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IW-Report Nr. 39 6. Oktober 2026 Samina Sultan / Jürgen Matthes Deutsche Auslandsinvestitionen und die Standortdebatte

Der geopolitische Druck und die Debatte um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit machen eine genauere Kenntnis der deutschen Direktinvestitionen im Ausland notwendig. Dieser Report liefert dazu eine umfassende empirische Analyse und erörtert auch die Frage nach den Auswirkungen auf den deutschen Standort.

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Eine empirische Analyse der deutschen Direktinvestitionsbestände im Ausland und Auswirkungen auf den deutschen Standort
IW-Report Nr. 39 6. Oktober 2026 Samina Sultan / Jürgen Matthes

Deutsche Auslandsinvestitionen und die Standortdebatte

Samina Sultan / Jürgen Matthes Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der geopolitische Druck und die Debatte um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit machen eine genauere Kenntnis der deutschen Direktinvestitionen im Ausland notwendig. Dieser Report liefert dazu eine umfassende empirische Analyse und erörtert auch die Frage nach den Auswirkungen auf den deutschen Standort.

Der Bestand an deutschen Direktinvestitionen im Ausland stieg zwischen 2010 und 2024 (letztverfügbarer Datenstand zum Zeitpunkt der Analyse) von rund 832 Milliarden Euro auf 1.689 Milliarden Euro und hat sich damit mehr als verdoppelt. Auch die Anzahl der Unternehmen wuchs um 35 Prozent auf 44.740, die Beschäftigtenzahl um 40 Prozent auf 8.593 Tausend und der Jahresumsatz um 102 Prozent auf rund 4.200 Milliarden Euro.

Im Aggregat entfiel auf die EU27 mit rund 38 Prozent der Hauptanteil an den deutschen Direktinvestitionsbeständen im Ausland. Beim Vergleich einzelner Länder führten die USA im Jahr 2024 mit rund 27 Prozent. Das entsprach 460 Milliarden Euro. China lag mit einem Anteil von knapp 7 Prozent auf Platz 3, nach Luxemburg mit knapp 9 Prozent. Das Wachstum der deutschen Direktinvestitionsbestände in China war zwischen 2010 und 2024 mit 281 Prozent das stärkste unter den Top-10-Ländern. Die ausländischen Investitionen im Vereinigten Königreich wuchsen mit nur 5 Prozent am schwächsten.

Fokussiert man auf die Branchenstruktur der deutschen Direktinvestitionsobjekte im Ausland, so dominierte 2024 das Verarbeitende Gewerbe mit fast 35 Prozent an allen deutschen Direktinvestitionsbeständen im Ausland. Das entsprach 587 Milliarden Euro. Es folgten die Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit 26 Prozent sowie Handel und Kfz-Instandhaltung mit 16 Prozent. Innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes dominierte die Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen mit einem Anteil von 24 Prozent an der Industrie, gefolgt von chemischen Erzeugnissen mit 20 Prozent.

Die regionale Verteilung der deutschen Direktinvestitionsbestände unterscheidet sich deutlich nach Branchen. Die Analyse betrachtet dabei die EU27 als Aggregat, die USA, China und den Rest der Welt. Im Verarbeitenden Gewerbe sank der Anteil der EU27 Im Jahr 2024 auf knapp 32 Prozent, während die USA ihren Anteil auf 28,5 Prozent steigerten und China seinen Anteil seit 2020 gar auf 13,3 Prozent nahezu verdoppeln konnte. Bei der Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen konnte die EU ihren Anteil fast versiebenfachen auf 43 Prozent, während der US-Anteil sich nahezu halbierte. Anders als im Verarbeitenden Gewerbe blieb Chinas Anteil mit unter drei Prozent auch 2024 relativ gering.

Fokussiert man tiefer auf einzelne Industriebranchen, so sticht der starke Anstieg deutscher Direktinvestitionsbestände bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen in China auf rund ein Viertel aller deutschen Direktinvestitionsbestände im Ausland in dieser Industriebranche hervor. Das ist fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes und fast viermal so hoch wie im Gesamtbestand deutscher Direktinvestitionen im Ausland. In keiner anderen Industriebranche hat China auch nur annähernd einen so hohen Anteil an allen deutschen Auslandsinvestitionen erlangen können. Auffällig ist zudem der starke Zuwachs deutscher Direktinvestitionsbestände bei der Herstellung chemischer Erzeugnisse in den USA um 20 Prozentpunkte von 2010 bis 2024 auf über 46 Prozent der globalen Bestände in dieser Branche. Im gleichen Zeitraum halbierte sich der Anteil der EU27 nahezu auf 16 Prozent.

Anders als in der EU27 oder in den USA konzentrieren sich die deutschen Direktinvestitionsbestände in China ganz eindeutig auf die Industrie. So entfielen fast 71 Prozent aller deutscher Direktinvestitionsbestände in China im Jahr 2024 auf das Verarbeitende Gewerbe, und innerhalb dieser Branche dominierte die Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen mit einem Anteil von 46,2 Prozent.

