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Jürgen Matthes in der Wirtschaftswoche Gastbeitrag 5. Oktober 2021

Deutsche Wirtschaftsgeschichte: Was vom Wunder übrig blieb

Deutschland hat in den vergangenen 95 Jahren ökonomisch und politisch viele Höhen und Tiefen erlebt. Sind wir an wichtigen Wendepunkten richtig abgebogen? In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche wagt IW-Ökonom Jürgen Matthes einen Streifzug durch die jüngere Wirtschaftsgeschichte.

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Vor 95 Jahren, als die erste Ausgabe der WirtschaftsWoche erschien, ging es für die Volkswirtschaften genauso wie heute um Wohlstandssicherung, eine Steigerung des Lebensstandards und eine geringe Arbeitslosigkeit – all das umfasst Wettbewerbsfähigkeit im weiteren Sinn. Wichtig dafür waren und sind vor allem eine verlässliche Privateigentums- und Wettbewerbsordnung, ein stabiles politisches System, unternehmensfreundliche Regulierungen und attraktive Investitionsbedingungen – eingebettet in einen Sozialstaat, der absichert, fordert und fördert.

Was sich jedoch im Zeitablauf geändert hat, ist die Relevanz der Standortbedingungen für die Prosperität. Denn Kapital und vor allem Unternehmen sind durch Transportkostensenkungen sowie immense Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnik global deutlich mobiler geworden. Wenn Länder keine günstigen Standortbedingungen bieten, droht eine Abwanderung von Kapital und Unternehmen. Umgekehrt haben Länder mit einer guten Standortpolitik viel größere Chancen, von ausländischen Investitionen und Unternehmen zu profitieren. Die heimische Wirtschaftspolitik ist also immer wichtiger geworden und anhaltende politische Fehler werden eher bestraft als früher.

Gleichzeitig sind aber auch die internationalen Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Erfolg auf nationaler Ebene immer wichtiger geworden. Wer dauerhaft wachsen und prosperieren will, darf keine Strafzölle erheben, sondern muss Waren und Kapital frei fließen lassen, denn es gibt kaum wettbewerbsfähige Staaten, die anhaltend protektionistisch vorgehen. Es gilt aber auch: Wer Freihandel zulässt, sollte wettbewerbsfähig sein.

Für die Weltwirtschaft und damit auch Deutschland markiert das Jahr 1926 eine problematische Abbiegung auf einem damals ohnehin krummen Weg. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Welt schon einmal handelsmäßig stark integriert. Zwischen den beiden Weltkriegen kam es jedoch zu höheren Handelsbarrieren und die handelsbezogene Globalisierung nahm deutlich ab. 1926 hatte Deutschland zwar die Hyperinflation bereits hinter sich, aber litt immer noch unter hohen Reparationszahlungen, starker Verschuldung und damit verbundenen Restriktionen des internationalen Kapitalverkehrs, die auch die Handelsmöglichkeiten einschränkten.

Doch der eigentliche Schlag gegen die Handelsoffenheit stand noch bevor. Denn im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es zu einem massiven protektionistischen Rückschlag und einem damit verbundenen Währungskrieg, ausgehend von den USA mit der Einführung des Smoot-Hawley-Zollgesetzes im Juni 1930. Das protektionistische Gesetz sah hohe US-Zölle für über 20.000 Produkte vor, um die Wirtschaft der Vereinigten Staaten vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Andere Staaten schotteten sich ebenfalls ab und die Protektionsspirale nahm ihren Lauf. Darunter litten letztlich aber alle beteiligten Staaten und die Krise wurde nur weiter verschärft.

Die Lehren aus dieser Episode zogen die westlichen Siegermächte allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie schufen internationale Organisationen wie das GATT (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen), den Internationalen Währungsfonds und im Rahmen des Bretton Woods Systems eine verlässliche internationale Währungsordnung mit grundsätzlich festen Wechselkursen für das folgende Vierteljahrhundert.

Die 50-Jahre: Deutschland blüht auf

Ludwig Erhard war überzeugt von den großen Vorteilen der internationalen Offenheit. Er sah die Offenheit auch als Instrument der Wettbewerbspolitik nach innen, weil mehr Importe die damals noch schwache Wettbewerbsintensität in Deutschland erhöhen sollten. Dabei galt ihm in der Sozialen Marktwirtschaft die Wettbewerbsintensität zurecht als wichtige Triebkraft für eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, weil sie die Unternehmen antreibt, produktiver und innovativer zu werden.

Erhard führte die deutsche Wirtschaft in den 1950er Jahren sehr schnell wieder auf den Weltmarkt zurück. Das gelang vor allem durch den Beitritt zum GATT und die damit verbundenen Zollsenkungen sowie durch die zügige Einführung der Konvertibilität der D-Mark bei Handelsgeschäften. Parallel erlebte Deutschland sein Wirtschaftswunder und zeigte damit eine Wettbewerbsfähigkeit von überraschender Kraft und Dynamik – wie sie später nie wieder einen längeren Zeitraum erreicht werden sollte.

Das Wirtschaftswunder wurde auch durch gute Exportleistungen begünstigt. Deutschland verstand es, die Weltmarktintegration zu seinen Gunsten zu nutzen. Deutsche Unternehmen wussten ihre Stärken bei der nicht-preislichen Wettbewerbsfähigkeit auszuspielen – also hohe Qualität, Innovation und Liefertreue. Doch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im engeren Sinne – also jene Wettbewerbsfähigkeit, die vereinfacht gesagt über einen hohen Exporterfolg vermessen werden kann –  war in dieser Zeit dadurch künstlich verbessert, dass die D-Mark im Bretton-Woods-System deutlich unterbewertet war. Das machte deutsche Exporte auf dem Weltmarkt künstlich billig und befeuerte die jahrelang dauernde kontroverse Aufwertungsdebatte der 1960er Jahre.

