbst zur Bad Bank zu machen. Das wäre auch ein klares Signal an die Krisenländer, selbst diszipliniert weiterzuarbeiten. 2015 dürfte dafür das Jahr der Entscheidung werden.

Zweitens hat das durch die Wirtschaftskrise 2009 desavouierte globale Geschäftsmodell einer durch Kreditexpansion getragenen Dynamik noch keine Neujustierung erfahren. Wo finden die Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen statt, die neue Wachstumsräume erschließen? In einem Europa, zumal einem Deutschland, in dem die Bevölkerung nach der Krisenerfahrung vor allem auf Sicherheit setzt, wird das nicht leichter. Die Diskussion um Fracking zeigt dies, während auf der anderen Seite in den USA dadurch die Karten der Energieversorgungen neu gemischt werden. Es scheint sich abzuzeichnen, dass sich die Wachstumskräfte nach Nordamerika verlagern, trotz der politischen Steuerungsprobleme in den USA.

Drittens schließlich ist nicht zu übersehen, dass die Emerging Markets-Story neu zu schreiben ist. China steht mitten in einer Neubestimmung seines Entwicklungsmodells. Die anderen BRICS-Staaten sind immer stärker von internen Steuerungsprobleme und Verteilungskonflikten geprägt, die vor allem neue verlässliche Institutionen in Justiz und Verwaltung erfordern. Im „Doing Business“-Bericht liegt China auf Platz 90, Brasilien auf 120 und Indien auf 142. Die Globalisierung holt Luft, erst recht, wenn man die geopolitischen Risiken berücksichtigt.

Alles in allem spricht viel dafür, dass die deutsche Konjunktur länger auf der Stelle tritt und die Delle sich zur Stagnation auswächst. Dies wird umso ausgeprägter sein, je weniger die Wirtschaftspolitik hierzulande verkennt, dass die Zeit verteilungspolitischer Geschenke vorbei ist. Am besten ist allen gedient, wenn mehr Investitionen wettbewerbsfähige Arbeitsplätze ermöglichen. Diese Botschaft ist noch nicht wirklich angekommen.

Zum Gastbeitrag auf capital.de

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