Eine Auswertung mehrerer unterschiedlicher Unternehmensumfragen zu den Motiven deutscher Auslandsinvestoren zeigt, dass die vorhandene Evidenz keine einheitliche und trennscharfe Identifizierung der Motive ermöglicht. So bleibt etwa unklar, worauf genau die Kostenersparnis zurückgeht, die sich die deutschen Unternehmen im Ausland erhoffen – ob es sich beispielsweise um geringere Arbeits- oder Energiekosten handelt. Dies wäre mit Blick auf etwaige Standortmaßnahmen wichtig zu erfahren. In der Tendenz lässt sich dennoch festhalten, dass es in jüngerer Vergangenheit eine gewisse Verschiebung der Motivlage gegeben zu haben scheint. Kostenmotive haben gegenüber Absatzmotiven tendenziell an Gewicht gewonnen.

Die stetig steigenden Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland in Kombination mit der Tatsache, dass Kostenvorteile im Ausland zunehmend an Relevanz als Motiv dafür gewinnen, führt zu der Frage, welche Auswirkungen diese Entwicklungen für den deutschen Standort haben. Dabei zeigt die Gegenüberstellung von deutschen Exporten und Direktinvestitionsbeständen mit Blick auf die USA, dass beide Größen parallel gestiegen sind, während in China die deutsche Exportdynamik deutlich hinter der bei den deutschen Direktinvestitionsbeständen dort zurückfällt. Anders als für die USA spricht somit in China einiges dafür, dass Produktion vor Ort zulasten der deutschen Ausfuhren nach China gehen könnte.

Zum Verhältnis von deutschen Auslandsinvestitionen und heimischen Investitionen zeigen Umfrageergebnisse, dass bis vor wenigen Jahren ausländische Investitionspläne deutscher Unternehmen mit überdurchschnittlichen Investitionsabsichten im Inland einher gingen. Seitdem hat sich der Trend jedoch verkehrt und deutsche Auslandsinvestitionen gehen in der Tendenz zulasten der Investitionen im Inland. Zudem zeigt eine Gegenüberstellung der Entwicklung der deutschen Direktinvestitionsbestände im Ausland und des Bruttoanlagevermögens, als Annäherung an den Bestand der heimischen Investitionen, dass die deutschen Auslandsinvestitionen deutlich dynamischer gewachsen sind als die inländischen.

Es wurde auch analysiert, ob es Anzeichen für negative Konsequenzen von Trumps Zollpolitik in Form höherer deutscher Direktinvestitionen in den USA gibt. Bisher lassen sich aus den Direktinvestitionstransaktionen und Umfragen im Zeitvergleich noch keine starken Verlagerungstendenzen deutscher Unternehmen feststellen. Im Gegenteil: Im ersten Halbjahr 2026 flossen gemäß vorläufigen Daten rund 80 Prozent weniger deutsche Direktinvestitionen in die USA als im ersten Halbjahr 2024, also vor Trumps zweiter Amtsübernahme.

Mit Blick auf die Geschäftsaktivitäten deutscher Tochterfirmen in China wurde argumentiert, dass sich bedeutsame Divergenzen zwischen Firmen- und Standortinteressen zeigen. Es geht dabei vor allem um die zunehmende – auch durch Wettbewerbsverzerrungen bedingte –Verlagerung von immer mehr Geschäftsaktivitäten nach China, insbesondere in Verbindung mit einer verstärkten Tendenz zu einer „In-China-für-die-Welt-Strategie“. Zudem wird der weiterhin starke Technologietransfer als volkswirtschaftlich möglicherweise problematisch eingeordnet, ebenso wie die Folgen hoher China-Abhängigkeit wichtiger Firmen mit Blick auf Bailout-Risiken für Steuerzahler und Souveränitäts-Einschränkungen der deutschen China-Politik.

Aus den Studienergebnissen lassen sich wichtige Politikempfehlungen ableiten. Um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland wieder zu verbessern, sind umfassende kostensenkende Reformen nötig. Spezifische Politikempfehlungen zu China beziehen sich erstens auf durch Marktverzerrungen übersteigerte Produktionsverlagerungen. Solche Verlagerungsanreize sollten durch Ausgleichszölle auf chinesische Waren gemindert werden. Gegen Lokalisierungsanforderungen und andere Marktzugangshemmnisse in China sollte die Bundesregierung zudem vorgehen und bestehende Anreize wie Investitionsgarantien weiter zurücknehmen. Zweitens braucht es eine glaubwürdige No-Bailout-Aussage der Politik, um mögliche Steuerzahler-Risiken durch hohe Firmenabhängigkeiten von China zu mindern und Fehlanreize zu vermeiden. Wenn Firmen- und Standortinteressen divergieren, muss die Politik die Interessen der heimischen Wirtschaft priorisieren und stärker als bisher die Herausforderungen mittelständischer Firmen berücksichtigen.
 

DOI: 10.67087/12.21606

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Eine empirische Analyse der deutschen Direktinvestitionsbestände im Ausland und Auswirkungen auf den deutschen Standort
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Samina Sultan / Jürgen Matthes Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

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