Kostenschock der Ölkrise bremst Deutschland ein

Nach dem Verfall des Bretton Woods Systems Anfang der 1970er Jahre wertete die D-Mark daher stark auf. Auch das trug mit dazu bei, dass diese Zeit für Deutschland wirtschaftlich keine gute war. Die Wettbewerbsfähigkeit litt aber auch darunter, dass es im Zuge der beiden Ölkrisen und einer Nachfrageorientierung der Wirtschaftspolitik zu einem Kostenschock kam und die Inflation in die Höhe schnellte, wenngleich sie weniger stark stieg als in einigen anderen wichtigen Handelspartnern. Höhere Produktionskosten für die Unternehmen und eine damit verbundene Verschlechterung des Exporterfolgs resultierten auch daraus, dass die sozialliberale Koalition in dieser Zeit den Wohlfahrtsstaat enorm ausbaute und damit die Sozialkosten stark erhöhte. Das belastete auch die Investitionsbedingungen in Deutschland und trug über die starke Verteuerung des Faktors Arbeit mit dazu bei, dass sich Wirtschaftsleistung und Wettbewerbsfähigkeit verschlechterten. Im Zuge schwachen Wachstums und hoher Inflation kam es vorübergehend sogar zur Stagflation. Und die strukturelle Arbeitslosigkeit nahm in den Folgejahren im Trend immer weiter zu.

Nach dem Regierungswechsel 1982 schwenkte die neue christlich-liberale Bundesregierung auf eine Angebotspolitik um, die über bessere Investitions- und Produktionsbedingungen für die Wirtschaft eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit anstrebte. Diese Dekade war allerdings erneut von starken Wechselkursschwankungen der D-Mark gegenüber dem US-Dollar geprägt. Dahinter stand in den USA vor allem die Hochzinspolitik zur Inflationsbekämpfung sowie hohe Staatsausgaben für den Rüstungswettlauf mit der damaligen Sowjetunion.

Europas kranker Mann mit roter Wachstumslaterne

Durch die moderate Angebotspolitik hatte Deutschland eine recht gute wirtschaftliche Ausgangsposition, als es 1990 zur Wiedervereinigung kam. Trotzdem hinterließ dieser enorme ökonomische Kraftakt in den 90er Jahren tiefe Spuren in der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Erstmalig wurde aus dem Exportüberschuss zeitweise ein Exportdefizit. Das hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen kam es zunächst im Zuge des Wiedervereinigungsbooms zu einem Importsog für Waren und Kapital. Zum anderen verschlechterte sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von der Kostenseite her auf längere Sicht, weil es zu deutlich höheren Sozialkosten und in der ersten Hälfte des Jahrzehnts zu D-Mark-Aufwertungen in Europa und gegenüber den USA kam.

Deshalb und auch wegen ausgebliebener Reformen der christlich-liberalen Koalition der Kohl-Ära stieg die Arbeitslosigkeit in der Folgezeit noch weiter. Deutschland wurde spätestens Anfang der 2000er Jahre zum kranken Mann Europas mit der roten Wachstumslaterne. Wegen dieser tiefen strukturellen Probleme, die auch die Wettbewerbsfähigkeit belasteten, legte die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder im Jahr 2003 ein umfangreiches Reformpaket auf: die Agenda 2010. Damit wurden viele Dimensionen der Wettbewerbsfähigkeit gestärkt und ein wichtiger Beitrag dazu geleistet, dass die Arbeitslosigkeit in der Folgezeit endlich wieder sank – und das erstaunlich anhaltend und weit.

Mit Hypothek ins kommende Jahrzehnt

Im globalen Boom der Jahre 2006 bis 2008 spielte die deutsche Wirtschaft ihre Stärken wieder kräftig aus und wurde mit ihrer Spezialisierung auf Investitionsgüter zum industriellen Ausrüster der Schwellenländer. Mit den Reformen der Agenda 2010 in seiner Wettbewerbsfähigkeit gestärkt konnte Deutschland die globale Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise und letztlich auch die Corona-Krise einigermaßen meistern. In der Merkel-Ära wurden Wettbewerbsfähigkeit und Standortqualität politikseits zwar nicht deutlich verschlechtert, aber auch keine wesentlichen Verbesserungen vorgenommen.

So wurden zum Beispiel die Unternehmenssteuern zwar nicht angehoben, aber andere Staaten haben diese in derselben Zeit tendenziell gesenkt. Relativ gesehen steht Deutschland damit im internationalen Wettbewerb wieder schlechter da. Und auch die Energiewende wurde auf eine Art und Weise eingeleitet, die über sehr hohe Strompreise unsere Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert hat. Dies gilt gerade gegenüber Frankreich, das ja nach wie vor stark auf Atomkraft setzt. Auch bei der Infrastruktur gibt es inzwischen viel Nachholbedarf, sei es bei Verkehrswegen oder der digitalen Vernetzung.

Insgesamt ist Deutschland mit einer Hypothek in die 2020er Jahre gestartet, weil wir nicht ausreichend auf die großen Herausforderungen dieses Jahrzehnts – Demografie, Dekarbonisierung, De-Globalisierung und Digitalisierung – vorbereitet sind. Die neue Bundesregierung muss dies erkennen und eine umfassende Modernisierungsagenda auflegen. Andernfalls droht unsere Wettbewerbsfähigkeit nach und nach zu erodieren.

Zum Gastbeitrag auf wiwo.de

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