Die Industrieprobleme in Deutschland sind auch Folge rückläufiger Exporte. Im Gegensatz zu früheren Dekaden ist die deutsche Exportwirtschaft von der gleichwohl schwächeren globalen Warennachfrage abgekoppelt.
Deindustrialisierung durch fortschreitende Handelsabkopplung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die Industrieprobleme in Deutschland sind auch Folge rückläufiger Exporte. Im Gegensatz zu früheren Dekaden ist die deutsche Exportwirtschaft von der gleichwohl schwächeren globalen Warennachfrage abgekoppelt.
Die weltweite Industrieproduktion verschiebt sich nach Asien. Die geopolitischen Umbrüche verändern obendrein die Handelsbeziehungen. Zudem hat sich die Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Standortkosten und Wechselkursaufwertungen verschlechtert.
Zum Jahresende 2025 lag die industrielle Wertschöpfung in Deutschland um 7,5 Prozent unter ihrem letzten Höhepunkt von Ende 2017. Seitdem belasten sie die Coronapandemie (Nachfrageausfälle, gestörte Lieferketten), geopolitische Umbrüche, Protektionismus, Kostenschocks infolge des Kriegs in der Ukraine und aktuell im Nahen Osten. Die schlechte Lage der deutschen Industrie wird weniger als ein konjunkturelles und vorübergehendes Phänomen, sondern als ein anhaltender Veränderungsprozess im gesamtwirtschaftlichen Branchengefüge gesehen (Grömling, 2024; 2026). In der Wirtschaftsstruktur und ihrem Wandel kommen multiple Veränderungen auf der Angebots- und der Nachfrageseite einer Volkswirtschaft zusammen. Neben technologischem Fortschritt und Ressourcenwandel prägen gesellschaftliche und demografische Veränderungen Richtung und Intensität des Strukturwandels.
Deutschland ist über seine im internationalen Vergleich hohen Export- und Importquoten von jeweils rund 40 Prozent seit Dekaden eine weltoffene Volkswirtschaft. Insofern haben internationale Veränderungen hohe ökonomische Effekte. In den letzten Jahren kam es zunächst durch die globale Coronapandemie zu einem Einbruch im Welthandel und beim deutschen Exportgeschäft. Die Warenexporte waren im zweiten Quartal 2020 um ein Viertel niedriger als im Jahr 2019. Nach der schnellen Erholung im Jahresverlauf 2020 und 2021 ist der deutsche Warenexport seit 2022 wieder rückläufig. Für Deutschland mit seiner hohen Weltmarktorientierung waren Exportprobleme schon immer mit Anpassungslasten in der Industrie verbunden. Denn deutscher Außenhandel wird in hohem Ausmaß von Waren bestimmt, die wiederum vorwiegend aus der Industrie stammen. Seit der globalen Finanzmarktkrise ist der Warenanteil am Export von weit über vier Fünftel auf rund drei Viertel zurückgegangen.
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Dieser Wandel in der Exportstruktur kann Ausdruck einer säkularen Entwicklung sein, die über generelle Nachfrageverschiebungen hin zu Dienstleistungen auch das Auslandsgeschäft verändert. Jedoch können auch außergewöhnliche Anpassungslasten auftreten, die disruptiv beim Export und in der Industrie wirken. In diesem Kontext zeigt die Abbildung das Wachstum der Weltwirtschaft (gemessen am realen globalen Bruttoinlandsprodukt) für die vorhergehenden vier Dekaden und den Zeitraum 2020 bis 2025. Der Zeitvergleich zeigt das zuletzt schwächere Tempo der Weltwirtschaft, was in Anbetracht der Pandemiekrise und der geopolitischen Umbrüche nicht überrascht. Des Weiteren ist das jahresdurchschnittliche Wachstum der weltweiten Warenimporte dargestellt. In den 1980er, 1990er und 2000er Jahren wuchs die globale Warennachfrage deutlich stärker als die Weltproduktion, was als ein Indikator für Globalisierung gilt. Dies spiegeln auf der Konsumebene eine höhere Gütervielfalt mit entsprechenden Wohlstandseffekten sowie die Internationalisierung von Wertschöpfungsketten wider. Während der Welthandel bereits in den 2010er Jahren marginal hinter der Produktion zurückblieb, bestand im jüngsten Zeitraum eine sichtbare Divergenz. Dies kann als Indikation für Deglobalisierung gewertet werden. Schließlich zeigt die Abbildung das Wachstum der deutschen Warenexporte. Über die vergangenen vier Dekaden bewegten sich die deutschen Exporte mehr oder weniger im Rhythmus der globalen Nachfrage. Die in den letzten beiden Dekaden schwächeren Zuwächse bei den globalen Importen haben auch das deutsche Exporttempo abgeschwächt. Allerdings passen die letzten sechs Jahre mit insgesamt leicht rückläufigen Ausfuhren nicht mehr in dieses gewohnte Muster. Vielmehr scheint sich der deutsche Export vom Weltmarkt abgekoppelt zu haben – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Industrieproduktion. Mehrere Erklärungen kommen dafür in Betracht (Deutsche Bundesbank, 2025; Grömling, 2026; Matthes/Sultan, 2025; SVR, 2024):
