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(© Foto: gece33/iStock)
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Jürgen Matthes im Handelsblatt Gastbeitrag 12. September 2016

Die missverstandene Globalisierung

Deutschland profitiert stark vom internationalen Handel. Dennoch ist hier die Skepsis gegenüber der Globalisierung groß – obwohl Dank ihr Einkommen und Kaufkraft steigen. Doch es gibt auch Verlierer.

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Auch an Deutschland geht der Trend zur größeren Skepsis gegenüber der Globalisierung nicht spurlos vorüber. So zeigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung, dass sich der einst hohe Anteil der Deutschen, die Freihandel im Allgemeinen befürworten, von 88 Prozent im Jahr 2014 auf zuletzt 56 Prozent verringert hat.

Doch es überrascht, dass die Skepsis gegenüber der Globalisierung gerade im handelsoffenen Deutschland so stark um sich greift. Schließlich profitiert gerade die Bundesrepublik mit ihrer ausgeprägten Exportorientierung besonders von den internationalen Absatzmärkten. Als Ausrüster der sich industrialisierenden Schwellenländer hat die deutsche Wirtschaft seit der Jahrtausendwende sehr stark am dynamischen Investitionszyklus der Emerging Markets partizipieren können. Dieser Erfolg hat dazu beigetragen, dass es Deutschland seitdem wie kaum einem anderen entwickelten Land gelungen ist, seine Exportperformance auszubauen.

Allerdings liegen die Vorteile der Globalisierung für Ökonomen nicht in erster Linie im deutschen Exporterfolg, sondern vor allem darin, dass Verbraucher durch niedrigere Preise und eine größere Auswahl von der internationalen Arbeitsteilung profitieren können. Dieser Preisvorteil der Globalisierung lässt sich für Deutschland anschaulich belegen: Die Importpreise sind hierzulande seit der Wiedervereinigung nur um insgesamt knapp 5 Prozent gestiegen, während die Preise privater Konsumausgaben zwischen 1991 und 2015 um über 41 Prozent deutlich stärker zugelegt haben. Die preisdämpfende Wirkung der Globalisierung lässt also die Realeinkommen und damit die Kaufkraft steigen. Für einen Herrenanzug oder ein Paar Damenpumps muss ein deutscher Durchschnittsverdiener heute rund ein Drittel weniger lange arbeiten als 1991.

Diese klaren gesamtwirtschaftlichen Vorteile der Globalisierung dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch Verlierer gab und gibt - genau wie es die ökonomische Theorie voraussagt: In Deutschland, so zeigt eine aktuelle Studie, traf der Globalisierungsdruck durch steigende Importe aus Niedriglohnländern vor allem junge und geringqualifizierte Beschäftigte in der Industrie. Wenn Arbeitnehmer in Industriejobs arbeiteten, die durch stark steigende Importe aus China und Osteuropa betroffen waren, mussten sie Einkommenseinbußen hinnehmen und teilweise verloren sie ihren Arbeitsplatz.

Die Wirtschaftspolitik kann und muss dafür sorgen, dass auch die Verlierer der Globalisierung aufgefangen und in die Lage versetzt werden, eine neue und möglichst gute Beschäftigung zu finden. Zum einen sollte die Politik protektionistischen Forderungen widerstehen, die Märkte offenhalten und wachstums- und wettbewerbsförderliche Rahmenbedingungen bieten.

Zum anderen muss sie Globalisierungsverlierer ausreichend in den Blick nehmen. Hierzu gehört ein effektives soziales Netz, das auf Fördern und Fordern (Flexicurity) aufbaut sowie finanzielle Umzugshilfen und -anreize umfasst. Vor allem aber sind Bildung - und hier neben frühkindlicher Bildung vor allem die berufliche Ausbildung - entscheidend dafür, dass Menschen allgemeine Kompetenzen erwerben, die ihnen später eine dann vielleicht nötige Umschulung erleichtern.

Deutschland schneidet hier deutlich besser ab als die USA. Zwar ist die Ungleichheit bei den Markteinkommen ähnlich hoch wie jenseits des Atlantiks, doch nach staatlicher Umverteilung sind die Nettoeinkommen hierzulande deutlich einheitlicher. Allerdings hat die Ungleichheit bei den Nettoeinkommen auch in Deutschland zwischen 1995 und 2005 zugenommen - auch als Reflex der Globalisierung.

Die Probleme im Bildungssystem waren überaus groß und führten vorübergehend zu einer sehr hohen Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten. Mit den verschiedenen Arbeitsmarktreformen der vergangenen Dekade gelang es jedoch, die Arbeitslosigkeit stark abzubauen. Seit 2005 ist somit auch die Ungleichheit der Nettoeinkommen nicht weiter gestiegen.

Es bedarf also keiner Neubewertung der Globalisierung. Vielmehr sollte die Wirtschaftspolitik die Einsicht der Handelstheorie stärker berücksichtigen: Eine beschäftigungsorientierte Sozialpolitik muss Verlierer kompensieren, damit die Internationalisierung viele Menschen besser und möglichst niemanden schlechter stellt.

Zum Gastbeitrag auf handelsblatt.com

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