COVID-19 belastet das öffentliche Leben in Deutschland. Über Ausmaß und Dauer von ökonomischen Beeinträchtigungen infolge dieser Epidemie kann derzeit nur spekuliert werden. Deutsche Unternehmen befürchten nicht nur einen Exportausfall nach China, sondern auch eine Unterbrechung ihrer Wertschöpfungsketten: Mitarbeiter können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen – wegen Krankheit, eingeschränkter Mobilität oder auch aus Furcht. Fehlende Vorleistungen aus China oder anderen Ländern stellen ebenfalls ein Produktionshemmnis dar. Der Coronavirus ist ein Nachfrage- und Angebotsschock.

Die Internationalisierung der Produktion und die damit einhergehende Arbeitsteilung haben zu deutlichen Effizienzgewinnen in den beteiligten Volkswirtschaften geführt. Die Vorleistungsverflechtungen im Rahmen internationaler Wertschöpfungsketten, der wechselseitige Technologietransfer oder der Wissensaustausch über Mitarbeiter in multinationalen Firmen haben auch die Produktionsmöglichkeiten und den Wohlstand in Deutschland erhöht. Eigentlich sollte die Coronavirus-Krise für sich genommen keinen Rückschritt bei der länderübergreifenden Arbeitsteilung auslösen.

Das mag sich anders gestalten, wenn derartige Pandemien häufiger auftreten und dies dann bei ausgeprägten Abhängigkeiten zu permanenten Produktionsschocks führt. Es würden Verlagerungen zurück an den heimischen oder an andere ausländische Standorte folgen. Begründet würde der teilweise Verzicht auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung durch geringere Risiken infolge der Produktionsabhängigkeiten. Effiziente Internationalisierung bewirkt aber eine Streuung von Risiken – auch die Verminderung nationaler Abhängigkeiten. Insofern müssen internationale Wertschöpfungsketten auf ihre Tragfähigkeit überprüft und nicht generell auf den Prüfstand gestellt werden.

Nachhaltige Effekte auf die Weltwirtschaft sind denkbar, wenn in zeitlicher Hinsicht überschaubare ökonomische Krisen als Vorwand für eine politisch motivierte Auflösung von internationaler Kooperation angeführt werden. Das Argument einer Restrukturierung der internationalen Produktionspotenziale infolge von Epidemien ist auch in den gegenwärtigen politischen Rahmen einzuordnen. Dieser ist vielfach geprägt von protektionistischem und autarkischem Denken. Nicht die Vernetzung von Ländern und die damit gewonnenen Wohlstands- und Kooperationsvorteile, sondern die Entkopplung von Volkswirtschaften und das Suchen nach wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeiten sind vielfach der aktuelle Geist. Damit besteht die Gefahr, dass COVID-19 zu einem weiteren Knock-out für die Globalisierung mutiert.

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