Globale Verschiebungen beim deutschen Export- und Produktionsportfolio. Das würde zum Beispiel daran zu erkennen sein, ob die weltweite Nachfrage nach Industriewaren (etwa Fahrzeugen oder Investitionsgütern) an Bedeutung verliert. Die Position eines Wirtschaftsbereichs im Branchengefüge einer Volkswirtschaft hängt auch davon ab, wie sich der entsprechende internationale Markt entwickelt und ob dieser nunmehr von anderen Ländern stärker bedient wird. Zunächst ist festzuhalten, dass sich der weltweite Industriemarkt (gemessen an der nominalen Wertschöpfung) weiter dynamisch entwickelt hat. Das dürfte auch trotz der zuletzt angestiegenen Rohstoff- und Produktionskosten auf realer Ebene gelten. Unter Berücksichtigung der Preis- und Wertentwicklung hat sich die weltweite Industrieproduktion seit Anfang dieses Jahrtausends nahezu verdreifacht. Das erklärt sich zum Teil aus der wachsenden Weltbevölkerung und der damit verbundenen Notwendigkeit an industriellen Ausrüstungen. Dieses anwachsende Marktvolumen wird jedoch produktionsseitig weniger intensiv von europäischen Industrieländern bedient. Der Anteil Deutschlands an der globalen Industrieproduktion ist mit derzeit 5 Prozent nur noch halb so hoch wie in den 1990er Jahren. Europa (ohne Deutschland) sowie die USA mussten Marktanteile von jeweils rund 10 Prozentpunkten abtreten. Spiegelbildlich hat sich der Anteil Chinas auf rund 30 Prozent verzehnfacht. Zusammen mit den anderen asiatischen Ländern wird gut die Hälfte aller Industriewaren in Fernost hergestellt.
Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Standortprobleme. Niveau und Veränderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit aufgrund von Kosten und Wechselkursen entscheiden mit darüber, wie erfolgreich heimische Unternehmen im Exportgeschäft sind, von wo sie Vorleistungen beziehen („outsourcing“) oder wo sie produzieren („offshoring“). In diesem Kontext geht es neben Markterschließungseffekten auch darum, ob die deutsche Industrie ein internationales Kosten- und Preishandikap hat. Bei den Arbeitskosten hat sie seit Dekaden einen Nachteil. Zum Teil wird dem durch eine hohe Produktivität entgegengewirkt – es verbleibt gleichwohl auch bei den Lohnstückkosten ein international hohes Niveau. Hinzu kommen hohe Regulierungen auf Produkt- und Faktormärkten. Der zunehmende weltweite industriepolitische Wettlauf verstärkt dies. Des Weiteren setzen die geopolitisch bedingten Rohstoff- und Energiepreisschocks sowie heimische Energiekostenbestandteile den Industrien zu. Zudem belasten die Wechselkursaufwertungen etwa gegenüber China die Wettbewerbsfähigkeit.
Die Attraktivität eines Produktionsstandorts ergibt sich aufgrund vielfältiger Standortfaktoren. Mit dem IW-Standortindex wird die industrielle Standortqualität Deutschlands im Vergleich mit 44 Ländern auf Basis von 64 Einzelindikatoren (aggregiert in sechs Themenbereichen) bewertet. Demnach rangiert Deutschland derzeit auf Rang 12 (vbw, 2025). Auf den ersten Plätzen stehen hinter der Schweiz die skandinavischen Länder sowie Australien, Kanada und die USA. Beim Themenkomplex Markt erreicht Deutschland Rang 1. Hier werden die Offenheit der Märkte, Wertschöpfungsketten und Diversifizierung bewertet. Auch beim Wissen (etwa Innovationsumfeld und Fachkräfte) schneidet Deutschland gut ab. Bei Infrastrukturen wird Platz 11 erreicht. In Richtung Mittelmäßigkeit geht die Bewertung von Ressourcen (etwa Rohstoffe, Energie, Kapitalmarkt) und Staat (Regulierungen, Bürokratie). Bei der Kategorie Kosten (etwa Steuern, Arbeits-/Energiekosten) belegt Deutschland den besorgniserregenden vorletzten Platz.
Geopolitische Blockbildung. Dahinter steht die Beobachtung (McKinsey Global Institute, 2025), dass geopolitisch sich näherstehende Länder aufgrund der weltpolitischen Umbrüche ihre ökonomische Kooperation intensivieren mit entsprechenden Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen. Demnach forcieren China und die USA ihr „Friendshoring“ im Handel. Für Deutschland nehmen die Belastungen im Handel mit geopolitisch entfernten und sich entfernenden Ländern offensichtlich zu und der Handel mit geopolitisch näherstehenden Ländern – vor allem der europäische Hauptmarkt – kann dies nicht kompensieren.
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
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